Pflegeversicherung: Defizit soll 2028 auf mehr als 15 Milliarden Euro steigen
Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 06:14 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die gesetzliche Pflegeversicherung steht vor erheblichen finanziellen Herausforderungen. Laut Berichten der Bundesregierung drohen der Versicherung ohne Gegenmaßnahmen Defizite von rund 7,6 Milliarden Euro im Jahr 2027 sowie über 15 Milliarden Euro im Jahr 2028; für das Jahr 2026 wird ein Fehlbetrag von rund 4,4 Milliarden Euro veranschlagt.
Andere Schätzungen gehen für die Folgejahre von Defiziten in Höhe von 17 bis 18 Milliarden Euro aus. Um die Finanzierungslücke abzuwenden, hat das Bundeskabinett den Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes beschlossen. Mit dem Start des parlamentarischen Verfahrens treten die Neuregelungen allerdings noch nicht unmittelbar in Kraft.
Geplante Einnahmen und Beitragsanpassungen
Der allgemeine Beitragssatz zur Pflegeversicherung soll in den kommenden Jahren und insbesondere für 2027 bei 3,6 Prozent stabil gehalten werden. Ab 2029 ist vorgesehen, den Satz jährlich anhand der Kerninflation anzupassen. Dennoch müssen sich Teile der Beitragszahler auf Mehrbelastungen einstellen.
So steigt der Kinderlosenzuschlag ab dem 1. Januar 2027 um 0,3 Prozentpunkte von 0,6 auf 0,9 Prozent an, was nach Regierungsangaben jährliche Mehreinnahmen von rund 3,3 Milliarden Euro erbringen soll. Zudem wird die monatliche Beitragsbemessungsgrenze im Jahr 2027 um 300 Euro angehoben, woraus rund 500 Millionen Euro erwartet werden.
Ab dem 1. Januar 2028 ist ferner ein Beitragszuschlag von 0,52 Prozentpunkten beziehungsweise 0,52 Prozent auf die beitragspflichtigen Einnahmen für bisher beitragsfrei mitversicherte Ehe- oder Lebenspartner sowie für Minijobs vorgesehen.
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Änderungen bei Leistungen und Einstufungen
Auf der Leistungsseite sieht der Regierungsentwurf spürbare Einschnitte und neue Priorisierungen vor:
- Für Neuzugänge im Pflegegrad 1 soll der bisherige monatliche Entlastungsbetrag von 131 Euro entfallen, was im kommenden Jahr Einsparungen von 800 Millionen Euro bewirken soll.
- Die Einstufungen in die Pflegegrade 1 bis 3 sollen strenger und zielgenauer erfolgen, wodurch im Jahr 2030 Entlastungen von rund 4,2 Milliarden Euro angestrebt werden.
- Die Verhinderungspflege von bis zu 3.540 Euro jährlich soll gestrichen werden.
- Vollständig erhalten bleiben hingegen die Rentenversicherungsbeiträge pflegender Angehöriger sowie die Zuschüsse für Heimbewohner.
Gleichzeitig beinhaltet das Paket neue Versorgungsangebote wie eine strukturierte Pflegebegleitung, neue ambulante Budgets, ein digitales Pflege-Cockpit, eine Akut-Kurzzeitpflege ab 2028 sowie einen Anspruch auf einen sogenannten Check-up 60+ zur Prüfung von Reha-Möglichkeiten.
Für die Digitalisierung der Langzeitpflege sind insgesamt 2 Milliarden Euro an Fördermitteln vorgesehen, davon 1,6 Milliarden Euro aus Bundesmitteln und bis zu 400 Millionen Euro von den Ländern.
Vertagte Strukturreform und politische Debatte
Weitreichende strukturelle Weichenstellungen wurden zunächst ausgeklammert. Eine Pflegestrukturkommission soll bis Ende Januar 2027 umfassende Vorschläge erarbeiten. Die Gesetzgebung soll daraufhin bis Ostern beginnen, damit ein zweiter Reformschritt zum 1. Juli 2027 in Kraft treten und bis Jahresende abgeschlossen sein kann.
In der politischen Bewertung gehen die Meinungen auseinander. Vertreter der SPD begrüßten, dass Leistungskürzungen beim Pflegegeld und bei Heimbewohnern verhindert wurden.
Dagmar Schmidt aus der SPD-Fraktion mahnte jedoch an, dass es sich nur um eine kurzfristige Stabilisierung handele, und forderte einen Finanzausgleich zwischen gesetzlicher und privater Versicherung sowie einen Kostendeckel von 1.500 Euro für reine Heimkosten, die im Schnitt bei 3.364 Euro lägen.
Die Union lehnte eine Einbindung der privaten Pflegeversicherung ab, während CDU-Politiker Linnemann die Rückzahlung von mehr als 5 Milliarden Euro an Corona-Hilfen aus dem Bundeshaushalt einforderte. Grüne und Linke kritisierten das Vertagen der grundlegenden Reformen.
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Auch das Deutsche Rote Kreuz mahnte eine langfristig tragfähige Finanzierung an und forderte, tarifliche Kostensteigerungen verlässlich zu refinanzieren. Aktuell beziehen in Deutschland 5,7 Millionen Menschen Pflegeversicherungsleistungen, 4,9 Millionen von ihnen werden im häuslichen Umfeld versorgt.
