Pflanzliche Ernährung: Mäuse zeigen nach zwei Tagen Leberveränderungen
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 16:54 Uhr | Redaktion boerse-global.deEine rein pflanzliche Ernährung kann den Stoffwechsel der Leber und das Aktivitätsniveau bereits nach sehr kurzer Zeit beeinflussen. Dies geht aus einer tierexperimentellen Untersuchung der Universität Genf (UNIGE) hervor, die am 4. September 2026 online publiziert wurde und für die Ausgabe der Fachzeitschrift Molecular Metabolism im November vorgesehen ist.
Die Untersuchung an Mäusen liefert detaillierte Einblicke in molekulare Anpassungsprozesse, wirft zugleich aber Fragen hinsichtlich der Übertragbarkeit auf den menschlichen Organismus auf.
Rasche Stoffwechselanpassung im Tiermodell
Im Rahmen des Versuchsaufbaus untersuchte das Forschungsteam der UNIGE zwei Gruppen von Tieren. Eine Gruppe erhielt eine laktovegetarische Diät, die sich aus pflanzlichen Proteinen sowie tierischen Proteinen aus Milchprodukten zusammensetzte. Die Tiere der Vergleichsgruppe wurden ausschließlich mit pflanzlichen Proteinen ernährt.
Bereits nach zwei Tagen zeigten die Mäuse mit der rein pflanzlichen Ernährung messbare Veränderungen der Leberfunktion. Ihre Leber wies eine weniger effiziente Glukoseproduktion auf, wodurch die Fähigkeit sank, den Blutzuckerspiegel im Fastenzustand stabil zu halten. Zugleich ging die spontane körperliche Aktivität der betroffenen Tiere deutlich zurück; sie nutzten das Laufrad seltener als zuvor.
Verantwortlich für diesen Effekt ist nach Angaben der Studienautoren eine verminderte Zufuhr sogenannter verzweigtkettiger Aminosäuren (BCAA) wie Leucin, Isoleucin und Valin, die in pflanzlichem Protein in geringeren Mengen vorkommen. Diese Aminosäuren dienen dem Organismus im Fastenzustand als Substrat für die körpereigene Glukosebildung in der Leber.
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Die Rolle des Leberenzyms GDH
Auf zellulärer Ebene beobachteten die Forschenden der UNIGE ein Absinken des Leberenzyms Glutamatdehydrogenase (GDH) unter rein pflanzlicher Kost. Das Enzym ist in den Mitochondrien der Leberzellen angesiedelt und fungiert als funktionelles Bindeglied zwischen dem Aminosäure- und dem Zuckerstoffwechsel.
Der Rückgang der GDH-Produktion führte bei den Tieren zu einem messbaren Anstieg der Ammoniakkonzentration. Bei Versuchsmäusen, denen das Enzym GDH in der Leber vollständig fehlte, löste die pflanzliche Kost sogar eine schwere Ammoniak-Akkumulation sowie eine ausgeprägte Störung der Blutzuckerregulation aus.
Wie Pierre Maechler von der Universität Genf darlegte, ist dieser Effekt nach einer Rückkehr zu tierischem Protein vollständig und zügig reversibel. Als die Tiere wieder Kasein aus der Käseproduktion erhielten, normalisierten sich die Stoffwechselwerte binnen ein bis zwei Tagen. Der Organismus passe sich innerhalb dieses kurzen Zeitraums flexibel an veränderte Nährstoffzusammensetzungen an.
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Debatte um Übertragbarkeit und Nährstoffabdeckung
Gleichzeitig verweisen sowohl das Genfer Forschungsteam als auch externe Wissenschaftler auf die methodischen Grenzen des Tiermodells. Die Autoren der UNIGE betonten, dass die Ergebnisse keineswegs direkt auf den Menschen übertragbar seien, da sich der menschliche Stoffwechsel deutlich von jenem der Nagetiere unterscheide. Humanstudien belegen demnach häufig die gesundheitlichen Vorteile einer ausgewogenen pflanzlichen Ernährungsweise.
Kritik an direkten Rückschlüssen äußerte auch Neal Barnard von der George Washington University. Das Enzym GDH unterscheide sich zwischen den Spezies grundlegend, weshalb die Tierdaten nicht auf die menschliche Ernährung angewandt werden könnten.
Eigene Untersuchungen von Barnard zeigten im Gegenteil, dass eine pflanzliche Ernährung den Blutzuckerspiegel dreimal effektiver verbessern könne und über einen Zeitraum von 16 Wochen zu einer Reduktion des Leberfetts um etwa ein Drittel führe.
In Bezug auf eine langfristige vegane Ernährungsweise sieht Pierre Maechler vor allem potenzielle Engpässe bei der Versorgung mit Vitamin B12, Eisen und Protein als Risikofaktoren, die zu Müdigkeit führen können.
Eine rein pflanzliche Ernährung sei zwar grundsätzlich möglich, bedürfe jedoch einer gezielten Planung. Neben einer Supplementierung von Vitamin B12 sei auf eine ausreichende Zufuhr von Protein, Eisen und Kalzium sowie auf BCAA-reiche Proteinquellen wie Tofu, Nüsse und Linsen zu achten.
