Menopause und Blutdruck: Bei mehr als der Hälfte steigt der Wert deutlich an
Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 13:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Neue Angebote, wissenschaftliche Leitlinien und digitale Anwendungen widmen sich zunehmend der körperlichen Transformation von Frauen in den hormonellen Übergangsphasen. Ob in der Perimenopause oder der Postpartum-Zeit: Veränderungen des Stoffwechsels, des Hormonhaushalts und der Körperzusammensetzung stellen Betroffene vor Herausforderungen.
Während der Markt mit neuen Produkten und Beratungskonzepten wächst, betonen Fachgesellschaften die Relevanz evidenzbasierter Lebensstilmaßnahmen und mahnen zu einer kritischen Einordnung frei verkäuflicher Mittel.
Digitale Helfer und neue Marktangebote
Die Nachfrage nach gezielter Unterstützung ist groß. Nach Angaben des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt befinden sich rund 9 Millionen Frauen in Deutschland in den Wechseljahren. Für den US-amerikanischen Markt beziffert der Nahrungsergänzungsmittelhersteller Ritual die Zahl der Frauen, bei denen jährlich die Perimenopause beginnt, auf Basis einer Umfragearbeit von 2025 auf etwa 2 Millionen.
Um den Umgang mit Symptomen im Alltag zu erleichtern, drängen neue Anwendungen auf den Markt. So bietet das Berliner Unternehmen VidaCore seit Juli 2026 die App FemVida in Deutschland, Österreich und der Schweiz für iOS und Android an.
Die Anwendung umfasst ein Symptomtagebuch, eine Foto-Erfassung von Mahlzeiten mit Nährwertberechnung auf Basis künstlicher Intelligenz, Trainingsvorschläge für verschiedene Zyklusphasen sowie Achtsamkeitsübungen. Erfasste Daten lassen sich für Arztgespräche exportieren.
Nach Angaben des Anbieters ist das Angebot datenschutzkonform und vorerst kostenfrei, während eine Premium-Erweiterung für das Jahr 2027 geplant ist. Eine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung ersetze das System jedoch nicht.
Parallel dazu erweitert sich das Segment der funktionellen Lebensmittel und Nahrungsergänzungen. Mitte September 2026 brachte der Hersteller Ritual das hormonfreie Präparat Perimenopause Health heraus, eine vanillearomatisierte Kapsel mit Shatavari-Extrakt, DIM, Vitamin B6 und Nachtkerzenöl.
Das Unternehmen stellt eine Besserung von Symptomen wie Stimmungsschwankungen oder Nachtschweiß in Aussicht, veröffentlichte jedoch keine genauen Mengenangaben oder Standardisierungen der Extrakte.
Auch im Lebensmittelsektor gibt es Anpassungen: Das Unternehmen Oatly meldete die Verfügbarkeit neuer ballaststoffreicher Getränke wie der Fiber Barista Edition und Fiber Low-Calorie, die jeweils 5 Gramm Ballaststoffe pro 250-Milliliter-Portion liefern.
Nährstoffbedarf und Kritik an Nahrungsergänzungsmitteln
Ernährungsexperten und Mediziner betonen die Bedeutung einer gezielten Nährstoffzufuhr. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) liegt der Richtwert für die tägliche Ballaststoffaufnahme bei 30 Gramm. Laut Daten des Max Rubner-Instituts aus der Nationalen Verzehrsstudie II lag der tatsächliche Durchschnitt in Deutschland allerdings 11 Gramm darunter.
In Fachpodcasts zu Stoffwechsel und Perimenopause wird zudem auf eine ausreichende Eiweißzufuhr hingewiesen; als Richtgröße werden hier etwa 0,8 Gramm Protein pro Pfund Körpergewicht sowie 30 bis 40 Gramm pro Mahlzeit diskutiert.
Gleichzeitig raten Verbraucherschützer zur Vorsicht bei Nahrungsergänzungsmitteln. Die Zeitschrift Öko-Test ließ in Ausgabe 10/2026 Präparate gegen Wechseljahresbeschwerden durch zwei Pharmazeuten prüfen und sprach sich gegen Nahrungsergänzungsmittel aus, da diese als Lebensmittel keinen Wirksamkeitsnachweis erbringen müssen.
Die S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause weist zwar darauf hin, dass mindestens 30 Milligramm Isoflavone täglich Beschwerden günstig beeinflussen können, mehrere Pflanzenstoffe im selben Mittel könnten jedoch Wechselwirkungen begünstigen.
Zudem könne Vitamin B6 das Absinken von Östrogen und Progesteron weder verhindern noch ausgleichen. Besser belegt sei die Wirksamkeit pflanzlicher Arzneimittel mit Traubensilberkerze oder Rhapontikrhabarber gegen Hitzewallungen. Frauen mit Brustkrebs sollten Isoflavon-Präparate meiden.
Die Gynäkologin Regina Gößwein verweist darauf, dass Stress, Schlafmangel und hohe mentale Belastungen Mikronährstoffmängel fördern und Beschwerden verstärken können. Sie empfiehlt eine Ernährung mit viel Gemüse, Obst, gesunden Fetten und Ballaststoffen sowie bei individuellem Bedarf eine Ergänzung von Mikronährstoffen wie B-Vitaminen, Vitamin D, Zink oder Magnesium.
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Bewegung als therapeutischer Pfeiler
Neben der Ernährung bildet gezielte körperliche Aktivität eine zentrale Säule zur Erhaltung von Gesundheit und Knochendichte. Richard Crevenna von der Medizinischen Universität Wien hebt hervor, dass Krafttraining Muskeln, Knochen und Sehnen stärkt sowie die Glukoseaufnahme und Insulinsensitivität verbessert.
Nach der Menopause helfe progressives Training gegen den Abbau von Muskelmasse und Knochensubstanz, während Koordinationsübungen das Sturzrisiko senken. Als allgemeine Leitlinie für Erwachsene gelten wöchentlich 150 bis 300 Minuten Ausdaueraktivität moderater Intensität oder 75 bis 150 Minuten höherer Intensität, kombiniert mit Muskelkräftigung an mindestens zwei Tagen.
Zugleich warnen Fachgesellschaften vor Überlastung und unausgewogenen Trainingsregimen. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) betont, dass das Ausbleiben der Menstruation bei Sportlerinnen kein Zeichen harmloser Trainingsanpassung ist. Es könne vielmehr auf das Syndrom des relativen Energiedefizits im Sport (RED-S) hinweisen, wenn der Energieverbrauch die Zufuhr dauerhaft übersteigt. Die daraus resultierende Unterversorgung und der Östrogenmangel schaden Herz-Kreislauf-System, Knochen und Schlaf.
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Kardiovaskuläre Risiken im Blick behalten
Mit der hormonellen Umstellung verändern sich auch kardiovaskuläre Risikofaktoren. Prof. Markus van der Giet von der Deutschen Hochdruckliga berichtet, dass der Blutdruck bei mehr als der Hälfte der Frauen um die Menopause deutlich ansteigt; in den ersten Jahren danach entwickeln mehr als 50 Prozent einen Bluthochdruck. Frauen ab 45 Jahren wird geraten, ihren Blutdruck regelmäßig zu kontrollieren. Für Heimmessungen gilt ein Wert von unter 135/85 mmHg als Richtgröße.
Die Auseinandersetzung mit der Menopause ist in der Praxis oft von Unsicherheiten geprägt. Eine Befragung von 60 Frauen durch die Forscherinnen Anne Bowker und Janet Mantler ergab, dass 78 Prozent eine Gewichtszunahme oder veränderte Fettverteilung und 58 Prozent Stimmungsschwankungen erlebten.
Da Symptome über fünf bis zehn Jahre anhalten können, raten Experten zu einer individuellen ärztlichen Abklärung vor dem Beginn von Therapien oder dem Kauf kommerzieller Präparate.
