Mittelmeerdiät, Sterblichkeit

Mittelmeerdiät: 23 Prozent weniger Sterblichkeit in vier Populationen

Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 04:05 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschungsdaten verbinden mediterrane Ernährung mit geringerer Sterblichkeit und Veränderungen im Gehirn, belegen jedoch keine direkte Ursache.
Frische mediterrane Lebensmittel wie Tomaten, Trauben und Olivenöl auf einem Holztisch vor einer sonnigen Küstenkulisse. Illustration mit AI erstellt.

Wissenschaftliche Publikationen beleuchten die biologischen Mechanismen der mediterranen Ernährung, analysieren deren potenzielle Schutzfunktion für das menschliche Gehirn und mahnen zugleich eine differenzierte Einordnung jenseits von Heilsversprechen an.

Die traditionelle Kostform, die reich an Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Fisch und nativem Olivenöl ist, steht seit Jahrzehnten im Fokus der Präventionsmedizin. Neuere molekularbiologische und neurologische Daten liefern vertiefte Einblicke in Stoffwechselveränderungen, weisen jedoch zugleich auf methodische Grenzen der Kausalität hin.

Stoffwechselsignaturen und Mortalitätsrisiken im Fokus

Einen wesentlichen Beitrag zur biologischen Nachweisbarkeit liefert eine 2026 im Fachjournal The American Journal of Clinical Nutrition publizierte Untersuchung. Forschende identifizierten eine spezifische Signatur aus 67 Metaboliten, die den Grad der Einhaltung der Mittelmeerdiät abbildet und über vier Populationen hinweg mit einer geringeren Gesamtsterblichkeit einhergeht. Die Gesamtanalyse umfasste 14.584 Personen aus Spanien und den USA.

Innerhalb der spanischen PREDIMED-Studie mit 1.880 Teilnehmern im Durchschnittsalter von 67 Jahren und einer medianen Nachbeobachtungszeit von 13,2 Jahren wies das oberste Drittel des Metaboliten-Scores eine um 23 Prozent geringere relative Gesamtsterblichkeit auf (Hazard Ratio 0,77) im Vergleich zum untersten Drittel.

Pro Anstieg um eine Standardabweichung sank das relative Sterblichkeitsrisiko um 19 Prozent. Bei Probanden mit einer Ein-Jahres-Nachmessung zeigte sich für das obere Drittel zudem eine um 52 Prozent niedrigere relative kardiovaskuläre Sterblichkeit (Hazard Ratio 0,48), während Zusammenhänge mit der Krebssterblichkeit weniger konsistent ausfielen.

In drei US-amerikanischen Kohorten – der Nurses’ Health Study I und II sowie der Health Professionals Follow-up Study mit insgesamt 12.704 Personen und einer durchschnittlichen Nachbeobachtung von 25 Jahren – ergab der Vergleich zwischen oberstem und unterstem Fünftel ebenfalls eine um 23 Prozent verringerte Gesamtsterblichkeit (Hazard Ratio 0,77).

Veränderungen der Stoffwechselsignatur im ersten Jahr zeigten jedoch keinen statistisch signifikanten Zusammenhang mit der späteren Sterblichkeit. Die Autoren betonen, dass es sich um eine Beobachtungsanalyse handelt, die keinen Kausalnachweis liefert und nicht als Instrument zur Vorhersage der individuellen Lebenserwartung dienen kann.

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Ergänzend zeigten frühere Langzeiterhebungen die Relevanz der Ernährungsmuster: Eine in JAMA Network Open erschienene Auswertung unter Leitung der Kardiologin Dr. Samia Mora vom Brigham and Women’s Hospital begleitete 25.000 Frauen über 25 Jahre.

Die Erhebung von Biomarkern in den Zeiträumen 1993 bis 1996 sowie 2018 bis 2023 ergab, dass eine mediterrane Ernährungsweise das Risiko eines vorzeitigen Todes um 23 Prozent, eines Krebstodes um 17 Prozent und eines kardiovaskulären Todes um 20 Prozent verringerte.

Zelluläre Botenstoffe und ganzheitliche Lebensstile

Über die klassischen Risikofaktoren hinaus untersuchen Arbeitsgruppen zelluläre Signalwege. Ein Team der USC Leonard Davis School of Gerontology unter Leitung von Roberto Vicinanza analysierte über 300 Blutproben älterer Menschen. Dabei zeigte sich eine höhere Adhärenz zur Mittelmeerkost assoziiert mit signifikant höheren Konzentrationen der mitochondrialen Mikroproteine Humanin und SHMOOSE.

Der regelmäßige Verzehr von nativem Olivenöl, fettem Fisch und Hülsenfrüchten ging mit bis zu 35 Prozent höheren Humanin-Werten im Vergleich zu kohlenhydratreichen Ernährungsweisen einher.

SHMOOSE war besonders stark mit der Kombination aus Olivenöl und verringertem Zuckerkonsum korreliert. Auch hier weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass es sich um statistische Korrelationen handelt, die in interventionellen Studien weiter überprüft werden müssen.

Dass die Ernährung stets im Verbund mit anderen Faktoren wirkt, unterstreicht eine Auswertung der Lifelines-Kohorte mittels des Medlife-Index: Das Zusammenspiel aus Ernährung, körperlicher Bewegung und weiteren Gewohnheiten kann das Sterberisiko demnach um 30 Prozent verringern, wobei auch dieses Ergebnis keine direkte Kausalität belegt.

Neurologische Effekte auf Gehirnstruktur und Demenzrisiko

Besondere Aufmerksamkeit gilt den Auswirkungen auf kognitive Fähigkeiten. In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, davon etwa 1,2 Millionen mit Alzheimer.

Bis zum Jahr 2050 wird ein Anstieg auf 2,3 bis 2,7 Millionen über 65-Jährige prognostiziert. Laut der Lancet-Kommission gelten bis zu 45 Prozent der Demenzfälle durch 14 modifizierbare Risikofaktoren als potenziell vermeidbar, darunter Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes und Rauchen.

Untersuchungen wie die Northern Manhattan Study mit 966 Teilnehmern im Durchschnittsalter von 72 Jahren belegen, dass eine stärkere Adhärenz zur mediterranen Ernährung mit weniger Läsionen der weißen Hirnsubstanz (WMH) einhergeht.

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Eine im Jahr 2025 veröffentlichte Meta-Analyse über 20 Studien mit 44.893 Teilnehmern bestätigte eine signifikante WMH-Reduktion, fand jedoch keine einheitlichen Effekte auf das Gesamthirnvolumen, die graue Substanz oder den Hippocampus.

Eine weitere Meta-Analyse aus dem Jahr 2025, basierend auf 33 randomisierten Studien, wies zudem eine Reduktion systemischer Entzündungsmarker wie CRP, IL-6 und IL-17 nach. In der DIRECT-PLUS-Studie mit 284 Erwachsenen verringerte eine polyphenolreiche Variante der Mittelmeerdiät den Hirnvolumenverlust messbar.

Einen abgeleiteten Ansatz stellt die 2015 entwickelte MIND-Diät dar, die Elemente der mediterranen Kost und der DASH-Diät kombiniert. Frühe Beobachtungsstudien zeigten eine Verlangsamung des kognitiven Abbaus, die rechnerisch einem um 7,5 Jahre jüngeren Gehirn entsprach.

Eine Querschnittsstudie mit 8.681 älteren Erwachsenen in der chinesischen Provinz Henan bestätigte einen Zusammenhang zwischen höherer MIND-Adhärenz und besseren kognitiven Werten im MMSE-Test, unabhängig von Alter und Bildung.

Eine im Journal of Neurology, Neurosurgery and Psychiatry publizierte Untersuchung der Framingham Heart Study Offspring (1.647 Teilnehmer, Kernspintomografien von 1999 bis 2019) stellte unter strenger MIND-Adhärenz einen verlangsamten Hirngewebeverlust fest.

Bemerkenswerterweise ging dort ein höherer Käsekonsum mit einem langsameren Rückgang der grauen Substanz und des Hippocampus-Volumens einher – obwohl die Diätrichtlinie eine Begrenzung von Käse vorsieht.

Grenzen von Einzelsubstanzen und Interventionsstudien

Die Reduktion komplexer Ernährungsmuster auf isolierte Mikronährstoffe stößt in klinischen Studien regelmäßig an Grenzen. Eine in eBioMedicine veröffentlichte, placebokontrollierte Untersuchung mit 365 kognitiv gesunden älteren Erwachsenen mit erhöhtem Demenzrisiko testete die tägliche Gabe von zwei Gramm der Omega-3-Fettsäure DHA über zwei Jahre.

Zwar stieg der DHA-Spiegel im Nervenwasser (Liquor) um 17 Prozent an, messbare Verbesserungen bei Gedächtnisfunktionen, globaler Kognition oder dem Hippocampus-Volumen blieben jedoch aus – unabhängig vom genetischen Risikofaktor APOE-epsilon-4.

Fachleute folgern daraus, dass einzelne Nahrungsergänzungsmittel ganzheitliche Lebensstil- und Ernährungsmuster nicht ersetzen können. Die protektiven Effekte der mediterranen Ernährung beruhen offenbar auf synergetischen Wechselwirkungen ganzer Lebensmittelgruppen und Stoffwechselpfade, erfordern aber weiterhin eine nüchterne Abgrenzung gegenüber überzogenen Wirksamkeitsversprechen.

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