Pflegekrise, Defizit

Pflegekrise: Defizit wächst auf 15 Milliarden Euro bis 2028

Veröffentlicht am: 11.09.2026 um 20:31 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Linnemann plant eine Pflegekommission, während steigende Ausgaben, wachsende Defizite und mehr Pflegebedürftige den Reformdruck erhöhen.

Pflegeversicherung vor Reform: Milliardenlücke und neue Kommission
Ein leerer Sessel in einem sonnendurchfluteten Wohnzimmer, der die häusliche Atmosphäre und Stille symbolisiert. Illustration mit AI erstellt.

Angesichts tiefgreifender demografischer Verschiebungen und finanzieller Engpässe steht die deutsche Pflegeversicherung vor einer grundlegenden Neuordnung. Bundesgesundheitsminister Linnemann (CDU) kündigte die Einsetzung einer Strukturkommission Pflege an, die den Weg für eine umfassende Reform im kommenden Jahr ebnen soll.

Ziel des Vorhabens ist es, die Zukunftsfähigkeit des Systems zu sichern, da dieses nach Einschätzung des Ministers ohne strukturellen Umbau in den 2030er-Jahren vor einem Kollaps stehe.

Wirtschaftliche Herausforderungen und Einsparziele

Die finanzielle Lage der Pflegekassen ist angespannt. Aktuell belaufen sich die jährlichen Pflegeausgaben auf rund 75 Milliarden Euro. Um das System zu stabilisieren, sieht der Gesundheitsminister die Notwendigkeit, Einsparungen in Höhe von zehn Prozent zu realisieren.

Ohne entsprechende Gegenmaßnahmen wird für das Jahr 2027 ein Defizit von etwa 8 Milliarden Euro in der sozialen Pflegeversicherung prognostiziert. Berechnungen des Bundesarbeitsministeriums deuten darauf hin, dass die Lücke im Jahr 2028 sogar auf über 15 Milliarden Euro anwachsen könnte.

Ein zentrales Element der kurzfristigen Strategie ist das Pflegeneuordnungsgesetz, das noch auf Entwürfe der Amtsvorgängerin Warken zurückgeht. Ein entsprechender Kabinettsbeschluss wird noch für den Verlauf des Septembers angestrebt. Das Gesetz sieht unter anderem Ausgabenbremsen und Maßnahmen zur Generierung von Mehreinnahmen vor.

Kontroverse um den Finanzausgleich zwischen Versicherungssystemen

Ein zentraler Streitpunkt in der politischen Debatte bleibt der sogenannte Pflegesoli. Dabei handelt es sich um einen vorgeschlagenen Finanzausgleich zwischen der privaten Pflegepflichtversicherung und den gesetzlichen Pflegekassen.

Das Bundesarbeitsministerium hatte in einem Papier einen solchen Ausgleich thematisiert, um die „gravierende Kostenasymmetrie“ abzumildern. Laut Berichten aus dem Jahr 2024 ist der Anteil Pflegebedürftiger im gesetzlichen System fast doppelt so hoch wie bei den Privatversicherten.

Bundesgesundheitsminister Linnemann erteilte diesen Plänen jedoch eine Absage und verwies dabei auf verfassungsrechtliche Bedenken. Auch der PKV-Verband lehnt einen solchen Transfer strikt ab. Verbandsdirektor Florian Reuther betonte, man werde die Versicherten mit rechtlichen Mitteln vor verfassungswidrigen Belastungen schützen.

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Die Pflegeausgaben liegen bei rund 75 Milliarden Euro jährlich, und für 2028 wird eine Lücke von über 15 Milliarden Euro prognostiziert. Wer einen Angehörigen zu Hause versorgt, sollte deshalb jetzt prüfen, welche Leistungen ihm tatsächlich zustehen. Der kostenlose Ratgeber bündelt die wichtigsten Hebel zur Pflegefinanzierung und eine Checkliste der Entlastungsleistungen. Kostenlosen Pflege-Ratgeber anfordern

Ein Gutachten des Juristen Hanno Kube stützt diese Position und bewertet den geplanten Ausgleich als verfassungswidrig. Befürworter des Modells, wie die AOK-Chefin Reimann, verweisen hingegen auf die akute Notlage der Pflegefinanzierung.

Demografische Entwicklung und gesellschaftliche Folgen

Die Dringlichkeit der Reform wird durch Daten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages aus dem August 2026 unterstrichen. Demnach gibt es in Deutschland aktuell 5,7 Millionen Pflegebedürftige, von denen 80 Prozent häuslich versorgt werden.

Bis zum Jahr 2055 wird ein Anstieg auf 6,78 Millionen Menschen erwartet, was einer Zunahme von 37 Prozent entspricht. Bis zum Jahr 2050 könnte die Zahl laut Prognosen des Gesundheitsministeriums sogar auf 7,5 Millionen steigen.

Diese Entwicklung hat weitreichende Konsequenzen für die pflegenden Angehörigen und die Wirtschaft:
- Der Gender Care Gap liegt bei 43,4 Prozent; Frauen leisten täglich deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit.
- Rund 625.000 Pflegende haben ihren Erwerbsumfang reduziert, während 405.000 Personen ihre Berufstätigkeit vollständig aufgegeben haben.
- Die volkswirtschaftlichen Folgekosten durch die Belastung pflegender Angehöriger werden auf 19 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

Ansätze zur Entlastung und Digitalisierung

Neben strukturellen Reformen gewinnen regionale Projekte und digitale Lösungen an Bedeutung. In Nordrhein-Westfalen startete das Pilotprojekt „TeReS“, das bis Juni 2027 läuft. Hierbei wird eine App für pflegende Angehörige mit einem KI-gestützten Beratungstool kombiniert, um die Sorgearbeit im häuslichen Umfeld zu unterstützen.

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Rund 625.000 Pflegende haben ihren Erwerbsumfang reduziert, 405.000 die Berufstätigkeit ganz aufgegeben — meist weil Anträge und Zuständigkeiten unklar sind. Der kostenlose Leitfaden führt Schritt für Schritt durch den Pflegegrad-Antrag, von der Begutachtung bis zum Widerspruch. Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Pflegegrad-Antrag sichern

Auch auf Ebene der Sozialverbände werden Forderungen laut. Der SoVD begrüßt zwar angekündigte Kurskorrekturen beim Pflegeneuordnungsgesetz, kritisiert jedoch geplante Kürzungen bei Rentenbeiträgen für Pflegende und fordert einen Ausbau ambulanter Dienste sowie Entgeltersatzleistungen analog zum Elterngeld.

Die Ergebnisse der neuen Expertenkommission des Bundesgesundheitsministeriums werden in den kommenden Monaten erwartet und sollen konkrete Vorschläge zur Begrenzung von Eigenanteilen und zur Stärkung der häuslichen Pflege liefern.

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