Neu5Gc aus Fleisch: Höchste Aufnahme geht mit 63 Prozent mehr Diabetesrisiko einher
Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 05:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Umfassende epidemiologische Datenbankstudien sowie klinische Stoffwechselanalysen verdeutlichen die Zusammenhänge zwischen chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen, diätetischen Faktoren und dem Risiko für Typ-2-Diabetes.
Im Mittelpunkt wissenschaftlicher Auswertungen stehen dabei sowohl immunologische Signalwege bei Erkrankungen wie Hidradenitis suppurativa als auch der Einfluss spezifischer Nahrungsmoleküle und Ernährungsformen auf die Insulinsensitivität.
Erhöhte Diabetesinzidenz bei Hidradenitis suppurativa
In einer Real-World-Analyse auf Basis elektronischer Patientenakten des Netzwerks TriNetX zeigten Islam et al. im Fachjournal Archives of Dermatological Research, dass Patienten mit Hidradenitis suppurativa (HS) ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung tragen. Epidemiologischen Untersuchungen zufolge sind etwa 1 bis 4 Prozent der Bevölkerung von der chronisch-entzündlichen Hautkrankheit betroffen.
Die Ergebnisse stützen frühere wissenschaftliche Arbeiten. Bereits eine im British Journal of Dermatology veröffentlichte Querschnittsstudie aus dem Jahr 2015 mit über 3.200 HS-Patienten belegte ein häufigeres Auftreten des metabolischen Syndroms gegenüber gematchten Kontrollgruppen.
Zudem wies eine Meta-Analyse im Journal der American Academy of Dermatology (JAAD) aus dem Jahr 2018 eine konsistente positive Assoziation zwischen HS und Diabetes mellitus nach.
Als wesentlicher Mechanismus gilt die systemische Entzündung: Zytokine wie TNF-alpha, IL-1 beta und IL-17 begünstigen das Entstehen einer Insulinresistenz. Vor diesem Hintergrund raten die Studienautoren dazu, Patienten mit Hidradenitis suppurativa routinemäßig auf Nüchternglukose und HbA1c-Werte zu screenen.
Diätetische Moleküle und Einfluss von Verarbeitungsstufen
Parallel zu dermatologischen Faktoren analysieren Forscher den Einfluss von Nahrungsinhaltsstoffen. In der französischen NutriNet-Santé-Kohorte mit 89.953 Teilnehmern (mittleres Alter 42 Jahre, 79 Prozent Frauen, medianes Follow-up von 7,2 Jahren, 966 Typ-2-Diabetes-Fälle), die auf der Jahrestagung der Europäischen Diabetesgesellschaft EASD vorgestellt wurde, untersuchte ein Team um Dr. Leopold Fezeu von der Université Sorbonne Paris Nord den fleischstämmigen Zucker Neu5Gc.
Die Auswertung ergab, dass die Gruppe mit der höchsten Neu5Gc-Aufnahme ein um 63 Prozent höheres Risiko für Typ-2-Diabetes aufwies als die Gruppe mit dem geringsten Konsum. Bei der zweithöchsten Gruppe lag das Risiko um 41 Prozent höher, über alle Quellen kombiniert bei 37 Prozent.
Für Neu5Gc aus Milchprodukten zeigte sich hingegen keine Assoziation. Die Gruppe mit dem höchsten Konsum verzehrte im Median 97 Gramm rotes Fleisch pro Tag bei Männern beziehungsweise 73 Gramm bei Frauen (einschließlich verarbeitetem Fleisch: 136 Gramm beziehungsweise 96 Gramm).
Die Assoziation blieb nach Adjustierung für den Body-Mass-Index signifikant – Fettleibigkeit erklärte etwa 13 Prozent des Effekts –, verlor jedoch nach Bereinigung um den gesamten Fleischkonsum ihre statistische Signifikanz.
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Auswirkungen moderner Ernährungsweisen untersuchte zudem ein Team um Dylan Thompson, Aaron Hengeist und Javier Gonzalez von der University of Bath in Cell Reports Medicine.
Bei 53 gesunden Erwachsenen führte eine ketogene Diät mit weniger als 8 Prozent Kohlenhydratkalorien zwar zu Fettverlust und gesenkter Nüchternglukose, steigerte jedoch Cholesterin sowie das Muskelenzym PDK4, während Marker wie AMPK und GLUT4 sanken.
Zudem verschlechterten sich die Kohlenhydrattoleranz und die Darmflora, insbesondere durch einen massiven Rückgang von Bifidobacterium infolge um 40 Prozent reduzierter Ballaststoffe.
Den physiologischen Einfluss hochverarbeiteter Nahrungsmittel belegte eine am 5. Oktober 2026 in Nature Metabolism publizierte Crossover-Studie von Hutelin et al. an 57 gesunden, normalgewichtigen Erwachsenen.
Bei identischer Makronährstoff- und Kalorienzusammensetzung (~300 Kilokalorien) führte eine ultrahochverarbeitete Mahlzeit zu einer signifikant höheren Insulinantwort als unverarbeitete Kost, während der Blutzuckerspiegel unverändert blieb.
DGN-Präsidentin Prof. Dr. Daniela Berg vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel merkte an, dass der Verarbeitungsgrad physiologische Relevanz besitze, dies jedoch keinen Beleg für neurologische Erkrankungen darstelle.
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Stoffwechselrisiken und präventive Relevanz
Die Bedeutung metabolischer Fehlregulationen unterstreicht die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG). In Deutschland leben mehr als 9 Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes. Fachleute unterscheiden sechs Subtypen des Prädiabetes, die differenzierte Risiken für Folgeschäden aufweisen.
Gezielte Lebensstilinterventionen führten bei Hochrisiko-Prädiabetes zu einer Reduktion des Leberfettes um 24 Prozent, bei intensiver Intervention um 37 Prozent. Teilnehmer mit dauerhafter Gewichtsabnahme und normalisierten Glukosewerten verzeichneten zwei Jahre nach der Intervention ein um 73 Prozent reduziertes Diabetesrisiko.
Die DDG-Präsidentin Prof. Dr. Julia Szendrödi (Universitätsklinikum Heidelberg) und Past-Präsident Prof. Dr. Andreas Fritsche (Helmholtz München/Tübingen) verweisen dabei auch auf die ökonomische Dimension: Die diabetesbezogenen Gesundheitsausgaben in Deutschland wurden für 2024 auf rund 36 Milliarden Euro geschätzt, wobei direkte medizinische Kosten Betroffener etwa doppelt so hoch ausfallen wie bei stoffwechselgesunden Personen.
