Osteoporose: Über 70 Prozent der Fälle bleiben in Deutschland unerkannt
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 06:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Um die hohe Rate an sturzbedingten Frakturen bei Senioren zu senken, haben wissenschaftliche Einrichtungen und regionale Behörden weltweit verstärkt Projekte zur Knochengesundheit initiiert.
Im Fokus stehen dabei nicht nur präventive Bewegungsangebote, sondern auch technologische Innovationen zur Früherkennung von Osteoporose sowie neue Ansätze in der Pflegeinfrastruktur. Ziel dieser Maßnahmen ist es, die zugrunde liegenden Heilungsbarrieren besser zu verstehen und die Lebensqualität im Alter durch gezielte Interventionen zu sichern.
Technologische Innovationen in Diagnostik und Unterstützung
Im Bereich der medizinischen Diagnostik bietet die Software SpineQ des Unternehmens Bonescreen eine CE-gekennzeichnete Lösung an. Diese wertet vorhandene CT-Aufnahmen auf Knochendichte und Wirbelkörperfrakturen aus, ohne dass zusätzliche Untersuchungen notwendig sind.
Laut der DVO-Leitlinie bleiben in Deutschland über 70 % der Osteoporosefälle unerkannt. Eine Studie aus dem Jahr 2026 mit 178 Patienten belegte für die Software je nach Wirbelsäulenabschnitt Variationskoeffizienten zwischen 0,83 % und 6,8 %. In einer weiteren Frakturstudie erreichte das System eine Spezifität von 96,3 %.
Für diese Entwicklung wurde das Team mit dem mit 15.000 Euro dotierten VDE-DGBMT-Innovationspreis Medizintechnik 2026 ausgezeichnet. Die Software wird bereits in fast 100 radiologischen Praxen in Deutschland eingesetzt, ersetzt jedoch keine ärztliche Diagnose.
Parallel dazu forschen Wissenschaftler der Technischen Universität München (TUM) an physischen Unterstützungssystemen. In einer in Nature Communications veröffentlichten Studie testeten sie einen 2,86 kg schweren Exosuit an Erwachsenen im Alter von 69 bis 85 Jahren.
Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmer im Durchschnitt 18,6 statt 16,8 Sitz-Steh-Zyklen pro Minute absolvierten. Zudem sank der metabolische Transportaufwand bei der Mehrheit der Probanden im Mittel um 13,6 %. Da die Tests unter Laborbedingungen stattfanden, muss der langfristige Alltagsnutzen noch weiter geprüft werden.
Regionale Präventionsprogramme und soziale Initiativen
Kommunen setzen verstärkt auf lokale Programme, um das Sturzrisiko zu minimieren. In der brasilianischen Stadt Londrina wurde das Osteoporose-Präventionsprogramm „Fragilidade Óssea“ für Frauen in der Menopause und Männer ab 60 Jahren erweitert. In einer Pilotphase wurden dort innerhalb von sechs Monaten bei 69 untersuchten Personen 19 Osteoporosefälle festgestellt.
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Gesundheitssekretärin Vivian Feijó verwies darauf, dass im Jahr 2025 rund 900 Menschen wegen Knochenbrüchen in den Krankenhäusern der Stadt aufgenommen wurden. Zur weiteren Sensibilisierung sind für den 16. Oktober ein Fachsymposium und für den 20. Oktober 2026 eine öffentliche Aktion geplant.
Auch in Europa finden ähnliche Initiativen statt. Im niederländischen Zegge vermittelt der Kurs „In Balans“ Übungen zur Koordination und Bewegungssicherheit. Hintergrund sind Daten von NOS, wonach im Jahr 2025 fast 8.000 Menschen in den Niederlanden an den Folgen eines Sturzes starben.
In der Schweizer Gemeinde Reinach BL wird seit Jahresbeginn eine offene Rollator-Gruppe gefördert, um Mobilität und soziale Kontakte zu stärken. Gemeinderat Peter Meier betonte die wirtschaftliche Relevanz solcher Maßnahmen, da die Gemeinde für Menschen mit niedriger Pflegestufe monatlich fast eine halbe Million Franken aufwende.
Infrastruktur und wissenschaftliche Begleitung
Der Ausbau der Infrastruktur spielt eine zentrale Rolle bei der Versorgung im Alter. Im Landkreis Kronach wurde ein Kompetenzcenter Pflege eröffnet, das vom Land Bayern mit rund 2,8 Millionen Euro gefördert wird. Pflegeministerin Judith Gerlach gab an, dass im Landkreis 77 Pflegebedürftige auf 1.000 Einwohner kommen. Geplant sind neben einer zentralen Beratungsstelle auch digitale Plattformen und ein Chatbot.
Neben der äußeren Sicherheit spielt die Stärkung des Körpers von innen eine entscheidende Rolle für die Standfestigkeit im Alter. Ein spezialisierter Physiotherapeut hat einen Trainingsplan entwickelt, der mit 7 gezielten Übungen hilft, die Alltagssicherheit und Stabilität zurückzugewinnen. Kostenlosen Trainingsplan für mehr Kraft und Stabilität herunterladen
In Gießen wurde mit der Vermietung von 64 barrierearmen Wohnungen im Quartier Westhang Living begonnen, die serienmäßig mit einer Sturzerkennung ausgestattet sind. Der Bezug ist für das Ende des ersten Quartals 2027 vorgesehen.
Gleichzeitig untersuchen Studierende der Hochschule Furtwangen in einer bis zum 15. Oktober 2026 laufenden Befragung in Kappel den Bedarf an betreutem Wohnen und Alltagshilfen. Ein Abschlussbericht soll Anfang 2027 dem Gemeinderat vorgelegt werden.
Forschung zu Heilungsprozessen und Ernährung
Wissenschaftliche Studien widmen sich zudem der Unterstützung der Heilung und Vorbeugung durch Ernährung. Das Fraunhofer IKTS in Dresden entwickelt ein abbaubares Vlies zur Behandlung chronischer Wunden, unter denen in Deutschland rund eine Million Menschen leiden. Die Kosten für diese Behandlungen belaufen sich laut der Fraunhofer-Gesellschaft auf jährlich etwa 7,5 Milliarden Euro. Die Materialentwicklung soll im Mai 2027 abgeschlossen sein.
Hinsichtlich der Prävention untersuchte eine randomisierte 12-monatige Studie mit 235 postmenopausalen Frauen den Einfluss von Trockenpflaumen. Während die Knochendichte an der Hüfte in der Kontrollgruppe um 1,1 % sank, betrug der Rückgang bei einer täglichen Zufuhr von 50 g nur 0,3 %.
Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2026 bestätigte leichte Vorteile an der Lendenwirbelsäule, wies jedoch darauf hin, dass eine Frakturvermeidung bislang nicht belegt ist. Eine Studie mit Männern zwischen 55 und 80 Jahren fand keinen signifikanten Unterschied bei der Knochendichte.
