Krankmeldungen: 60% geben zu, obwohl sie arbeitsfähig waren
Veröffentlicht am: 02.09.2026 um 01:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Diskussionen innerhalb der Bundesregierung über die Einführung einer Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag halten an. Arbeitsministerin Bas (SPD) meldete zuletzt deutliche Zweifel an der geplanten Neuregelung an. Sie knüpft ihre Zustimmung an spezifische Bedingungen, darunter Ausnahmen für tarifgebundene Unternehmen. Zudem forderte sie eine Kopplung der Maßnahme an eine Termingarantie bei Ärzten sowie eine verstärkte Schlaganfallvorsorge.
Während Bundeskanzler Merz an dem Vorhaben einer Attestpflicht ab dem ersten Tag festhält, signalisieren Arbeitgeberverbände Bedarf für weitergehende Änderungen. So forderten Vertreter der Arbeitgeberseite alternativ die Einführung von Karenztagen, um die Belastungen für Betriebe zu senken.
Differenzen in der Bewertung der geplanten Neuregelung
Die kritische Haltung der Arbeitsministerin erfährt Unterstützung durch den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), der die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag grundsätzlich ablehnt. Demgegenüber äußerten sich Experten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) skeptisch bezüglich der Wirksamkeit. Das Institut erwartet, dass die Regelung kaum zu signifikanten Veränderungen führen werde.
Als alternative Ansätze werden in der politischen Debatte steuerfreie Boni diskutiert. Ein Vorschlag aus den Reihen der FDP-Fraktion sieht vor, Anreize für eine hohe berufliche Belastbarkeit durch finanzielle Prämien zu schaffen.
Das Unternehmen Tesla wendet ein solches Modell bereits an und zahlt Boni von bis zu 1.000 Euro. Marktforscher verweisen jedoch auf Studien, nach denen solche Geldboni die Fehlzeiten in Einzelfällen sogar um 5,4 Tage erhöhen können.
Wirtschaftliche Belastung durch steigende Lohnfortzahlungskosten
Hintergrund der Debatte ist die finanzielle Belastung der Unternehmen durch krankheitsbedingte Ausfälle. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall bezifferte die Gesamtkosten des Krankenstands zuletzt auf 85,6 Milliarden Euro. Diese Summe deckt sich mit Berechnungen einer Studie des IW für das Jahr 2025.
Angesichts der massiven wirtschaftlichen Belastungen durch Entgeltfortzahlungen suchen viele Unternehmen nach legalen Wegen zur Kostenoptimierung. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt, wie Sie Lohnnebenkosten durch steuerfreie Extras wie Tankgutscheine oder Jobtickets senken und gleichzeitig die Motivation steigern. Kostenloses Handbuch Lohnnebenkosten jetzt herunterladen
Den IW-Daten zufolge leisteten Arbeitgeber nominal 85,6 Milliarden Euro an Entgeltfortzahlungen. Diese Summe setzt sich aus 72,5 Milliarden Euro an Bruttoentgelten sowie 13,1 Milliarden Euro an Sozialbeiträgen zusammen.
Zusätzlich wurden 3,2 Milliarden Euro für den Mutterschutz aufgewendet. Im Vergleich zum Jahr 2010, als die Lohnfortzahlungskosten noch bei 36,9 Milliarden Euro lagen, zeigt sich eine deutliche Steigerung.
Seit 2020 sind die Kosten laut IW-Angaben um 21 Milliarden Euro gewachsen. Als wesentliche Ursachen für diesen Anstieg nennen Ökonomen wie Pimpertz gestiegene Gehälter, eine höhere Anzahl an Beschäftigten, eine alternde Belegschaft sowie eine Zunahme psychischer Erkrankungen.
Wer sich mit den steigenden Kosten für Entgeltfortzahlung und den rechtlichen Rahmenbedingungen befasst, sollte auch die steuerfreien Spielräume bei Sonderzahlungen kennen. Erfahren Sie in diesem Gratis-Download, wie Sie Abgaben bei Minijobs und anderen Beschäftigungsverhältnissen rechtssicher optimieren. Lohnnebenkosten-Ratgeber für Arbeitgeber kostenlos sichern
Daten zum Krankenstand und zum Verhalten der Beschäftigten
Die gesundheitliche Lage der Arbeitnehmer in Deutschland wird durch various Krankenkassendaten verdeutlicht. Die Techniker Krankenkasse (TK) verzeichnete für den Zeitraum von Januar bis November 2025 einen Krankenstand von durchschnittlich 18,6 Tagen.
Die AOK gab den Krankenstand für das Jahr 2025 mit 23,3 Tagen an, während der BKK-Dachverband eine Quote von 5,83 Prozent auswies. Im internationalen Vergleich der OECD aus dem Jahr 2022 belegte Deutschland innerhalb der Europäischen Union den siebten Platz und liegt damit im oberen Mittelfeld.
Untersuchungen zum Verhalten bei Krankmeldungen liefern ein differenziertes Bild. Laut einer Umfrage der Pronova BKK gaben 60 Prozent der Beschäftigten an, sich bereits mindestens einmal krankgemeldet zu haben, obwohl sie arbeitsfähig gewesen wären; 7 Prozent der Befragten täten dies häufig.
Eine Erhebung von Yougov stützt diese Tendenz: Mehr als 25 Prozent der Beschäftigten fehlten demnach bereits unter Angabe falscher Gründe am Arbeitsplatz. Ob eine frühere Attestpflicht diese Entwicklung beeinflussen kann, bleibt unter Experten umstritten. IW-Ökonom Pimpertz bezeichnete es als offen, ob der Krankenstand durch die geplante Maßnahme tatsächlich sinken werde.
