Männer und psychische Gesundheit: Nur 57 Prozent sprechen über ihre Sorgen
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 04:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deMedizinische Fachleute plädieren für einen grundlegenden Wandel im Umgang mit der Männergesundheit. Statt bei körperlichen oder seelischen Beschwerden abzuwarten, sei ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich, der die Prävention, regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und ein aktives Gesundheitsmanagement über die gesamte Lebensspanne hinweg miteinander verknüpft.
Hintergrund dieser Forderungen sind anhaltende Defizite bei der Inanspruchnahme medizinischer Kontrollen sowie deutliche statistische Unterschiede bei Lebenserwartung und Hilfesuchverhalten.
Lebenslanges Gesundheitsmanagement statt punktueller Reaktionen
Fachleute betonen die Notwendigkeit, Männergesundheit als ein kontinuierliches Projekt über den gesamten Lebenszyklus zu begreifen. Im Rahmen von Aktionen am Jiangsu-Krankenhaus für Traditionelle Chinesische Medizin hob Chefarzt Chen Yun vier Kernbereiche hervor: Prävention, Behandlung, Rehabilitation und Management.
Das Andrologie-Zentrum der dortigen Klinik veranstaltete an beiden Klinikstandorten kostenlose Sprechstunden anlässlich des China-Männergesundheitstags unter dem Leitgedanken, die Männergesundheit über alle Lebensphasen hinweg gemeinsam zu schützen.
Experten des Jiangsu-Krankenhauses raten zu altersspezifischen Maßnahmen. Während Jugendlichen ein Screening der Fortpflanzungsentwicklung empfohlen wird, gelte für Männer im zeugungsfähigen Alter eine strikte Kontrolle von Tabak- und Alkoholkonsum.
Männern über 40 wird geraten, auf erektile Dysfunktion als mögliches Warnsignal für Gefäß- und Stoffwechselerkrankungen zu achten. Bei älteren Männern stehen die Prostatavorsorge und das Management chronischer Leiden im Vordergrund.
Hinsichtlich urologischer Erkrankungen erläuterte Chefarzt Ning Keqin, dass Prostatitis gehäuft bei jungen und mittelalten Büroangestellten auftrete, während Prostatahyperplasie und Tumoren vor allem ältere Personen betreffen. Männer über 55 Jahre sollten jährlich eine standardisierte PSA-Reihenuntersuchung durchführen lassen.
Liegt der PSA-Wert über 4 oder zeigt sich ein abnormaler FPSA-Wert, sei eine Biopsie oder MRT-Untersuchung erforderlich. Bei einer Prostatahyperplasie rät der Chefarzt von voreiligen Operationen ab; maßgeblich seien zunächst eine standardisierte Bewertung und eine medikamentöse Therapie.
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In den kalten Monaten sei zudem auf Symptome wie Harnverhalt und nächtliches Wasserlassen zu achten; Betroffene sollten sich warm halten, ausreichend trinken und den Urin nicht zurückhalten.
Urologische Früherkennung und individuelle Diagnostik
Auch Fachärzte in Deutschland weisen auf den Stellenwert einer rechtzeitigen Diagnostik hin. Die Kieler Praxis Urodock hebt hervor, dass Vorsorge keine Krankheit bedeute, sondern eine Übernahme von Verantwortung sei. Da Prostatakrebs im Frühstadium oft keine Symptome verursacht, setzt die moderne Diagnostik auf Beratung, Risikobewertung, die Beobachtung des PSA-Verlaufs, familiäre Vorbelastungen und gegebenenfalls den Einsatz von MRT-Verfahren.
Dabei bedeutet ein erhöhter PSA-Wert keineswegs automatisch eine Krebserkrankung; entscheidend sei die fachliche Einordnung. Neben der Prostata sollten auch junge Männer ihre Hoden kennen und abtasten. Symptome wie veränderter Harndrang, nächtliches Wasserlassen oder Erektionsstörungen bedürfen laut den Kieler Medizinern stets einer urologischen Abklärung. Früherkennung dürfe daher nicht auf zeitlich begrenzte Aktionen beschränkt bleiben.
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Psychische Hürden und tradierte Rollenbilder
Neben körperlichen Beschwerden verzögern oft mentale Barrieren den rechtzeitigen Arztbesuch. Die Psychologin Katharina Piekorz berichtet, dass Männer im Erstgespräch häufig fragen, ob ihre Probleme überhaupt schlimm genug seien, während Frauen tendenziell schneller Unterstützung suchen.
Warnsignale für psychische Überlastungen seien schlechter Schlaf, sozialer Rückzug, exzessiv betriebener Sport sowie ein hoher Alkoholkonsum. Prägend seien überlieferte Rollenbilder: Jungen, die ihre Väter offen über Sorgen sprechen sehen, nehmen später im Leben eher Hilfe in Anspruch.
Das zögerliche Verhalten spiegelt sich in Erhebungen wider. Nach Daten einer Forsa-Umfrage für die hkk Krankenkasse besprechen lediglich 57 Prozent der Männer ihre Sorgen mit der Partnerin oder der Familie, im Freundeskreis tun dies nur 45 Prozent. Mehr als ein Drittel versucht stattdessen, aufkommende Probleme gänzlich allein zu bewältigen.
Die Konsequenzen dieser Zurückhaltung sind spürbar. Erkenntnissen der Universität Tübingen zufolge sterben Männer im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. Der DAK-Psychreport 2025 verzeichnete 431 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen je 100 weibliche Versicherte gegenüber 266 Fehltagen bei Männern.
Gleichzeitig machen Männer fast 70 Prozent der Suizide aus. Für Fachleute unterstreichen diese Zahlen die Dringlichkeit, gesundheitliche Beschwerden früher zu thematisieren und bestehende Beratungsangebote konsequenter wahrzunehmen.
