Pflege-Krise, Defizit

Pflege-Krise: Defizit wächst auf 15 Milliarden Euro bis 2028

Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 02:22 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Das Gesundheitsministerium plant eine Pflegekommission. Defizite, Demografie und ein möglicher Finanzausgleich prägen die Reformdebatte.

Pflegereform: Strukturkommission soll System bis 2027 neu ordnen
Ein heller, minimalistischer Flur in einer modernen Pflegeeinrichtung mit klaren architektonischen Linien und weichem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Angesichts wachsender finanzieller Herausforderungen und einer alternden Gesellschaft plant das Bundesgesundheitsministerium unter Einbeziehung von Carsten Linnemann (CDU) die Einsetzung einer Strukturkommission.

Das Gremium, das mit unabhängigen Fachleuten und Wissenschaftlern besetzt werden soll, hat die Aufgabe, Vorschläge für eine grundlegende Pflegereform bis zum Jahr 2027 zu erarbeiten. Ziel dieser Initiative ist es, das Pflegesystem langfristig zu stabilisieren und an die künftigen Anforderungen anzupassen.

Finanzielle Schieflage und demografischer Druck

Die Notwendigkeit einer umfassenden Neuausrichtung begründete Carsten Linnemann damit, dass das aktuelle Pflegesystem nicht mehr als zukunftsfest gelte. Ohne einen grundlegenden Umbau drohe dem System in den 2030er-Jahren der Kollaps.

Den vorliegenden Daten zufolge belaufen sich die jährlichen Ausgaben in der Pflege derzeit auf rund 75 Milliarden Euro. Um die Stabilität zu gewährleisten, erachte Linnemann Einsparungen in Höhe von zehn Prozent für erforderlich.

Der demografische Wandel verschärft die Situation zusätzlich. Während heute etwa 6 Millionen Menschen als pflegebedürftig gelten, wird bis zum Jahr 2050 mit einem Anstieg auf rund 7,5 Millionen Personen gerechnet.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den prognostizierten Defiziten der Pflegeversicherung wider: Für das Jahr 2027 wird mit einem Fehlbetrag von 8 Milliarden Euro gerechnet, der im Jahr 2028 auf über 15 Milliarden Euro ansteigen könnte.

Effizienzsteigerung durch Digitalisierung und Notfallreform

Ein zentraler Baustein der Reformbestrebungen ist die Entlastung des Personals von bürokratischen Aufgaben. Für den Monat Oktober wird ein Digitalgesetz angekündigt, das Ärzte und Pflegekräfte spürbar von der Dokumentationspflicht befreien soll. Aktuell verbringe ein Krankenhausarzt knapp drei Stunden am Tag mit administrativen Tätigkeiten.

Parallel dazu steht eine Reform der Notfallversorgung im Fokus. Im Jahr 2025 wurden rund 13 Millionen ambulante Notfallbehandlungen registriert, wobei die damit verbundenen Fahrtkosten ein Volumen von über 10 Milliarden Euro erreichten.

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Durch die geplanten Maßnahmen sollen Notaufnahmen entlastet und die Effizienz im Rettungswesen gesteigert werden. Im Rahmen einer Bundestagsdebatte forderte Linnemann zudem, die Ausgaben konsequenter an die Einnahmen anzupassen, um die Beiträge perspektivisch wieder senken zu können.

Kontroverse um den Finanzausgleich

Ein politisch hoch umstrittener Punkt bleibt der mögliche Finanzausgleich zwischen der privaten und der gesetzlichen Pflegeversicherung. In einem Ministeriumspapier des Bundesgesundheitsministeriums wird derzeit ein Risikoausgleich geprüft, der einen Kostentransfer von bis zu 2 Milliarden Euro pro Jahr vorsehen könnte.

Zudem steht ein Altersrückstellungsausgleich von rund 500 Millionen Euro pro Jahr im Raum. Die Bundesregierung verwies in diesem Zusammenhang auf einen Bericht aus dem Jahr 2024, wonach der Anteil der Pflegebedürftigen im gesetzlichen System fast doppelt so hoch sei wie im privaten Sektor.

Die private Pflegeversicherung verfügt über Rücklagen von mehr als 40 Milliarden Euro bei jährlichen Beitragseinnahmen von gut 5 Milliarden Euro. Ein Finanzausgleich würde dort Schätzungen zufolge Beitragssteigerungen von knapp 40 Prozent nach sich ziehen. Carsten Linnemann lehnt einen solchen Ausgleich aus verfassungsrechtlichen Gründen jedoch ab.

Politische Reaktionen und Zeitplan

Die Pläne stoßen auf ein geteiltes Echo. Während die Diakonie die Einführung eines „Pflege-Solis“ fordert – mit Verweis darauf, dass die Leistungsausgaben der privaten Pflegeversicherung lediglich 40 Prozent der gesetzlichen betragen –, üben andere Akteure scharfe Kritik.

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Ines Schwerdtner von der Linken bezeichnete die Strukturkommission als potenzielles Kürzungsprogramm. Auch seitens des AGVP, des VdK-NRW sowie der SPD wurden Vorbehalte oder alternative Reformideen geäußert.

Unabhängig von der langfristigen Kommissionsarbeit arbeitet die schwarz-rote Koalition an kurzfristigen Lösungen, um das für 2027 erwartete Defizit abzufangen. Ein entsprechender Gesetzentwurf (PNOG) soll noch im September das Kabinett erreichen, wobei Termine am 16., 23. oder 30. September möglich sind. Ein weiterer Bericht der Gesundheits-Kommission wird für den Dezember erwartet.

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