Polypharmazie, Senioren

Polypharmazie bei Senioren: Übergewicht verdoppelt Medikamentenflut

02.07.2026 - 12:31:13 | boerse-global.de

Studie zeigt: Jeder vierte Fall von Mehrfachmedikation bei Älteren ist auf Adipositas zurückzuführen. Neue Initiativen sollen Abhilfe schaffen.

Übergewicht als Treiber: Polypharmazie bei Senioren steigt rasant
Polypharmazie - Ältere Hände halten mehrere Medikamentenflaschen, um die Belastung durch Polypharmazie und Adipositas darzustellen. 02.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Das zeigt eine aktuelle Analyse im Journal of General Internal Medicine.

Die Forscher werteten Daten der US-amerikanischen NHANES-Erhebung aus den Jahren 2021 bis 2023 aus. Von den Senioren ab 65 Jahren nahmen 41,8 Prozent regelmäßig mindestens fünf verschreibungspflichtige Medikamente ein – das entspricht rund 22 Millionen Menschen in den USA allein.

Der Zusammenhang mit dem Körpergewicht ist frappierend: Während 35,9 Prozent der Normalgewichtigen von Polypharmazie betroffen waren, stieg der Anteil bei Adipositas-Patienten auf 51,1 Prozent. Besonders stark trifft es Menschen mit höhergradigem Übergewicht (Klasse II–IV).

Die Verschreibungskaskade

Adipositas gilt als Katalysator für chronische Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Stoffwechselstörungen. Jede dieser Begleiterkrankungen erfordert eigene Medikamente – das Risiko für Wechselwirkungen steigt, die Therapietreue sinkt.

Hinzu kommt ein bekanntes Phänomen: die sogenannte Verschreibungskaskade. Dabei werden neue Präparate verordnet, um Nebenwirkungen bestehender Medikamente zu behandeln – obwohl die Symptome oft falsch interpretiert wurden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Adipositas daher als einen der Haupttreiber für nicht übertragbare Krankheiten ein.

Neue Strategien gegen die Pillenflut

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International laufen seit Juli 2026 mehrere Initiativen, um die Überversorgung zu stoppen. In Australien startete die Monash University das Programm „SUPPORT-Meds“ – ein mit fünf Millionen Dollar gefördertes Projekt zum strukturierten Absetzen von Hochrisiko-Medikamenten. Es zielt zunächst auf Schlafmittel bei älteren Menschen, später auch auf Opioide, Psychopharmaka und Magensäureblocker.

Parallel gewinnen GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid an Bedeutung. Eine Beobachtungsstudie mit über 26.000 Teilnehmern zeigte, dass diese Präparate die Gesamtmortalität bei Adipositas-Patienten mit Autoimmunerkrankungen um 44 Prozent senken. In den USA startete Medicare am 1. Juli ein „Bridge-Programm“ für rund 3,8 Millionen Versicherte mit einem BMI ab 35 (bzw. ab 27 bei Begleiterkrankungen).

Deutschland hinkt hinterher

Eine Untersuchung der Universität Heidelberg aus dem Frühjahr 2026 offenbart massive Lücken in der deutschen Versorgung. Von über 2.000 befragten übergewichtigen Personen hatten 85 Prozent bereits Abnehmversuche unternommen – aber drei von vier Versuchen liefen ohne professionelle Begleitung. Weniger als die Hälfte hatte das Thema beim Hausarzt angesprochen.

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Noch gravierender: Nur 19 Prozent kannten digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs), obwohl das Interesse an solchen Lösungen deutlich höher lag. Als größte Hürden nannten die Befragten mangelnde Kenntnisse über Angebote, Zweifel an der Wirksamkeit und fehlende subjektive Dringlichkeit.

Kritik gibt es auch an der neuen Chroniker-Pauschale, die am 1. Juli in Deutschland eingeführt wurde. Sie gilt nur für Patienten zwischen 18 und 74 Jahren mit genau einer chronischen Erkrankung und einem einzigen Medikament. Ausgerechnet die multimorbiden Patienten mit Polypharmazie – bei denen eine koordinierte Medikamentenreduktion am dringendsten wäre – fallen durchs Raster.

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