Ohr-Stimulation bei Bluthochdruck: Studie mit 63 Patienten zeigt Grenzen
Veröffentlicht am: 02.11.2026 um 12:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie gezielte Reizung des Vagusnervs über die Ohrmuschel gewinnt in der medizinischen Forschung zunehmend an Aufmerksamkeit. Wissenschaftliche Teams untersuchen die transkutane autonome Neuromodulation, kurz tAN, als möglichen Ansatz zur Behandlung verschiedener Zivilisationskrankheiten. Eine klinische Untersuchung zur Therapie von Bluthochdruck liefert nun differenzierte Erkenntnisse über die Wirksamkeit und Grenzen dieser nichtinvasiven Methode.
Gemischte Ergebnisse bei der Blutdrucksenkung
In der SCRATCH-HTN-Studie, die in der Fachzeitschrift Hypertension der American Heart Association publiziert wurde, untersuchten Forscher der Queen Mary University of London gemeinsam mit dem Unternehmen Afferent Medical Solutions ein spezielles Ohr-Clip-Gerät. Die Apparatur nutzt zwei Clips am Tragus, um den Vagusnerv transkutan zu stimulieren.
Nach einem Screening von 170 Personen nahmen 63 Erwachsene mit unkontrolliertem Bluthochdruck trotz Einnahme von mindestens einem Medikament an der doppelblinden Untersuchung teil. Das Gerät wurde in den ersten zwei Wochen täglich 30 Minuten lang zu Hause angewendet, anschließend über zehn weitere Wochen einmal wöchentlich.
Die Ergebnisse der Gesamtkohorte zeigten jedoch keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen der echten Stimulation und einer Scheinbehandlung (Sham). Laut Studienberichten lag die Veränderung des Tagesblutdrucks bei -3,15 Punkten in der aktiven Gruppe gegenüber -5,50 Punkten in der Kontrollgruppe.
Dennoch ergab eine vorgeplante Subgruppenanalyse einen größeren Blutdruckabfall bei denjenigen Patienten, die zu Studienbeginn unter einer schweren Hypertonie litten; genaue Zahlen, Konfidenzintervalle und statistische Signifikanzen wurden hierzu allerdings nicht veröffentlicht.
Hohe Verträglichkeit, aber kein Medikamentenersatz
Hinsichtlich der Handhabung erwies sich das Verfahren als praktikabel. Die Sicherheit, Verträglichkeit und Adhärenz wurden positiv bewertet; lediglich zwei Teilnehmer der Scheinbehandlungsgruppe brachen die Studie ab, sodass 61 Personen in die finale Auswertung eingingen.
Über mögliche Einflüsse auf langfristige Endpunkte wie Schlaganfälle, Herzinfarkte oder Nierenprobleme konnten die Wissenschaftler der Queen Mary University of London keine Aussagen treffen.
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Der leitende Forscher Dr. Ajay Gupta von der Queen Mary University und Barts Health hob hervor, dass die Akzeptanz des Geräts hoch sei und es potenziell eine kostengünstige, breit einsetzbare Lösung darstellen könne. Gleichzeitig ordnete er die Ergebnisse als vorläufig ein und verwies auf die geringe Teilnehmerzahl.
Das Verfahren sei weder eine etablierte Therapieform noch ein Ersatz für ärztlich verordnete Arzneimittel. Eine ergänzende Auswertung von 41 randomisierten Studien durch das Forschungsteam unterstrich zudem, dass die Nervenstimulation am Ohr zwar reale, jedoch insgesamt bescheidene physiologische Effekte hervorrufe.
Weitere Einsatzgebiete: Gewichtsreduktion und Schmerztherapie
Neben kardiovaskulären Fragestellungen wird das Potenzial von Ohr-Stimulatoren auch in anderen medizinischen Feldern erforscht. Auf dem Forum „Nationale Gesundheit — 2026“ präsentierten russische Forscher des NMIZ für Therapie und Präventionsmedizin basierend auf einer Dissertation von E. Rogoshkina einen Ansatz zur Gewichtsreduktion.
In einer randomisierten Studie mit 88 Patienten mit Adipositas Grad 1 wurde eine Elektrode zehn Minuten vor den Mahlzeiten an der Ohrmuschel angelegt.
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Die echte Stimulation führte nach Angaben der Forscher zu einer signifikanten Senkung des Body-Mass-Index (BMI) sowie einer verringerten und qualitativ verbesserten täglichen Kalorienaufnahme, während die Placebogruppe keine derartigen Veränderungen aufwies. Die Methode wird als langfristige Zusatztherapie über drei bis sechs Monate eingestuft.
Gleichzeitig arbeiten Grundlagenforscher in Deutschland an den anatomischen Voraussetzungen. Prof. Dr. Elmar Peuker von der Hochschule Fresenius und Prof. Dr. Timm Filler von der Universität Düsseldorf analysieren mittels immunhistochemischer Färbetechniken winzige Vagusnervfasern im Ohrgewebe.
Ziel dieser Arbeiten ist es, eine wissenschaftliche Grundlage für kopfhörerähnliche In-Ear-Geräte zu schaffen, die künftig bei Schmerzen und Depressionen eingesetzt werden könnten.
Fachgesellschaften verweisen in diesem Kontext auf den hohen medizinischen Bedarf: Nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft leiden mehr als 17 Prozent der Bundesbürger an chronischen Schmerzen, während laut AOK rund 12,5 Prozent von depressiven Störungen betroffen sind.
Eine anatomische Veröffentlichung des Autorenteams aus dem Jahr 2001 zur Nervenstruktur des Ohrs zählt bereits heute zu den meistzitierten Facharbeiten der vergangenen 50 Jahre in diesem Bereich.
