Kreislaufwirtschaft, Kabinett

Kreislaufwirtschaft: Kabinett beschließt 260-Millionen-Programm

01.06.2026 - 20:07:23 | boerse-global.de

Bundeskabinett berät über 565 Millionen Euro schweres Aktionsprogramm. BDI warnt vor nationaler Plastikabgabe.

Kreislaufwirtschaft: Kabinett beschließt 260-Millionen-Programm - Bild: über boerse-global.de
Kreislaufwirtschaft: Kabinett beschließt 260-Millionen-Programm - Bild: über boerse-global.de

Doch der Widerstand aus der Industrie ist massiv.

Milliarden für die Wende

Das Bundeskabinett soll am Mittwoch, dem 3. Juni, das neue Kreislaufwirtschafts-Aktionsprogramm verabschieden. Zwölf Schwerpunktbereiche stehen im Fokus: von der Wirtschaftsförderung über das öffentliche Beschaffungswesen bis hin zum verstärkten Einsatz von Kunststoffrezyklaten. Das Programm „Zukunft Kreislaufwirtschaft" wird aus dem Klima- und Transformationsfonds mit 260 Millionen Euro gefördert. Weitere 305 Millionen Euro sind zwischen 2027 und 2030 aus dem Klimaschutzprogramm 2026 eingeplant.

Doch die Pläne stoßen auf harte Gegenwehr. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) warnte in einem Schreiben an Kanzleramt und Fachministerien vom heutigen Montag eindringlich vor einer nationalen Plastikabgabe. Die Regierung erhofft sich davon jährliche Einnahmen von rund 1,4 Milliarden Euro. Der BDI hingegen argumentiert, die Abgabe diene vor allem der Finanzierung des EU-Haushalts – und nicht der Lenkungswirkung für die Kreislaufwirtschaft. Dabei ist die heimische Kunststoffproduktion in den vergangenen vier Jahren bereits um 26 Prozent gesunken.

Fast Fashion: Die wahre Rechnung kommt aus Ghana

Wie dringend zirkuläre Konzepte sind, zeigt eine Studie, die heute im Fachjournal Environmental Advances erschienen ist. Forscher der The Or Foundation und des Deheyn Lab am Scripps Institution of Oceanography haben einen direkten Zusammenhang zwischen westlicher Fast-Fashion-Überproduktion und schwerer Umweltverschmutzung in Accra, Ghana, nachgewiesen.

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Der Kantamanto-Markt in der ghanaischen Hauptstadt verarbeitet jede Woche rund 15 Millionen Kleidungsstücke. Allein 2023 importierte Ghana 147.000 Tonnen Altkleider. Die Wissenschaftler fanden in der lokalen Umwelt eine massive Belastung mit synthetischen Mikrofasern: bis zu 1.620 Fasern pro Liter Wasser und 24 Fasern pro Kubikmeter Luft. Zum Vergleich: Das ist 20-mal mehr als in Shanghai und 45-mal mehr als in Paris. Die Forderungen nach einer erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) werden lauter.

Design als Schlüssel: Weniger Müll von Anfang an

Um Abfall zu vermeiden, muss Kreislaufwirtschaft beim Design beginnen. Das Prinzip „Design for Recycling" setzt auf kompatible Materialien, vermeidet Mischfasern und erleichtert die Zerlegbarkeit von Produkten. Das Recycling-Atelier in Augsburg erprobt diese Ansätze seit Oktober 2025 in der Praxis.

Innovative Geschäftsmodelle entstehen ebenfalls. Das Startup RE-SHIRT, gegründet im Januar 2022, hat eine reversible Drucktechnologie entwickelt. Textilien lassen sich so mehrfach für verschiedene Zwecke nutzen. Das Modell: Kleidung wird zurückgegeben, gewaschen und neu bedruckt. Bei Kaufvarianten können Aufdrucke für bestimmte Events wieder entfernt werden.

Auch Großkonzerne testen neue Wege. Die Ingka Group, Betreiberin der IKEA-Einrichtungshäuser, startete im Mai 2026 ein Pilotprojekt in der Schweiz. Soziale Unternehmen wie BAND und VEBO, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen, übernehmen dort Küchenmontage und Reparaturdienste. Geplant ist die Ausweitung auf Italien, Spanien und Südkorea – mit dem Ziel, in jedem Markt mindestens ein soziales Unternehmen in die Lieferkette zu integrieren.

Digitaler Second-Hand-Markt und Bauwende

Der Gebrauchtmarkt wird zunehmend digital. Ein Student entwickelte Anfang 2026 innerhalb von fünf Tagen die Vintage-Marktplatz-App VYA. Die Plattform bündelt Dutzende Läden und hat bereits knapp 1.000 Nutzer. Der vollständige Launch ist für September 2026 geplant. Solche digitalen Tools entstehen in einer Phase des Umbruchs: Die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte in Deutschland sank zwischen 2010 und 2025 um 16 Prozent, während sich die Zahl der Großunternehmen verdoppelte.

Auch die Bauwirtschaft entdeckt die Kreislaufwirtschaft. Das EU-geförderte Projekt Bauhalps mit Partnern aus sechs Ländern hat einen Werkzeugkasten für zirkuläres Bauen im Alpenraum vorgestellt. Nach der Entwicklung der Methodik folgen nun Machbarkeitsstudien für öffentliche und Wohngebäude in mehreren europäischen Ländern.

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