Mediensucht, Jugendlichen

Mediensucht bei Jugendlichen: Kreis Recklinghausen richtet Suchthilfe neu aus

Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 16:33 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Der Kreis bezieht digitale Abhängigkeiten in seine Planung ein; Erhebungen zeigen psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen.

Kreis Recklinghausen erweitert Suchthilfeplanung um Mediensucht
Leerer, lichtdurchfluteter Raum in einem Gemeinschaftszentrum mit im Kreis aufgestellten Stühlen für einen Dialog. Illustration mit AI erstellt.

Die kommunale Suchtprävention steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Neben klassischen stoffgebundenen Abhängigkeiten gewinnen digitale Verhaltensmuster und exzessive Mediennutzung in der Beratungs- und Hilfepraxis rasant an Bedeutung. Kommunale Träger reagieren auf diese veränderten Anforderungen, indem sie ihre strategischen Konzepte neu ausrichten und digitale Phänomene systematisch in die Versorgungsstrukturen integrieren.

Erweiterte Suchthilfeplanung im Kreis Recklinghausen

Ein deutliches Signal für diese Weiterentwicklung setzte der Kreistag Recklinghausen mit seinem Beschluss vom 2. Februar 2026. Gemeinsam mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) erarbeitet der Kreis eine umfassende Suchthilfeplanung, die neben traditionellen Suchtformen ausdrücklich medienbezogene Abhängigkeiten ins Zentrum rückt.

Das Vorhaben verfolgt klare Zielsetzungen: Bestehende Hilfsangebote sollen wirksamer miteinander abgestimmt, akute Versorgungslücken identifiziert und innovative Ansätze für die Praxis entwickelt werden.

Nach Einschätzung von Sabine Peisert, der Psychiatrie- und Suchtkoordinatorin des Kreises, nehmen neue synthetische Substanzen sowie medienbezogene Abhängigkeiten spürbar zu. Diese Verschiebung des Hilfebedarfs trifft Kommunen und Träger jedoch unter angespannten finanziellen Rahmenbedingungen, was eine zielgenaue Planung und Vernetzung umso dringlicher macht.

Um Betroffene, Fachkräfte sowie Bürgerinnen und Bürger direkt einzubinden, veranstaltet der Kreis am 8. Oktober eine Zukunftswerkstatt ab 9 Uhr im Forum des Berufskollegs Ostvest in Datteln. Die Veranstaltung soll Raum für den direkten Austausch zwischen Fachleuten und Selbsthilfegruppen bieten.

Alarmierende Daten zur psychischen Belastung junger Menschen

Die Notwendigkeit, medienbezogene Abhängigkeiten in die kommunale Planung aufzunehmen, wird durch aktuelle Erhebungen unterstrichen. Das Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung vom März 2026 belegt, dass jedes vierte Kind in Deutschland psychische Auffälligkeiten aufweist.

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Jedes vierte Kind in Deutschland zeigt psychische Auffälligkeiten, und 9 Prozent der befragten Jugendlichen nennen Süchte als Belastung — Mediennutzung eingeschlossen. Wer früh hinsieht, kann gegensteuern, bevor aus Gewohnheit ein Hilfebedarf wird. Kostenlosen Eltern-Leitfaden zu Mediennutzung anfordern

In einkommensschwachen Familien liegt dieser Anteil sogar bei 31 Prozent. Zu den am häufigsten registrierten Problemen zählen neben Depressionen, Angst- und Essstörungen explizit auch Mediensüchte.

Flankiert wird dieses Bild durch die Sinus-Jugendstudie 2025/2026, die vom Sinus-Institut in Zusammenarbeit mit der Krankenkasse Barmer vorgelegt wurde. Bei der bundesweiten Befragung von 2.000 Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren gaben 9 Prozent der Befragten an, durch Süchte belastet zu sein.

Größter Belastungsfaktor bleibt der Schulstress, unter dem 33 Prozent der Jugendlichen stark leiden – aufgeteilt auf 42 Prozent bei den Mädchen und 25 Prozent bei den Jungen –, während 22 Prozent erklärten, durch die Schule nicht belastet zu sein.

Weitere genannte Belastungen umfassen Familienstress mit 16 Prozent, Einsamkeit mit 12 Prozent sowie psychische Erkrankungen und Konflikte im Freundeskreis mit jeweils 11 Prozent. Barmer-Vorstandschef Christoph Straub bezeichnete die Ergebnisse der Erhebung als deutliches Warnsignal.

Fachübergreifende Ansätze und Vernetzung

Die wachsende Herausforderung durch digitale Medien beschäftigt zunehmend auch andere Ebenen der Fachpolitik. So initiierte Bildungsminister Christoph Wiederkehr für den 30. September 2026 einen Runden Tisch mit Akteuren aus den Bereichen Bildung, Gesundheit und Jugend, um die Auswirkungen übermäßiger Bildschirmzeit bei Smartphones, Tablets und Fernsehen auf Kinder und Jugendliche zu beleuchten. Vorgesehen ist zudem ein anschließender Austausch mit dem Kinderarzt Klaus Vavrik über zentrale Ergebnisse und anstehende Maßnahmen.

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Wenn Kommunen ihre Suchthilfe neu ausrichten, weil medienbezogene Abhängigkeiten zunehmen, brauchen Familien verlässliche Orientierung — nicht erst im Krisenfall. Der Leitfaden zeigt Warnsignale und Wege zu Beratung und Selbsthilfe vor Ort. Warnsignale und Anlaufstellen jetzt nachlesen

Kommunale Initiativen wie im Kreis Recklinghausen verdeutlichen, dass wirksame Suchthilfe künftig nicht mehr allein auf Substanzen verharren kann. Die strukturierte Erfassung digitaler Abhängigkeiten bildet das Fundament, um knappe finanzielle Mittel präzise dorthin zu lenken, wo neue Hilfebedarfe entstehen.

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