Parkinson: Neue Medikamente verlängern Beweglichkeit um 2,72 Stunden
27.05.2026 - 15:04:41 | boerse-global.deAuf zwei großen Fachkongressen Ende Mai in Leipzig und Phoenix präsentierten Forscher neue Ansätze – von robotergestützter Rehabilitation über Tanztherapie bis zu minimalinvasiven Eingriffen. Weltweit sind über zehn Millionen Menschen betroffen.
Roboter und Rhythmus: Hightech gegen Bewegungsstörungen
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In Leipzig stand die „Entschlüsselung kinetischer Codes“ im Mittelpunkt. Ein vielversprechender Ansatz nutzt nicht-invasive, rhythmische Afferenzen, um gestörte Bewegungsmuster zu korrigieren. Ziel ist es, die motorische Zugänglichkeit für Patienten zu erhöhen – externe Zeitgeber unterstützen die gestörte innere Rhythmik des Gehirns.
Parallel dazu präsentierte die Welt-Parkinson-Konferenz in Phoenix eine Partnerschaft zwischen Urban Poling Inc. und der Organisation Parkinson Wellness Recovery (PWR!). Die sogenannten Activator-Stöcke trainieren gezielt Körperhaltung, Gleichgewicht und Koordination. Die Methode basiert auf speziellen Bewegungsabläufen (PWR!Moves), die multiplen Symptomen entgegenwirken sollen.
Ein weiteres Pilotprojekt startet Mitte Juni in West Leeds: „Parkinson’s Steppers“. Das sechswöchige Programm an der University of Leeds nutzt tragbare Technologie, die Bewegungen in akustische Signale übersetzt. Der Biofeedback-Ansatz hilft Patienten, ihre Schritte bewusster wahrzunehmen. Es ist das erste Projekt dieser Art im Vereinigten Königreich.
Tanzen gegen das Zittern: Wenn Kunst zur Medizin wird
Das Universitätsklinikum Augsburg bietet in Kooperation mit dem Staatstheater das Programm „Tanz mit Parkinson“ an. Dreiwöchige Kurse basieren auf dem seit 2001 etablierten Konzept „Dance for PD®“. Wissenschaftlich begleitet wird das Angebot von Prof. Dr. Markus Naumann. Mittels Gehirnmessungen untersuchen die Forscher, wie rhythmische Bewegung die neuronale Aktivität beeinflusst.
Auch in Bunde gibt es wöchentliche Kurse für Walzer oder Tango – speziell zugeschnitten auf Parkinson-Patienten. Die kulturelle Integration zeigt sich in zahlreichen Bühnenprojekten: In Köln wird Ende Mai das Tanztheaterstück „Brandung der Gefühle“ aufgeführt. In Wien traten am 26. Mai über 40 Künstler mit und ohne Behinderungen auf der „Inklusiven Bühne“ auf. Bewegungstherapie reicht weit über den klinischen Kontext hinaus.
Medikamentöse Durchbrüche: Die 24-Stunden-Infusion
Die brasilianische Gesundheitsbehörde Anvisa registrierte am 25. Mai das Medikament Vyalev – eine Kombination aus Foslevodopa und Foscarbidopa. Es ist die erste kontinuierliche subkutane 24-Stunden-Infusion von Levodopa für fortgeschrittene Stadien. Eine Phase-3-Studie mit 130 Teilnehmern zeigte: Die „On“-Zeit (gute Beweglichkeit ohne Überbewegungen) verlängerte sich um durchschnittlich 2,72 Stunden. Die Kontrollgruppe erreichte nur 0,97 Stunden.
Für viele Patienten ist das eine echte Alternative. Bis zu 60 Prozent der Betroffenen haben Kontraindikationen gegen die invasive Tiefe Hirnstimulation. In Brasilien sind schätzungsweise 220.000 Menschen von Parkinson betroffen.
Ultraschall statt Skalpell: Eingriff bei vollem Bewusstsein
Am Policlinico Vanvitelli in Neapel wurden die ersten zehn Patienten mit MR-gesteuertem fokussiertem Ultraschall behandelt. Das Verfahren kommt ohne chirurgische Schnitte aus. Gezielte Ultraschallwellen reduzieren den Tremor – der Patient bleibt bei vollem Bewusstsein. Die Ärzte berichten von einer Tremorreduktion zwischen 80 und 100 Prozent. Langzeitbeobachtungen deuten auf eine Wirkdauer von bis zu fünf Jahren.
In Asien wird die Versorgungslage ebenfalls ausgebaut. Merz Therapeutics bringt INBRIJA, ein Levodopa-Inhalationspulver, nach Festlandchina, Hongkong und Macao. Das Präparat behandelt plötzliche „Off“-Episoden und bietet eine schnelle Interventionsmöglichkeit bei einsetzender Unbeweglichkeit.
Globale Forschung: 7,7 Millionen Euro für die Grundlagenforschung
Die Universitätsmedizin Göttingen ist als einziger deutscher Partner Teil eines weltweiten Forschungsteams. Die Initiative „Aligning Science Across Parkinson’s“ fördert das Projekt mit 7,7 Millionen Euro über drei Jahre. Davon fließen 1,8 Millionen Euro nach Göttingen. Ziel ist es, die grundlegenden Mechanismen der Krankheitsentstehung zu entschlüsseln.
Die gesellschaftliche Relevanz unterstrich eine seltene öffentliche Wortmeldung von Dame Julie Andrews. Die 90-jährige Schauspielerin wandte sich am 26. Mai per Videobotschaft an den 7. Welt-Parkinson-Kongress. Sie appellierte an die internationale Gemeinschaft, die Suche nach einem Heilmittel zu intensivieren.
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