Osteoporose: Stammzelltherapie senkt Frakturrisiko um 94 Prozent
Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 14:56 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Behandlung fortgeschrittener Osteoporose steht vor einem potenziellen Paradigmenwechsel. Ergebnisse einer klinischen Phase-1-Studie, die im September 2026 in der Fachzeitschrift Cell veröffentlicht wurden, deuten darauf hin, dass eine gezielte Stammzelltherapie das Risiko für Knochenbrüche massiv senken kann. Forschende der University of Murcia untersuchten hierfür den Einsatz modifizierter, körpereigener Zellen zur Förderung der Knochenneubildung.
Innovative Zellmodifikation und Studienaufbau
Im Zentrum der Untersuchung stand eine einmalige intravenöse Infusion von exofukosylierten, autologen mesenchymalen Knochenmarkszellen. Das Verfahren nutzt eine sogenannte HCELL-Struktur, die eine Bindung an E-Selectin ermöglicht und so die Zielsteuerung der Zellen verbessert.
Diese Struktur wurde durch eine einstündige Fukosylierung erzeugt, bei der laut den Studienautoren eine positive Rate von über 95 Prozent erreicht wurde, ohne das Erbgut der Zellen zu verändern.
An der Studie nahmen zehn Frauen im Alter zwischen 51 und 72 Jahren teil, die allesamt an einer fortgeschrittenen Osteoporose litten und bereits Frakturen in der Krankengeschichte aufwiesen. Das mediane Alter der Probandinnen lag bei 60,7 Jahren.
Je nach Gruppe erhielten die Teilnehmerinnen eine Dosierung von entweder 2×10? oder 5×10? Zellen pro Kilogramm Körpergewicht. Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 72,7 Monate, wobei einzelne Patientinnen über einen Zeitraum von mehr als 87 Monaten begleitet wurden.
Massive Senkung der Frakturraten im Langzeitverlauf
Die klinischen Resultate zeigen eine deutliche Veränderung der Frakturfrequenz. Während die Teilnehmerinnen in den zwei Jahren vor der Infusion durchschnittlich acht Fragilitätsfrakturen pro Jahr erlitten, sank dieser Wert in den zwei Jahren nach der Behandlung auf 0,5 Brüche pro Jahr. Dies entspricht einer Reduktion von 94 Prozent. Die Gesamtfrakturrate verringerte sich von 0,54 auf 0,11 pro Patientenjahr.
Besonders deutlich war die Verbesserung bei Knochenbrüchen infolge leichter Traumata. Diese traten vor der Therapie etwa alle ein bis zwei Jahre auf, während die Häufigkeit nach der Infusion auf nahezu ein Ereignis pro zehn Jahre sank.
Parallel dazu verbesserten sich die subjektiven Parameter der Patientinnen: Nach 24 Monaten wurde ein Rückgang der Knochenschmerzen um 34 Prozent auf der visuellen Analogskala (VAS) verzeichnet, während die körperliche Belastbarkeit laut dem Oswestry Disability Index (ODI) um 30 Prozent stieg.
Die Nachricht klingt spektakulär: In einer kleinen Studie sank die Frakturrate bei fortgeschrittener Osteoporose um 94 Prozent. Doch zehn Teilnehmerinnen ohne Kontrollgruppe sind noch kein Beweis — und die Forschenden selbst sprechen von einer Phase-1-Untersuchung, deren Wirksamkeit nicht abschließend belegt ist. Unser kostenloser Leitfaden ordnet die Ergebnisse verständlich ein und zeigt Ihnen, welche Fragen Sie jetzt Ihrem Arzt stellen sollten. Kostenlosen Osteoporose-Leitfaden anfordern
Morphologische Verbesserungen des Knochengewebes
Die regenerative Wirkung der Stammzellen ließ sich auch auf Gewebeebene nachweisen. Biopsien zeigten nach vier Monaten bei sieben der zehn Teilnehmerinnen eine signifikant erhöhte Knochengewebefläche. Die Werte stiegen in diesem Zeitraum von 1,42±0,03 auf 2,41±0,05 mm².
Auch die volumetrische Knochendichte nahm zu, wobei insbesondere Verbesserungen im Bereich des spongiösen Knochens beobachtet wurden. Der sogenannte QTS-Score verbesserte sich innerhalb von 24 Monaten von 5,30±0,39 auf 6,47±0,15.
Zudem wiesen die Forschenden nach, dass die Knochenaufbau-Marker P1NP und ?-CTx über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten erhöht blieben. Dies deutet auf eine langanhaltende Aktivierung der körpereigenen Regenerationsprozesse hin.
Sicherheitsprofil und wissenschaftliche Einordnung
Hinsichtlich der Sicherheit lieferte die Langzeitbeobachtung von rund sechs Jahren positive Daten. Es traten keine schweren unerwünschten Ereignisse auf. Insbesondere konnten die Forschenden kein ektopes Knochenwachstum und keine Tumorbildungen feststellen.
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse verwies das Studienteam auf strukturelle Limitationen der Untersuchung. Da es sich um eine Phase-1-Studie ohne Kontrollgruppe und ohne Verblindung handelte, sei die endgültige Wirksamkeit noch nicht abschließend belegt.
Zudem führten die Teilnehmerinnen ihre Standardtherapien und Begleitmedikationen während des Studienzeitraums fort. Als nächster Schritt ist daher eine randomisierte Folgestudie mit rund 100 Patienten geplant.
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Der Bedarf an neuen Therapieformen ist angesichts globaler Gesundheitsdaten hoch. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge erleiden rund ein Drittel der Frauen und ein Fünftel der Männer über 50 Jahre eine osteoporotische Fraktur.
Neben der Stammzellforschung werden derzeit auch andere Ansätze untersucht, etwa der Einsatz mechanosensorischer Proteine wie Piezo1 oder marin-basierter Wirkstoffe wie Plitidepsin, um den Knochenabbau zu bremsen.
