Pflegekrise, Defizit

Pflegekrise: Defizit von 22,5 Milliarden Euro in zwei Jahren

29.05.2026 - 15:14:02 | boerse-global.de

Die soziale Pflegeversicherung steht vor einem Defizit von 22,5 Milliarden Euro bis 2028. Experten warnen vor steigenden Beiträgen und fordern Reformen.

Pflegekrise: Defizit von 22,5 Milliarden Euro in zwei Jahren - Foto: über boerse-global.de
Pflegekrise: Defizit von 22,5 Milliarden Euro in zwei Jahren - Foto: über boerse-global.de

Deutschlands soziale Pflegeversicherung steuert auf ein gewaltiges Finanzdefizit zu. Die Zahl der Leistungsempfänger ist seit 2016 von zwei auf über sechs Millionen gestiegen – und die Kosten explodieren.

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken schlägt Alarm. Aktuelle Prognosen aus dem Mai 2026 zeigen ein düsteres Bild: Bereits für 2027 zeichnet sich ein Defizit von mehr als 7,5 Milliarden Euro ab. Im Jahr darauf könnte die Lücke auf über 15 Milliarden Euro anwachsen. Insgesamt droht den Kassen in den nächsten zwei Jahren ein Fehlbetrag von 22,5 Milliarden Euro.

Die finanzielle Schieflage trifft auf eine ohnehin angespannte Lage für Pflegebedürftige. Der durchschnittliche Eigenanteil für Heimbewohner liegt mittlerweile bei 3.245 Euro monatlich – ein Anstieg von über 67 Prozent im Vergleich zu 2020, als die Summe noch bei 1.940 Euro lag. Der reguläre Beitragssatz beträgt seit Anfang 2025 3,6 Prozent, Kinderlose zahlen mit 4,2 Prozent einen deutlich höheren Satz.

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Union fordert stärkere Einbindung privater Vermögen

Der stellvertretende Unionsfraktionschef Albert Stegemann brachte am 27. und 28. Mai einen kontroversen Vorschlag ins Spiel: Pflegebedürftige sollen künftig stärker auf ihr privates Vermögen zurückgreifen müssen – einschließlich selbstgenutzter Immobilien. Erst wenn diese Mittel erschöpft sind, soll die solidarische Pflegekasse einspringen. „Die Sozialversicherung darf kein Erbschutzprogramm sein", argumentierte Stegemann.

Die Reaktionen in der Koalition fallen gemischt aus. SPD-Fraktionsvize Dagmar Schmidt zeigt sich gesprächsbereit, was eine stärkere Beteiligung Wohlhabender angeht. Ihr Parteikollege und Gesundheitsexperte Christos Pantazis lehnt den Zugriff auf Wohneigentum jedoch strikt ab. Unterstützung erhält er von Sozialverbänden wie dem VdK und SoVD, die den Vorstoß als sozial problematisch kritisieren. Die Linke nutzt die Debatte für ihre Forderung nach einer umfassenden „Bürgerversicherung Pflege".

Wirtschaftsweise warnen vor Beitragsexplosion

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung legte am 27. Mai sein Frühjahrsgutachten vor – mit alarmierenden Zahlen. Ohne Gegenmaßnahmen könnten die gesamten Sozialabgaben von aktuell 42,3 Prozent bis 2040 auf fast 50 Prozent steigen. Um den Pflegebeitrag bis dahin nicht auf 5,2 Prozent klettern zu lassen, empfehlen die Experten ein Bündel einschneidender Maßnahmen:

  • Leistungskürzungen: Nicht zielgerichtete Leistungen wie der Entlastungsbetrag von bis zu 1.572 Euro jährlich sollen gestrichen werden. Das würde rund 15 Prozent der Ausgaben einsparen.
  • Verschärfte Einstufung: Die Pflegegrade sollen wieder an den strengeren Kriterien von 2017 gemessen werden.
  • Kapitaldeckung: Ein neuer Pflegevorsorgefonds (PVF II) soll generationengerecht angespart werden und den Beitrag bis 2040 bei etwa 3,4 Prozent stabilisieren.

Gesundheitsökonomen betonen: Die Vorschläge könnten die Kassen sanieren, bergen aber sozialen Sprengstoff – besonders für Menschen, die bereits heute an der Belastungsgrenze leben.

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Reform kommt später als geplant

Der ursprünglich für Mitte Mai erwartete Gesetzesentwurf zur Pflegereform verzögert sich. Ministerin Warken rechnet nun mit der Vorlage des Konzepts Anfang Juli 2026.

Konkret im Gespräch sind unter anderem eine leichte Anhebung des Zuschlags für Kinderlose um 0,1 Prozentpunkte auf dann 0,7 Prozent. Auch eine Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze und eine Deckelung der Eigenanteile für Heimbewohner stehen zur Debatte. Diskutiert wird zudem, die Rentenpunkte für pflegende Angehörige zu reduzieren. Um die Kassen zu entlasten, plant das Gesundheitsministerium ab 2027 zudem Einsparungen von rund 16,3 Milliarden Euro bei den Krankenkassen.

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