Polypharmazie: Sechs Medikamente pro Patient verursachen jede vierte Krankenhauseinweisung
02.06.2026 - 06:19:47 | boerse-global.de
Die gleichzeitige Einnahme von fünf oder mehr Arzneimitteln ist in der Psychiatrie und Altenpflege längst Alltag – und ein wachsendes Risiko. Eine aktuelle Studie mit über 47.000 psychiatrischen Patienten belegt: Im Schnitt werden sechs Medikamente pro Patient verordnet, darunter drei Psychopharmaka und drei nicht-psychiatrische Wirkstoffe. Die Folge: Wechselwirkungen zwischen den Präparaten sind für jede vierte krankheitsbedingte Krankenhauseinweisung verantwortlich – und sogar für jede zweite Verlegung auf die Intensivstation.
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Depression: Jeder dritte Patient spricht nicht auf Therapie an
Besonders brisant ist die Lage bei Menschen mit schweren Depressionen. Die DIVERGE-Studie, die zwischen 2021 und 2025 in Pakistan 3.677 Patienten begleitete, zeigt: 34 Prozent der Teilnehmer litten unter einer behandlungsresistenten Depression (TRD). Von ihnen erhielten 86 Prozent mehrere Psychopharmaka gleichzeitig, 52 Prozent eine Kombination aus Antidepressivum und Antipsychotikum oder Stimmungsstabilisierer. Auffällig: Patienten mit einem bestimmten Enzymprofil (CYP2C19-Ultraschnellmetabolisierer) hatten ein deutlich höheres Risiko für Therapieresistenz. Starke soziale Unterstützung senkte das Risiko dagegen spürbar.
Digitale Lösungen gegen das Chaos auf dem Rezeptblock
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das Problem erkannt. Mit ihrer 2017 gestarteten Initiative „Medication Without Harm“ will sie schwere vermeidbare Medikamentenschäden innerhalb von fünf Jahren um die Hälfte reduzieren. Im Fokus: Hochrisikopräparate, Polypharmazie und die Übergänge zwischen verschiedenen Behandlungssettings.
Deutschland setzt dabei auf die elektronische Patientenakte (ePA). Seit dem 15. Januar 2025 gilt das Opt-out-Modell: Jeder Versicherte erhält automatisch eine Akte, kann aber widersprechen. Ärzte und Krankenhäuser erhalten bei Nutzung der Versichertenkarte 90 Tage lang Zugriff auf alle Gesundheitsdaten – ein entscheidender Schritt für mehr Sicherheit. Österreich fährt mit dem „eMedikation“-System im Rahmen der elektronischen Gesundheitsakte ELGA einen ähnlichen Kurs.
Schwangerschaft: Antidepressiva und das Risiko fürs Kind
Eine Meta-Analyse im Fachjournal The Lancet Psychiatry hat die Daten von über 25 Millionen Schwangerschaften ausgewertet. Ergebnis: Die Einnahme von Antidepressiva während der Schwangerschaft war mit einem leicht erhöhten Risiko für ADHS und Autismus beim Kind verbunden. Doch nach Bereinigung um Faktoren wie die psychische Gesundheit der Mutter und genetische Einflüsse wurden die Zusammenhänge deutlich schwächer oder verschwanden ganz. Die Autoren warnen vor voreiligen Schlüssen.
ADHS: Zu niedrig oder zu hoch dosiert?
Bei der Behandlung von ADHS haben Forscher zwei typische Fehler identifiziert: „therapeutische Trägheit“ – wenn die Dosis zu lange zu niedrig bleibt – und eine unkritische Dosissteigerung über die zugelassenen Grenzen hinaus. Die Studienautoren fordern daher adaptive Dosierungsstrategien in klinischen Studien.
Entzündungshemmer gegen Depression: Hoffnung für Schwerkranke
Eine kleine, aber vielversprechende Studie der University of Bristol mit 30 Patienten mit behandlungsresistenter Depression untersuchte den Wirkstoff Tocilizumab, ein entzündungshemmendes Medikament. Die Ergebnisse: 54 Prozent der Patienten erreichten eine Remission, in der Placebogruppe waren es nur 31 Prozent. Besonders stark wirkte das Mittel bei Patienten mit erhöhten Entzündungswerten vor Behandlungsbeginn.
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Kürzungen und neue Verträge: Der Wandel im Gesundheitswesen
Der Kostendruck macht auch vor der Psychotherapie nicht halt. Seit dem 1. April 2026 sind die Honorarsätze für Psychotherapeuten in Deutschland um 4,5 Prozent gesunken. Die Folge: längere Wartezeiten für Patienten. Auf der Arzneimittelseite treten zum 1. Juli 2026 neue Rabattverträge für Rivaroxaban-Generika (Xarelto) in Kraft – betroffen sind unter anderem die Kassen TK, Barmer und DAK.
Dänemark geht einen anderen Weg: Der dortige Medikamentenrat hat Sulfonylharnstoffe in der Behandlung von Typ-2-Diabetes herabgestuft – wegen der Gefahr von Unterzuckerungen. Aktuell werden SGLT-2-Hemmer vor GLP-1-Medikamenten bevorzugt, Tirzepatid steht gleichrangig neben Semaglutid.
Demografie: Die alternde Gesellschaft fordert neue Lösungen
Österreich steht vor einer gewaltigen Herausforderung: Bis 2050 wird der Anteil der über 65-Jährigen auf 28 Prozent steigen. Die Zahl der Demenzfälle wird überproportional zunehmen. Gefragt sind daher einfachere Diagnoseverfahren – etwa Bluttests auf Biomarker – und biologische Therapien wie Antikörper gegen Amyloid für die Frühphase der Alzheimer-Krankheit.
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