Mehr als 2 Stunden Bildschirmzeit: Millionen gesunde Lebensjahre gefährdet
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 07:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine dreiteilige Studienreihe im Fachjournal The Lancet unter Beteiligung von 13 internationalen Experten belegt gravierende Folgen intensiver Social-Media-Nutzung bei Kindern und Jugendlichen. Die wissenschaftlichen Befunde stoßen eine internationale Debatte an und führen zu verstärkten Forderungen nach strengeren gesetzlichen Vorgaben für Technologiekonzerne.
Konsistente Zusammenhänge bei problematischer Nutzung
Im Rahmen der Veröffentlichungen untersuchte ein sogenannter Umbrella Review 121 Reviews mit Daten von rund 9 Millionen Menschen unter 25 Jahren. Die Auswertung dokumentiert konsistente Zusammenhänge zwischen einer problematischen digitalen Mediennutzung und psychischen Problemen, Schlafstörungen sowie reduzierter Bewegung. Dabei stellten die Forschenden fest, dass suchtartige Muster ausschlaggebender seien als die reine Nutzungszeit.
Ein weiterer Umbrella-Review von 2.790 Studien belegt ebenfalls Depression, Angst, Schlafstörungen und Bewegungsmangel bei problematischer digitaler Mediennutzung.
Differenzierte Effekte zeigten sich bei anderen Nutzungsformen: Eine moderate Mediennutzung sowie aktive Videospiele standen im Zusammenhang mit einem höheren Wohlbefinden.
Gleichzeitig verweisen die Autoren darauf, dass die Evidenzsicherheit der vorliegenden Datenbasis niedrig sei und sich eine Kausalität nicht zweifelsfrei belegen lasse. Dennoch mahnt das Autorenteam sofortige präventive Maßnahmen an.
Modellrechnungen verdeutlichen das potenzielle Ausmaß der Problematik: Einer Schätzung zufolge könnten mehr als zwei Stunden Bildschirmzeit pro Tag weltweit jährlich rund 2,8 Millionen gesunde Lebensjahre durch Depression und 240.000 durch Adipositas kosten. Diese Schätzungen seien laut den Autoren allerdings mit Vorsicht zu interpretieren.
Forderungen nach systemischer Regulierung
Aus Sicht der Studienautoren reichen Einzelmaßnahmen wie reine Altersgrenzen nicht aus. Die Verantwortung für den Schutz junger Menschen müsse von den Familien auf Technologiekonzerne und Regierungen übergehen.
Wer die eigene Privatsphäre und die seiner Familie im digitalen Alltag schützen möchte, findet in diesem kostenlosen Report eine sichere Alternative zu herkömmlichen Messengern. Erfahren Sie, wie Sie ohne Datenmissbrauch und neugierige Mitleser anonym mit Ihren Liebsten chatten können. Kostenlosen Telegram-Ratgeber jetzt sichern
Das Forscherteam fordert unter anderem, dass Technikfirmen Gesundheitsdaten mit geprüften Forschern teilen müssen. Zudem schlagen die Experten einen verbindlichen Governance-Vertrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Mindeststandards sowie eine internationale Stelle für KI-Schäden bei Kindern und Jugendlichen vor.
Die Politologin Barbara Prainsack von der Universität Wien, die als Mitautorin an der Publikation beteiligt war, betont, dass ein täglicher Bildschirmkonsum von mehr als zwei Stunden weltweit jährlich mit Millionen verlorenen gesunden Lebensjahren durch Depressionen und Adipositas verbunden sei.
Altersgrenzen bezeichnete Prainsack als wichtiges Puzzlestück, das allein jedoch unzureichend bleibe. Sie plädiert für datenschutzfreundliche Altersprüfungen, eine adaptive vorsorgliche Regulierung und internationale Rahmenverträge nach dem Vorbild der WHO-Tabakkontrolle sowie durch die Vereinten Nationen.
Ergänzend fordert Prainsack ein Verbot suchterzeugender Funktionen, Beschränkungen bei der Datennutzung von Kindern, die gezielte Nutzung des europäischen Brüssel-Effekts sowie mehr Reibung im Alltag durch Verbote an Schulen und Horten.
Die Debatte um Datennutzung und digitale Sicherheit zeigt, wie wichtig ein bewusster Umgang mit Plattformen heute ist. Dieser Gratis-Ratgeber erklärt Schritt für Schritt, wie Sie datenschutzfreundliche Alternativen einrichten und Ihre Kommunikation in nur fünf Minuten absichern. Anleitung für sicheres Chatten gratis herunterladen
Gesetzgeber und Plattformen im Zugzwang
Politische Initiativen zur Beschränkung der Mediennutzung Minderjähriger stoßen in verschiedenen Regionen auf unterschiedliche rechtliche Hürden. In Frankreich gab es einen Vorstoß von Präsident Emmanuel Macron für ein Verbot sozialer Netzwerke für Jugendliche unter 15 Jahren; der dortige Verfassungsrat hob den ersten Gesetzesvorschlag jedoch als unverhältnismäßigen Eingriff auf.
Auf europäischer Ebene sieht der sogenannte Kids Act vor, dass Kindern im Alter von 3 bis 13 Jahren kein Zugang zu sozialen Netzwerken gewährt werden darf. Für Nutzer unter 18 Jahren sollen Mechanismen wie Endlos-Scrollen, Nachrichten von Fremden sowie nächtliche Benachrichtigungen verboten werden.
In Übersee prüft Kanada derzeit Regulierungsschritte nach australischem Vorbild. Mit den Entwürfen Bill C-34 (Safe Social Media Act) und Bill C-36 (Protecting Privacy and Consumer Data Act) stehen eine Digital Safety Commission sowie eine Altersgrenze von 16 Jahren im Raum, wobei Ausnahmen bei nachgewiesenen Schutzmaßnahmen möglich bleiben sollen.
Auf Unternehmensseite liegt die Altersgrenze für Metas Plattform Instagram derzeit bei 13 Jahren; für Nutzer unter 16 Jahren greifen standardmäßige Voreinstellungen, die elterliche Zeitlimits vorsehen.
