Krafttraining im Alter: 80% verbessern Mobilität, Muskeln stagnieren
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 04:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Krafttraining gilt vielen als Allheilmittel gegen körperlichen Abbau im Alter. Eine aktuelle Studie im Fachjournal European Geriatric Medicine zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild: Zwölf Wochen gezieltes Training verbesserten die funktionelle Leistungsfähigkeit vieler Teilnehmer deutlich, wirkten sich auf Muskelkapazität und Körperzusammensetzung jedoch kaum oder sogar leicht negativ aus.
Parallel dazu liefert eine Untersuchung an adipösen Mäusen der Universität Campinas (UNICAMP) neue Hinweise darauf, wie Krafttraining auf zellulärer Ebene Fettabbau anstoßen kann – auch ohne dass sich das Körpergewicht verändert.
Die Humanstudie: Verbesserungen bei der Funktion, Stillstand bei der Muskulatur
Die Untersuchung unter Leitung von Špela Matko und Vincent Grote vom Ludwig Boltzmann Institut begleitete 126 gesunde ältere Menschen zwischen 60 und 80 Jahren, im Durchschnitt 67,7 Jahre alt, rund 63 Prozent davon Frauen, mit einem durchschnittlichen Body-Mass-Index von 28,1. Über zwölf Wochen absolvierten die Teilnehmer zweimal wöchentlich ein 60-minütiges Krafttraining.
Bei der funktionellen Leistung – gemessen unter anderem über Chair-Stand-Tests, den Timed-Up-and-Go-Test sowie die Gehgeschwindigkeit über 10 Meter – zeigte sich eine standardisierte mittlere Differenz (SMD) von 0,67, ein vergleichsweise deutlicher Effekt. 80 Prozent der Teilnehmer verbesserten sich in diesem Bereich. Beim übergeordneten Gesamtindex fiel der Effekt mit einer SMD von 0,30 geringer aus, hier verbesserten sich 59,5 Prozent der Teilnehmer.
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Anders sah es bei Muskelkapazität und Körperzusammensetzung aus: Die Muskelkapazität blieb weitgehend stabil, die Körperzusammensetzung entwickelte sich sogar leicht negativ. Insgesamt zählten die Forscher 46 Prozent der Teilnehmer als sogenannte Responder, definiert über eine Schwelle von 0,33 SMD, während 54 Prozent nicht in diesem Sinne auf das Training ansprachen.
Der durchschnittliche Ausgangswert beim Timed-Up-and-Go-Test lag bei 6,10 Sekunden. Ein Modell mit vier Domänen konnte laut den Studienautoren 72,7 Prozent der beobachteten Varianz erklären. Als Einschränkung nennen die Autoren, dass der Studie eine Kontrollgruppe fehlte – ein Umstand, der die Aussagekraft der beobachteten Effekte relativiert.
Die Tierstudie: Krafttraining aktiviert Fettabbau ohne Gewichtsverlust
Während die europäische Studie funktionelle Alltagsfähigkeiten in den Blick nahm, untersuchte ein Team der UNICAMP unter Leitung von Leandro Moura, gefördert von der brasilianischen Forschungsförderung FAPESP, molekulare Mechanismen bei adipösen männlichen Mäusen mit fettreicher Diät.
Sieben Tage Krafttraining in Form von Treppenklettern mit Gewichten – auf einer 70 Zentimeter hohen Treppe, bei 70 Prozent der maximalen Kapazität, mit 20 Aufstiegen und Pausen von 60 bis 90 Sekunden über sieben Trainingseinheiten – aktivierten demnach die Lipolyse, verkleinerten Fettzellen und reduzierten das mesenteriale Fettgewebe. Das Gesamtkörpergewicht der Tiere veränderte sich dabei laut der im Fachjournal Life Sciences veröffentlichten Studie nicht.
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Als Mechanismus beschreiben die Autoren eine ABHD5-ATGL-Interaktion: Das Protein PLIN1 setzt ABHD5 frei, das sich an ATGL bindet und so die Lipolyse in Gang setzt. Bei untrainierten, fettleibigen Mäusen war ABHD5 reduziert. Gleichzeitig drosselte das Training die Expression des Gens Scd1, das an der Fettsynthese beteiligt ist.
Nach Einschätzung der Autoren widerlegen die Ergebnisse die verbreitete Annahme, dass ausschließlich Ausdauertraining Fett verbrenne. Moura empfiehlt, aerobes Training und Krafttraining zu kombinieren, verweist aber zugleich auf klare Grenzen der Studie: Die Befunde seien rein experimentell, basierten ausschließlich auf männlichen Mäusen und einem einzigen Fettdepot, und es seien lediglich Gene, Proteine und molekulare Signalwege analysiert worden. Klinische Studien an Menschen seien notwendig, um zu prüfen, ob sich die Effekte übertragen lassen.
Ein uneinheitliches Gesamtbild
Beide Untersuchungen unterstreichen, dass Krafttraining im Alter beziehungsweise bei Adipositas komplexe und teils gegenläufige Effekte hat: Während funktionelle Alltagsfähigkeiten bei einem Großteil der älteren Teilnehmer der Humanstudie messbar zunahmen, blieben Muskelmasse und Körperzusammensetzung eher stabil oder verschlechterten sich leicht.
Die Tierstudie wiederum liefert einen möglichen molekularen Erklärungsansatz dafür, warum Krafttraining Fettstoffwechsel beeinflussen kann, ohne dass sich dies unmittelbar auf der Waage zeigt. Für belastbare Aussagen zum Menschen bedarf es nach Einschätzung der beteiligten Forscher weiterer, kontrollierter klinischer Studien.
