Lehrkräfte-Belastung, Stress

Lehrkräfte-Belastung: 50% leiden unter berufsbedingtem Stress

Veröffentlicht am: 16.08.2026 um 17:31 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Fast die Hälfte der europäischen Lehrkräfte leidet unter berufsbedingtem Stress. Hohe Belastung, Personalmangel und Bürokratie prägen den Schulalltag in vielen Ländern.

Lehrkräfte in Europa: Stress, Überlastung und strukturelle Probleme im Bildungssystem
Erschöpfte Lehrkraft sitzt nach Schulschluss an einem Schreibtisch in einem leeren Klassenzimmer. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Untersuchungen zur Arbeitssituation an europäischen Bildungseinrichtungen verdeutlichen eine zunehmende psychische und physische Belastung des Lehrpersonals. Daten der EU-Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-Osha) zeigen, dass fast 50 % der Lehrkräfte an Sekundarschulen der ersten Stufe unter berufsbedingtem Stress leiden.

Die Auswirkungen dieser Belastung sind messbar: Laut den Erhebungen geben 24 % der Betroffenen negative Folgen für ihre psychische Gesundheit an, während 22 % über physische Beeinträchtigungen berichten.

Europäischer Vergleich: Systemischer Stress und gesundheitliche Folgen

Die Problematik zeigt sich in verschiedenen europäischen Ländern mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In Italien wird die Situation durch eine hohe Anzahl von 250.000 Vertretungslehrkräften verschärft, die neben einer hohen bürokratischen Last auch mit Konflikten mit Elternhäusern und vergleichsweise niedrigen Gehältern konfrontiert sind.

Statistiken des italienischen Versicherungsinstituts Inail für das Jahr 2025 belegen diesen Trend: Die Anzeigen für Berufskrankheiten stiegen um 11,3 % gegenüber dem Vorjahr auf insgesamt 98.463 Fälle. Eine weitere Umfrage des Instituts Inapp unter 20.000 Beschäftigten stützt diese Befunde. Demnach erleben 57 % der Befragten eine signifikante psychische Belastung, und 18 % sehen darin ein direktes Risiko für ihre Gesundheit.

Auch in Polen wird über eine Zunahme der administrativen Belastung berichtet. Die Gewerkschaft Solidarno?? kritisiert Pläne zur digitalen Dokumentation, die in einem Pilotprojekt an 40 Schulen erprobt werden. Kritiker führen an, dass dies zu einer doppelten Dokumentationspflicht und unbezahlter Mehrarbeit führe, häufig unter Verwendung privater Endgeräte und ohne eine angemessene Zeitmessung.

Herausforderungen der inklusiven Beschulung in der Schweiz

In der Schweiz steht insbesondere das Modell der integrativen Schule im Fokus der Kritik. Eine im März 2026 durchgeführte Umfrage des Instituts gfs.bern unter mehr als 10.000 Lehrpersonen in der Deutschschweiz liefert hierzu detaillierte Einblicke. Im Kanton St. Gallen, wo 1.000 Lehrkräfte befragt wurden, stehen 62 % der Lehrpersonen der integrativen Schule kritisch gegenüber – 41 % äußerten sich eher kritisch, 21 % sehr kritisch.

Die Belastungsgrenze scheint vielerorts erreicht: 46 % der Lehrpersonen im Kanton St. Gallen berichten von einer starken beruflichen Belastung, während 51 % die vorhandene Unterstützung als unzureichend empfinden. Ein wesentlicher Faktor ist laut der Umfrage der hohe Anteil an Kindern mit besonderem Förderbedarf; 57 % der Befragten geben an, Kinder ohne formale Diagnose, aber mit deutlichem Unterstützungsbedarf in ihren Klassen zu betreuen.

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Die Präsidentin des Schweizer Lehrerverbandes, Dagmar Rösler, fordert angesichts dieser Ergebnisse eine Kurskorrektur. Zwar solle grundsätzlich an der Inklusion festgehalten werden, bei verhaltensauffälligen Kindern müsse jedoch, wenn nötig, eine Separation ermöglicht werden.

Fachkräftemangel und De-Professionalisierung im deutschen Schulsystem

In Deutschland wird die Situation durch einen massiven Lehrermangel und eine zunehmende Zahl an Seiteneinsteigern geprägt. Im Jahr 2024 machten Seiteneinsteiger bereits 12,7 % der unbefristet neu eingestellten Lehrkräfte aus. In einigen Bundesländern liegt dieser Anteil deutlich höher: In Brandenburg sind es 48 %, in Sachsen-Anhalt 47 %, in Mecklenburg-Vorpommern 42 % und in Thüringen 30 %.

Der Stifterverband warnt in diesem Zusammenhang vor einer De-Professionalisierung des Lehrberufs und fordert eine mindestens dreimonatige Vorqualifizierung als verbindlichen Standard. Wie prekär die Lage ist, zeigt das Beispiel Thüringen, wo 293 Seiteneinsteiger eingestellt wurden, während gleichzeitig 466 Lehrerstellen unbesetzt blieben.

In Sachsen wurden im Schuljahr 2025/26 (Stand Ende Juni 2026) etwa 25,04 % der Unterrichtsstunden fach- oder schulartfremd erteilt. Besonders betroffen sind Förderschulen mit einem Anteil von 61,62 % und Oberschulen mit 29,44 %.

Strategien zur Entlastung und strukturelle Forderungen

Angesichts der hohen Belastungswerte werden verschiedene Ansätze zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen diskutiert. Das Land Bremen führt eine verpflichtende Arbeitszeiterfassung für Lehrkräfte ein, um transparentere Bedingungen und eine bessere Work-Life-Balance zu schaffen. Kritiker befürchten hier jedoch einen Anstieg des bürokratischen Aufwands.

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In Brandenburg bereitet sich das Bildungsministerium auf ein herausforderndes Schuljahr vor. Neben dem Einsatz von Online-Kursen in sechs Fächern wurde die Unterrichtsverpflichtung für Lehrkräfte um eine Stunde erhöht. Gleichzeitig stellt die Koalition 250 neue Stellen in Aussicht, nachdem zuvor 345 Vollzeitstellen gestrichen worden waren.

Lehrerverbände fordern konsequent eine Entlastung durch weniger Bürokratie, den Einsatz multiprofessioneller Teams und digitale Lösungen. In Thüringen wird zudem gefordert, dass Horterzieher ihre Stellen auf 100 % aufstocken können und ein verbindlicher Betreuungsschlüssel eingeführt wird, um die systemische Unterstützung bei der Inklusion zu verbessern.

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