Nervenverletzungen: 36 Studien mit 3.282 Patienten prüfen Akupunktur
Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 05:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deMehrere Forschungsteams an verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen untersuchen die biologischen Grundlagen der traditionellen chinesischen Medizin. Im Fokus aktueller wissenschaftlicher Arbeiten stehen dabei die messbaren physiologischen Wirkungen von Akupunktur, Elektroakupunktur und elektronischer Moxibustion auf das Nervensystem, das Herz-Kreislauf-System sowie die Darm-Hirn-Achse.
Die Untersuchungen reichen von präklinischen Tiermodellen über bildgebende Zellanalysen bis hin zu klinischen Erprobungen und systematischen Übersichtsarbeiten.
Nervenregeneration und zerebrale Ischämie im Tiermodell
Wissenschaftler analysieren verstärkt die zellulären Abläufe bei akuten und chronischen Nervenschädigungen. In Zhangjiagang untersuchten Chen und Kollegen die Folgen einer Elektroakupunktur-Sitzung bei Ratten mit zerebraler Ischämie und Reperfusion (MCAO/R) nach 60 Minuten Ischämie. Die Intervention erfolgte 30 Minuten nach der Ischämie.
Nach 24 Stunden zeigte sich eine Verbesserung der neurologischen Funktion sowie eine Verkleinerung des Infarktvolumens. Auf molekularer Ebene verzeichnete das Team eine Reduktion der Proteine und mRNA von TLR4, TLR9, TRAF6 und NF-?B sowie geringere Werte der Entzündungsmarker TNF-?, IL-6 und IL-1?, während das antiinflammatorische IL-10 anstieg.
Die Autoren weisen darauf hin, dass es sich um eine Nagerstudie handelt, die ausschließlich den 24-Stunden-Zeitpunkt erfasste, wodurch die Übertragbarkeit auf den Menschen offenbleibt.
Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse unter Leitung von Wanjia Jia vom First Affiliated Hospital of Henan University of Chinese Medicine widmete sich traumatischen peripheren Nervenverletzungen, die rund 1 bis 4 Prozent aller neuen Traumafälle ausmachen.
Ausgewertet wurden 36 chinesischsprachige randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 3.282 Patienten, unter anderem mit Läsionen des Plexus brachialis sowie des Radial-, Median-, Ischias- und Peronäusnervs. Die klinische Effektivrate lag unter Akupunktur höher, mit einem relativen Risiko von 1,24 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,19 bis 1,30).
Zudem fielen die distale motorische Latenz kürzer, das Muskelaktionspotential größer und die sensorische Nervenleitgeschwindigkeit schneller aus als in den Vergleichsgruppen. Diese Effekte zeigten sich über verschiedene Verletzungsarten, Interventionstypen und Behandlungsdauern hinweg konsistent.
Zugleich wird die methodische Qualität der Primärstudien als gering eingestuft; das Bias-Risiko sei hoch, die Evidenzsicherheit niedrig bis sehr niedrig, Sham-Kontrollen fehlten und die Trial-Sequential-Analyse erreichte keine ausreichende Informationsgröße.
Darm-Hirn-Achse und Immunreaktionen
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Interaktion zwischen Magen-Darm-Trakt und Gehirn. Bei alkoholbedingten kognitiven Störungen, die bis zu 80 Prozent der Patienten mit Alkoholkonsumstörung betreffen, wurde die Wirkung von Elektroakupunktur am Akupunkturpunkt ST36 untersucht. In einem Mausmodell mit 28-tägiger Ethanolverabreichung per Sonde kam die Elektroakupunktur ab Tag 15 zum Einsatz.
Die Stimulation aktivierte cholinerge Neuronen im dorsalen motorischen Kern des Vagusnervs (DMV), stellte die Expression des Tight-Junction-Proteins ZO-1 wieder her und senkte sowohl die Lipopolysaccharid-Translokation (LPS) als auch die Neuroinflammation im Hippocampus, gemessen an IL-1?, IL-6 und TNF-?.
Im Modell traten Darmbarriereschäden und der LPS-Anstieg etwa eine Woche vor der zentralen Neuroinflammation auf. Eine gezielte Läsion des DMV sowie exogen zugeführtes LPS hoben den Schutzeffekt der Elektroakupunktur wieder auf.
Den direkten Einfluss auf Entzündungszellen visualisierten Forscher der Tsinghua University, des Tongji Hospital und der Zhejiang Hehu Technology. Mithilfe des hochauflösenden RUSH3D-HR-Mikroskops beobachteten sie in lebenden Mäusen die Bewegung tausender Immunzellen während eines Entzündungsgeschehens.
Eine Elektroakupunktur an einem Akupunkturpunkt unterdrückte die Zellwanderung sichtbar; quantitative Messwerte wurden in diesem Zusammenhang nicht berichtet.
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Herz-Kreislauf-Regulation und Gefäßeffekte
An der Beijing University of Chinese Medicine untersuchten Forscher den Einfluss einer zwölfwöchigen Akupunktur an den Punkten LR3, GV20 und SP6 (fünfmal wöchentlich) im Vergleich zum Blutdrucksenker Losartan (20 mg/kg/Tag) an 27 spontan hypertensiven Ratten und neun WKY-Kontrolltieren.
Losartan senkte den Blutdruck ab Woche 2, die Akupunktur ab Woche 4; ab Woche 6 zeigten beide Ansätze deutliche Effekte, wobei Losartan in Woche 12 leicht überlegen war. Beide Interventionen senkten das Noradrenalin im Plasma, stellten SIRT1 wieder her und reduzierten phosphorylierte MAPK, NF-?B p65 sowie mRNA von ACE und AT1R im paraventrikulären Kern des Hypothalamus (PVN).
Parallel stieg GABA, während Glutamat und Zytokine wie IL-6, IL-1?, TNF-? und MCP-1 sanken. Echokardiografisch zeigten sich eine geringere Herzwanddicke, eine verbesserte Ejektionsfraktion und weniger Fibrose. Als methodische Einschränkungen gelten das Fehlen eines PVN-SIRT1-Knockdowns, die Blutdruckmessung per Schwanzmanschette und das Fehlen einer Kontrollgruppe mit Nicht-Akupunkturpunkten.
Zu den Reaktionen auf eine elektronische Moxibustion legten K. Ito und H. Nakahara Daten vor. An gesunden Studierenden wurde eine 2-Millimeter-Keramik-Elektromoxibustion an ST36 getestet: in einer ersten Gruppe kontinuierlich über drei Minuten nach einer dreiminütigen Baseline (14 Teilnehmer), in einer zweiten Gruppe als randomisiertes Crossover mit intermittierender Stimulation over je fünf Minuten (15 Teilnehmer).
Während der Erwärmung sank die Herzfrequenz und näherte sich bei fortgesetzter Stimulation wieder dem Ausgangswert an. Daten zu Herzfrequenzvariabilität und Blutdruck aus der zweiten Gruppe lagen nicht vor. Die Arbeit weist eine Evidenzstufe C auf, ist nicht im Peer-Review-Verfahren geprüft und basiert auf kleinen Stichproben.
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Klinische Daten bei chronischen Beschwerden
Auch in klinischen Szenarien werden Nadel- und Druckstimulationen überprüft. Am Second Affiliated Hospital der Xi'an Jiaotong University nahmen 204 Rosazea-Patienten unter einer Erstlinientherapie an einer sham-kontrollierten Studie teil.
Eine Gruppe erhielt dreimal täglich über 30 Sekunden eine aktive Ohrakupressur mit Vaccaria-Samen am Cavum conchae (102 Patienten), die andere eine Sham-Behandlung (102 Patienten).
Nach acht Wochen erreichten 56,9 Prozent in der Verum-Gruppe einen Behandlungserfolg nach dem Investigator Global Assessment (Score 0 oder 1) gegenüber 35,3 Prozent in der Kontrollgruppe (relatives Risiko 1,61; Number Needed to Treat: 5).
Eine sofortige vaskuläre Verbesserung trat bei 59,3 Prozent gegenüber 7,4 Prozent auf. Zudem sanken Cathelicidin, CGRP, TNF-? und IL-6 im Serum stärker; die Besserung bei den klinischen Werten hielt bis Woche 20 an, ohne dass schwere Nebenwirkungen auftraten.
In Italien evaluierte das IRCCS Bologna im Rahmen des AcuCGRP-Projekts Akupunktur bei 52 Migränepatienten in einem einarmigen, explorativen Design. Die monatliche Frequenz sank im Median von 8 auf 7 Tage, die Schmerzintensität auf einer 10-Punkte-Skala von 7 auf 6,2 und der Bedarf an Akutmedikation von 10 auf 7 Einheiten pro Monat (Rückgang um 16,7 Prozent; jeweils p < 0,001).
Der HIT-6-Wert verringerte sich von 65 auf 60 Punkte (minus 8,7 Prozent). Bei fünf Teilnehmern traten leichte Schmerzen an den Einstichstellen auf. Eine Kontrollgruppe fehlte in dieser Untersuchung.
