Konservierungsstoffe: Studie warnt vor 29% höherem Bluthochdruckrisiko
27.05.2026 - 10:30:25 | boerse-global.de
Eine Langzeitstudie aus Frankreich liefert alarmierende Daten: Gängige Konservierungsstoffe erhöhen das Risiko für Bluthochdruck und Herzinfarkte – selbst solche, die als natürlich gelten.
Die NutriNet-Santé-Studie wertete die Daten von über 112.000 Teilnehmern über knapp acht Jahre aus. Das Ergebnis: Die höchste Aufnahme von nicht-antioxidativen Konservierungsstoffen war mit einem um 29 Prozent erhöhten Risiko für Bluthochdruck verbunden. Auch das Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle stieg um 16 Prozent.
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Auch „natürliche“ Zusätze sind nicht harmlos
Besonders überraschend: Selbst antioxidative Konservierungsstoffe wie Ascorbinsäure (Vitamin C) oder Zitronensäure zeigten negative Effekte. Die Forscher ermittelten ein um 22 Prozent höheres Bluthochdruckrisiko. Wichtig: Dies bezieht sich auf die isolierte Verwendung als Zusatzstoff in verarbeiteten Lebensmitteln – nicht auf den Verzehr von natürlichem Obst und Gemüse.
Unter der Leitung von Mathilde Touvier analysierte das Team spezifische E-Nummern. Rund 99,5 Prozent der Teilnehmer konsumierten regelmäßig Lebensmittel mit Konservierungsstoffen. Die Risikosteigerungen im Einzelnen:
- Kaliumsorbat (E202): 39 Prozent höheres Bluthochdruckrisiko
- Zitronensäure (E330): 25 Prozent Steigerung
- Natriumnitrit (E250): 16 Prozent erhöhtes Risiko
- Ascorbinsäure (E300): 14 Prozent mehr Bluthochdruck, 15 Prozent mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Weitere Problemstoffe: Natriumascorbat (E301), Natriumerythorbat (E316) und bestimmte Rosmarinextrakte (E392).
Ein überraschender Befund: Nur 35 Prozent der aufgenommenen Zusatzstoffe stammten aus ultra-verarbeiteten Lebensmitteln. Die Substanzen stecken auch in Produkten, die Verbraucher für weniger stark verarbeitet halten. Die Forscher fordern eine Neubewertung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die US-amerikanische FDA.
Pestizide: Jedes zweite Produkt belastet
Die Debatte um Lebensmittelsicherheit verschärft sich durch aktuelle Labortests von Foodwatch. In 64 Produkten aus Supermärkten in Deutschland, Frankreich, Österreich und den Niederlanden wiesen 67 Prozent der Proben Pestizidrückstände auf – Substanzen, die in der EU keine Zulassung besitzen.
Betroffen waren Eigenmarken von Aldi, Lidl, Edeka und Rewe sowie Markenprodukte von Teekanne, Meßmer oder Fuchs. Besonders drastisch: Ein Kreuzkümmel-Produkt überschritt den Grenzwert für Flamprop um das 217-fache. In einer Chili-Mischung fanden sich 22 verschiedene Pestizide, sieben davon nicht zugelassen.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht kein unmittelbares Gesundheitsrisiko. Foodwatch fordert dennoch eine Null-Toleranz-Regelung für nicht zugelassene Substanzen.
Parallel dazu wächst der juristische Druck auf Herbizidhersteller. In Brasilien klagt die Staatsanwaltschaft Ende Mai 2026 auf ein vollständiges Glyphosat-Verbot. Große Agrarkonzerne wie Bayer mussten bereits erhebliche Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten bilden.
Lebensstil schlägt Genetik
Während die chemische Belastung im Fokus steht, betonen Experten auf dem 60. Deutschen Diabeteskongress in Berlin die Macht des eigenen Verhaltens. Eine Langzeitstudie der University of Massachusetts mit über 332.000 Teilnehmern zeigt: Ein ungesunder Lebensstil erhöht das Risiko für Typ-2-Diabetes um das Siebenfache. Eine ungünstige genetische Veranlagung steigert es nur um den Faktor 2,6.
Über 55 Prozent der Diabetes-Neuerkrankungen wären durch Verhaltensänderungen vermeidbar. Eine chinesische Studie im British Journal of Sports Medicine (Mai 2026) untermauert dies: 560 bis 610 Minuten Bewegung pro Woche senken das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um über 30 Prozent. Die WHO-Empfehlung von 150 Minuten bewirkt lediglich eine Reduktion von 8 bis 9 Prozent.
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KI erkennt Herzrisiko 15 Jahre früher
Forscher der Universität Hongkong (HKUMed) präsentierten ein KI-Tool namens CardiOmicScore. Es analysiert fast 3.000 Blutproteine und über 160 Metaboliten. Das System soll das Risiko für sechs verschiedene Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis zu 15 Jahre vor den ersten Symptomen vorhersagen können.
Der Cocktail-Effekt bleibt unklar
Die Studien zeichnen ein komplexes Bild. Selbst als „natürlich“ deklarierte Zusatzstoffe wie Zitronensäure können den Blutdruck beeinflussen. Da 99,5 Prozent der Bevölkerung diesen Stoffen ausgesetzt sind, wird das Thema zur Herausforderung für die öffentliche Gesundheit.
Wissenschaftlich ungeklärt bleibt der „Cocktail-Effekt“ aus Konservierungsstoffen, Farbstoffen und Pestizidrückständen. Einzelstoffe in zugelassenen Mengen gelten oft als unbedenklich – die kumulative tägliche Aufnahme über verschiedene Lebensmittel hinweg bestimmt jedoch das tatsächliche Risiko.
Die Lebensmittelindustrie muss Rezepturen nicht nur nach Geschmack und Haltbarkeit optimieren, sondern verstärkt nach kardiovaskulärer Sicherheit. Eine bloße Reduktion ultra-verarbeiteter Produkte reicht nicht aus – Zusatzstoffe haben in weiten Teilen des Sortiments Einzug gehalten.
Was kommt?
Für die kommenden Jahre zeichnen sich verschärfte Regulierungen ab. Die Forderungen nach einer Neubewertung von Konservierungsstoffen durch die EFSA dürften durch die neuen Daten an Gewicht gewinnen. Gleichzeitig verbessern technologische Fortschritte wie der CardiOmicScore die diagnostischen Möglichkeiten.
In der Pharmakologie wird für das Medikament Pelacarsen – es senkt den Lipoprotein(a)-Wert – eine Zulassung für Ende 2027 oder Anfang 2028 erwartet. Auch höher dosierte Varianten von Wegovy spiegeln den Trend wider, chronische Krankheiten über die Regulierung des Stoffwechsels anzugehen.
Die Wissenschaftler der NutriNet-Santé-Studie raten: Rückkehr zu weniger verarbeiteten Lebensmitteln, Reduktion der täglichen Exposition gegenüber isolierten Zusatzstoffen. Die kommenden Monate werden zeigen, wie schnell Politik und Wirtschaft auf diese Warnsignale reagieren.
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