Krankenstand, Deutschland

Krankenstand in Deutschland bleibt auf Rekordniveau

13.05.2026 - 12:08:46 | boerse-global.de

Der Krankenstand bleibt auf Rekordniveau, psychische Erkrankungen treiben die Ausfälle. Die eAU sorgt für mehr Transparenz, aber strukturelle Probleme bestehen fort.

Krankenstand in Deutschland bleibt auf Rekordniveau - Foto: über boerse-global.de
Krankenstand in Deutschland bleibt auf Rekordniveau - Foto: über boerse-global.de

Aktuelle Daten der Krankenkassen zeigen zwar eine leichte Entspannung im Vergleich zu den Vorjahren. Doch die strukturellen Ursachen liegen tiefer – und die wirtschaftlichen Kosten erreichen dreistellige Milliardenbeträge.

Der eAU-Effekt: Mehr Transparenz, nicht mehr Krankheit

Ein großer Teil des Anstiegs ist statistisch bedingt. Seit 2022 sorgt die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) für eine lückenlosere Erfassung. Nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) lag der Krankenstand 2025 bei durchschnittlich 23,3 Tagen pro Kopf – leicht unter dem Vorjahreswert von 23,9 Tagen, aber deutlich über dem Niveau vor der Pandemie.

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Ohne den eAU-Effekt läge der Wert laut Modellrechnungen um etwa 2,5 Tage niedriger. Der Grund: Früher mussten Versicherte den Papierbeleg selbst einreichen – bei kurzen Erkrankungen unterblieb das oft. Heute übermitteln Arztpraxen die Daten automatisch. Besonders bei Erkrankungen bis zu 14 Tagen ist die Erfassung nahezu vollständig. Waren es 2016 noch 6,7 Fehltage in dieser Kategorie, stieg der Wert bis 2025 auf 9,1 Tage.

Fachleute sprechen von einer Niveauverschiebung. Die verbesserte Datenqualität zeigt nicht zwingend eine Verschlechterung des Gesundheitszustands an.

Psychische Erkrankungen werden zum Kernproblem

Doch der statistische Effekt erklärt nicht alles. Langwierige Krankheitsverläufe bleiben das eigentliche Problem. Berichte von DAK-Gesundheit und Techniker Krankenkasse (TK) vom Anfang des Jahres zeigen: Psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen gewinnen weiter an Bedeutung. Die DAK verzeichnete 2025 ein Plus von 6,9 Prozent bei den Fehltagen in diesem Bereich.

Psychische Leiden sind inzwischen die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Sie haben Muskel-Skelett-Erkrankungen auf den dritten Rang verdrängt. Besonders problematisch ist die Dauer dieser Ausfälle. Während Atemwegsinfekte meist nach wenigen Tagen abklingen, führen psychische Diagnosen zu langen Abwesenheiten.

Der demografische Wandel verschärft die Lage. Daten des IGES Instituts belegen: Arbeitnehmer über 60 fallen im Schnitt etwa 20 Tage pro Krankschreibung aus – doppelt so lang wie der Gesamtdurchschnitt von knapp zehn Tagen. Ältere Belegschaften bedeuten mehr chronische Erkrankungen und teure Langzeit-Fehlzeiten.

Milliardenkosten und politische Debatte

Die volkswirtschaftlichen Folgen sind immens. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) beziffert die Kosten durch produktivitätsbedingte Ausfälle auf bis zu 160 Milliarden Euro jährlich. Allein die Lohnfortzahlung belastet die Unternehmen mit über 80 Milliarden Euro pro Jahr.

Die Politik sucht nach Lösungen. Ein prominenter Vorschlag: ein nationaler Krankenstands-Gipfel im Kanzleramt. Ziel wäre eine strategische Allianz zwischen Politik, Wirtschaft und Krankenkassen zur Stärkung der Prävention. Diskutiert wird auch über die Teilkrankschreibung – ein Modell nach skandinavischem Vorbild. Es soll Beschäftigten ermöglichen, bei bestimmten Diagnosen stundenweise oder im Homeoffice zu arbeiten.

Befürworter sehen darin eine Chance, den Kontakt zum Arbeitsplatz zu halten. Kritiker warnen vor erhöhtem Druck auf erkrankte Mitarbeiter.

Branchenunterschiede: Pflege besonders betroffen

Die Betroffenheit variiert stark zwischen den Wirtschaftszweigen. Den höchsten Krankenstand verzeichnen Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialwesen mit rund 6,2 Prozent. In Krankenhäusern und Pflegeheimen fehlten Mitarbeiter im Schnitt 22,5 Tage pro Jahr. Die hohe körperliche und psychische Belastung sowie der Fachkräftemangel treiben eine Spirale aus Überlastung und weiteren Ausfällen.

Die IT-Branche liegt mit 3,4 Prozent und durchschnittlich 12,6 Fehltagen am anderen Ende der Skala.

Der BKK Dachverband wies Mitte Februar darauf hin, dass Pauschalvorwürfe des Missbrauchs – etwa durch die telefonische Krankschreibung – an der Realität vorbeigehen. Es gebe keine Belege für systematisches Blaumachen. Die strukturellen Arbeitsbedingungen und mangelnde Prävention seien die eigentlichen Treiber.

Neue Normalität oder Alarmzeichen?

Die eAU hat das Bild des Krankenstands nach oben verzerrt. Doch die tieferliegenden Trends sind real. Die Arbeitswelt verändert sich durch Digitalisierung und Personalmangel grundlegend. Seit der Pandemie ist das Bewusstsein für Infektionsschutz gestiegen – Arbeitnehmer bleiben bei Atemwegsinfekten eher zu Hause. Mediziner begrüßen das, Arbeitgeber sehen Produktivitätsverluste.

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Die Zunahme psychischer Diagnosen könnte bedeuten, dass die Resilienz der Beschäftigten abnimmt. Oder dass die Bereitschaft gestiegen ist, solche Leiden offen zu thematisieren. Die Transparenz durch die eAU offenbart ein Bild, das früher durch nicht eingereichte gelbe Scheine kaschiert wurde.

Für Unternehmen heißt das: Administrative Maßnahmen zur Senkung des Krankenstands werden kaum wirken. Psychische Gesundheit und Arbeitsorganisation müssen in den Fokus rücken.

Prävention als Wettbewerbsfaktor

Branchenexperten erwarten keine rasche Rückkehr zu den niedrigen Krankenständen der 2010er Jahre. Der demografische Effekt wird sich durch das Ausscheiden der Babyboomer noch verstärken. Investitionen in das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) werden zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

Die Politik dürfte die Rahmenbedingungen für Prävention verschärfen oder fördern. Die Diskussion um die Teilkrankschreibung könnte in gesetzliche Neuregelungen münden – sofern sich Arbeitgeber und Gewerkschaften auf praktikable Lösungen einigen.

Letztlich wird der Erfolg davon abhängen, ob es gelingt, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit einer alternden Belegschaft gerecht werden. Die Digitalisierung durch die eAU war nur der erste Schritt zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme.

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