Krebs, Zucker

Krebs und Zucker: Warum strikter Verzicht Tumoren nicht aushungert

Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 18:15 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Fachleute sehen keinen belegten Nutzen strenger Zuckerdiäten bei Krebs; während der Behandlung können sie Mangelernährung begünstigen.
Frisches Gemüse und ein Glas Wasser auf einem hölzernen Tisch bei natürlichem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

In der öffentlichen Debatte um die Vorbeugung und Behandlung von Krebserkrankungen halten sich Annahmen über den Einfluss der Ernährung hartnäckig. Immer wieder kursiert die Behauptung, dass sich bösartige Geschwülste durch einen strikten Verzicht auf Zucker aushungern ließen.

Mediziner und Fachgesellschaften stellen jedoch klar, dass diese These wissenschaftlich nicht haltbar ist und pauschale Diätregeln für Patientinnen und Patienten sogar erhebliche Risiken bergen können.

Stoffwechsel von Tumoren lässt sich nicht einfach drosseln

Die Vorstellung, man könne das Krebswachstum durch Kohlenhydratentzug stoppen, beruht auf einem unvollständigen Verständnis biologischer Abläufe. Wie Prof. Dr. Bodo Klump, Chefarzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Tumor- und Palliativmedizin an den medius KLINIKEN Nürtingen/Ostfildern-Ruit, erklärte, lässt sich ein Tumor durch den Verzicht auf Zucker oder Kohlenhydrate nicht aushungern.

Der menschliche Organismus könne Glukose in der Leber aus Aminosäuren selbst herstellen. Zwar sei der gesteigerte Glukosebedarf bösartiger Zellen durch den sogenannten Warburg-Effekt seit rund 100 Jahren bekannt und werde gezielt in der PET-Diagnostik genutzt, ein therapeutischer Nutzen durch selektiven Nahrungsentzug folge daraus jedoch nicht.

Auch Arturo LoAIza-Bonilla, medizinischer Onkologe am St. Luke's University Health Network in Pennsylvania, betonte, dass Tumoren metabolisch flexibel seien und neben Glukose auch Fette oder Proteine verwerten. Es gebe keine etablierten wissenschaftlichen Belege dafür, dass eine Restriktion von Zucker die Behandlungsergebnisse bei Krebspatienten verbessere.

Vielmehr benötigten Betroffene während einer kräftezehrenden Therapie ausreichend Kalorien, um die medizinischen Maßnahmen zu tolerieren. Warnungen vor einer gezielten Unterernährung finden sich auch in der medizinischen S3-Leitlinie zur klinischen Ernährung in der Onkologie. Diese hält fest, dass es keine gesicherten Vorteile einer ketogenen Ernährung hinsichtlich Lebensqualität, Krankheitsverlauf oder Gesamtüberleben gebe.

Stattdessen sei wiederholt ein unerwünschter Gewichtsverlust beobachtet worden. Die Leitlinie empfiehlt daher, während einer Tumortherapie nicht außerhalb von klinischen Studien zu fasten, da strenge Diäten Mangelernährung und Therapieunverträglichkeiten verstärken können.

Prävention durch Vermeidung von Übergewicht

Während der Nutzen radikaler Diäten in der akuten Therapie widerlegt ist, spielt die Ernährung in der allgemeinen Vorbeugung eine andere Rolle. Fachleute verweisen darauf, dass Zucker nicht unmittelbar Krebs auslöst, jedoch indirekt über Folgeerkrankungen wie starkes Übergewicht wirkt. Die Onkologin Cintia Elaine Nascimento Givigi wies darauf hin, dass Übergewicht das Krebsrisiko um 20 Prozent steigert.

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Immer wieder heißt es, ein strikter Zuckerverzicht könne Tumoren aushungern. Fachleute und die S3-Leitlinie zur klinischen Ernährung in der Onkologie stellen klar: Das ist wissenschaftlich nicht haltbar — und strenge Diäten während der Therapie können Mangelernährung und Unverträglichkeiten verstärken. Unser kostenloser Faktencheck ordnet die wichtigsten Zucker-und-Krebs-Mythen ein und zeigt, worauf es bei der Ernährung während der Behandlung ankommt. Kostenlosen Faktencheck jetzt anfordern

Die Intensivmedizinerin und Expertin für onkologische Ernährung Dr. Kovács Enik? ordnete die populäre Redewendung, Zucker nähre den Krebs, als unzulässige Vereinfachung ein. Sinnvoller sei es, den Stoffwechsel insgesamt zu stabilisieren, Blutzucker- sowie Insulinspiegel zu regulieren, chronische Entzündungen zu senken und das Darmmikrobiom zu unterstützen.

Komplexe Kohlenhydrate wie Ballaststoffe und resistente Stärke seien raffiniertem Zucker vorzuziehen, da Ballaststoffe zur Bildung des entzündungshemmenden Butyrats beitragen. Zudem empfahl sie, auf versteckten Zucker zu achten, für den es über 60 Bezeichnungen gebe.

Idealerweise sollten Produkte weniger als 4 Gramm Zucker pro 100 Gramm aufweisen und Zucker nicht unter den ersten drei Zutaten stehen. Eine Anpassung der Ernährung müsse jedoch stets personalisiert erfolgen und Krebsart, Stadium sowie Begleiterkrankungen berücksichtigen.

Unsicherheiten in der Bevölkerung bleiben hoch

Dass solche Mythen weiterhin weit verbreitet sind, liegt auch an teils widersprüchlichen Informationsquellen. Eine Befragung des Deutschen Krebsforschungszentrums unter 1.581 Personen ab 16 Jahren zeigte, dass lediglich 12 Prozent ihr persönliches Krebsrisiko als eher oder sehr hoch einschätzen – ungeachtet der Tatsache, dass fast jede zweite Person im Land im Laufe des Lebens erkrankt.

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Versteckter Zucker steckt in weit mehr Produkten, als die meisten vermuten — für Zuckerzusätze gibt es über 60 Bezeichnungen. Wer die Zutatenliste richtig liest, erkennt die größten Quellen im Alltag: Produkte mit weniger als 4 Gramm Zucker pro 100 Gramm und Zucker nicht unter den ersten drei Zutaten sind die Faustregel. Unsere Checkliste hilft Ihnen, versteckte Zuckerquellen Schritt für Schritt zu entlarven. Checkliste versteckte Zuckerquellen sichern

Gleichzeitig schätzten sich 61 Prozent als gut über Vorbeugung informiert ein, obwohl viele Befragte trotz eines selbsteingeschätzten gesunden Lebensstils Risikofaktoren wie Bewegungsmangel oder Übergewicht aufwiesen.

Ergebnisse der CLARO-Studie mit 1.232 Bürgerinnen und Bürgern verdeutlichen zudem, dass viele Menschen durch widersprüchliche Ratschläge verunsichert sind und Falschinformationen im Alltag nur schwer von evidenzbasierten Erkenntnissen unterscheiden können.

Mehr zum Thema bei Frankfurter Rundschau: „Onkologin stellt klar: Warum Sie diesen Krebs-Mythos über Zucker sofort vergessen sollten“

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