Pflanzliche Proteine: MRI findet tatsächliche Werte bis zu 21 Prozent niedriger
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 16:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Transformation der Eiweißversorgung gewinnt in der Agrar- und Ernährungswirtschaft zunehmend an Bedeutung. Vor diesem Hintergrund hat das vom Deutschen Bundestag eingerichtete Forum „Proteine der Zukunft auf den Teller“, dessen Koordination beim Kompetenzzentrum Proteine der Zukunft der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung liegt, ein Positionspapier mit konkreten Handlungsempfehlungen an Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer übergeben.
Der Zusammenschluss von rund 40 Organisationen fordert darin eine grundlegende Weichenstellung, um die heimische Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und das wirtschaftliche Potenzial pflanzlicher sowie neuartiger Eiweißträger voll auszuschöpfen.
Mehr Forschungsgelder und effiziente Zulassungsverfahren
Im Zentrum des Positionspapiers steht der Ausbau der Forschungs- und Entwicklungsstrukturen. Das Forum plädiert dafür, dass Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas mehr öffentliche Mittel für Forschung und Entwicklung im Bereich innovativer Proteine bereitstellt.
Zudem fordern die beteiligten Organisationen eine technologieoffene Förderung, eine Stärkung der Verarbeitungskapazitäten und mehr Innovation entlang der gesamten Kette. Um Synergien optimal zu nutzen, sollen bestehende Kompetenzen künftig gezielt in Innovationsclustern gebündelt werden.
Ein weiterer zentraler Punkt betrifft die regulatorischen Rahmenbedingungen: Das Gremium dringt auf effizientere Zulassungsverfahren, betont dabei jedoch, dass hohe Standards bei der Lebensmittelsicherheit stets gewahrt bleiben müssen. Zugleich spricht sich das Positionspapier klar dagegen aus, geläufige Bezeichnungen für pflanzliche Fleischalternativen einzuschränken, um Marktzugänge nicht unnötig zu erschweren.
Milliardenschweres Potenzial bis 2045
Die wirtschaftliche Ausgangslage unterstreicht die Relevanz dieser Forderungen. Mit einem Marktvolumen für pflanzenbasierte Produkte von 1,71 Milliarden Euro im Jahr 2025 bildet Deutschland bereits den größten Markt in Europa. Mindestens 150 Unternehmen sind hierzulande entlang der entsprechenden Wertschöpfungskette aktiv.
Wer pflanzliche Proteine deklariert, rechnet bislang mit dem Standardfaktor 6,25 — und erfasst dabei auch Nicht-Protein-Stickstoff. Das Max Rubner-Institut zeigt: Die tatsächlichen Werte liegen um 5 bis 21 Prozent niedriger, bei Nüssen, Mandeln und Vollkornbrot am deutlichsten. Unser kostenloser Leitfaden führt Sie in drei Schritten durch die korrekte Eiweißberechnung und die wichtigsten Kennzeichnungsregeln. Praxis-Leitfaden zur Eiweißberechnung jetzt anfordern
Langfristige Prognosen verdeutlichen das weitere Wachstumspotenzial: Bis zum Jahr 2045 könnte der Bereich alternativer Proteine Schätzungen zufolge jährlich zwischen 20 und 65 Milliarden Euro zur Wirtschaftsleistung beitragen. Darüber hinaus könnten bis zu 250.000 Bruttoarbeitsplätze entstehen sowie Exportmöglichkeiten von nahezu 35 Milliarden Euro pro Jahr erschlossen werden.
Kontroverse um Bezeichnungen und verlässliche Nährwertdaten
Die Forderung nach verlässlichen Kennzeichnungsregeln fällt in eine Phase intensiver europäischer Debatten. In Brüssel fordern 28 Industrieverbände und Lebensmittelunternehmen – darunter die European Alliance for Plant-Based Foods (EAPF), Plant-Based Foods Europe (PBFE), die European Vegetable Protein Association (EUVEPRO) sowie Unternehmen wie Beyond Meat, Quorn, Moving Mountains, Redefine Meat, Linda McCartney Foods, Meatless Farm und das Vegetarian Butcher Collective – die Abgeordneten des EU-Parlaments auf, weitere Namensbeschränkungen im Rahmen der CMO-Revision abzulehnen.
Entsprechende Änderungsanträge zielen darauf ab, Begriffe wie Burger, Schnitzel, Nugget oder Wurst für pflanzliche Alternativen zu untersagen. Der Verband BALPro beziffert den potenziellen wirtschaftlichen Schaden solcher Beschränkungen allein in Deutschland auf rund 250 Millionen Euro. Der europäische Verbraucherverband BEUC stellte bereits 2020 fest, dass vier von fünf Verbrauchern kein Problem mit den etablierten Namen sehen; der Europäische Gerichtshof bestätigte zudem 2024 in der Rechtssache C-438/23 die bestehenden Vorgaben als ausreichend.
Parallel dazu rückt auch die präzise Nährwertbestimmung in den Fokus der Forschung. Eine Untersuchung des Max Rubner-Instituts (MRI) ergab, dass das gängige Verfahren zur Eiweißberechnung systematisch zu hohe Werte liefert, da über den Standardmultiplikator 6,25 auch Nicht-Protein-Stickstoff erfasst wird.
Die EU-Debatte um Bezeichnungen wie Burger, Schnitzel oder Wurst für pflanzliche Alternativen läuft — 28 Verbände und Unternehmen fordern, weitere Namensbeschränkungen abzulehnen. Wer heute Produkte kennzeichnet, braucht Klarheit über die geltenden Vorgaben und die absehbaren Änderungen. Unser Leitfaden ordnet die Rechtslage ein und zeigt, welche Angaben auf Ihren Verpackungen Bestand haben. Kennzeichnungs-Leitfaden jetzt kostenlos sichern
Der tatsächliche Proteingehalt liegt laut MRI um 5 bis 21 Prozent niedriger – bei Milchprodukten um rund 5 Prozent, bei Nüssen, Mandeln und Vollkornbrot um bis zu 21 Prozent.
Zwar sind die Angaben lebensmittelrechtlich korrekt, ein internationales Wissenschaftsnetzwerk legte jedoch im Jahr 2026 in der Fachzeitschrift „Food Chemistry“ mit der Datenbank „NiCE factors“ präzisere Umrechnungsfaktoren vor, deren Übernahme künftige regulatorische Anpassungen erfordern würde.
