Kniearthrose: Bewegung und Gewicht schlagen Medikamente
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 12:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das American College of Rheumatology (ACR) hat im September 2026 seine Leitlinien zur Behandlung von Knie-, Hüft- und Handarthrose aktualisiert. Die neuen Richtlinien verschieben die klinischen Schwerpunkte deutlich hin zu nicht-pharmakologischen Interventionen.
Insbesondere die strukturierte Bewegungstherapie und eine gezielte Gewichtsreduktion bei Patienten mit Übergewicht oder Adipositas werden nun verstärkt als primäre Maßnahmen empfohlen. Bei anhaltenden funktionellen Einschränkungen sieht das ACR-Update zudem die Überweisung zur Physiotherapie oder Ergotherapie vor.
Fokus auf nicht-pharmakologische Interventionen und Gewichtsmanagement
Die Leitlinien des ACR aus dem September 2026 betonen die Bedeutung eines ganzheitlichen Behandlungsansatzes. Zu den bedingt empfohlenen Maßnahmen gehören nun auch Tai-Chi, Yoga sowie kognitive Verhaltenstherapie.
Erstmalig wurde auch die Massage in den Katalog der bedingt empfohlenen physikalischen Anwendungen aufgenommen, ebenso wie lokale Wärme- und Kälteanwendungen, Akupunktur sowie der Einsatz von Bandagen für Knie und Hüfte, Handorthesen und Taping.
Im Gegensatz dazu wird von bestimmten Anwendungen ausdrücklich abgeraten. Das ACR stuft die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) sowie Keil-Einlagen als bedingt nicht empfehlenswert ein.
Diese Einschätzung zur Elektrotherapie wird durch Informationen der Rheuma-Liga gestützt, wonach die Leitlinie für Kniearthrose aufgrund einer schwachen Studienlage von TENS-Anwendungen abrät, obwohl diese häufig für etwa 30 Minuten ein- bis zweimal täglich eingesetzt werden.
Medikamentöse Neuerungen und kritische Bewertung invasiver Verfahren
In der pharmakologischen Therapie empfiehlt das ACR bei Arthrose der Knie und Hände die Verwendung topischer nicht-steroidaler Antirheumatika (NSAR) vorzugsweise gegenüber oralen Medikamenten. Dennoch bleiben orale NSAR und intraartikuläre Glukokortikoid-Injektionen stark empfohlen, wobei bei Injektionen in das Hüftgelenk eine Ultraschallführung angeraten wird.
Ein wesentlicher neuer Aspekt der Leitlinien 2026 ist die bedingte Empfehlung von GLP-1-Rezeptoragonisten für Patienten mit Kniearthrose und gleichzeitiger Adipositas. Für Fälle von erosiver Handarthrose wird zudem niedrigdosiertes Methotrexat bedingt empfohlen.
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Demgegenüber steht eine lange Liste an Verfahren, von denen das ACR explizit abrät. Dazu zählen unter anderem Stammzellinjektionen, plättchenreiches Plasma (PRP), Hyaluronsäure-Injektionen und Botulinumtoxin. Auch von systemischen Opioiden sowie Nahrungsergänzungsmitteln wie Glucosamin und Chondroitin wird abgeraten. Ebenfalls als nicht empfehlenswert gelten Hydroxychloroquin, Bisphosphonate sowie TNF- und IL-1-Biologika.
Wirksamkeit von Hilfsmitteln und adjuvanten Therapien
Eine Analyse von 139 klinischen Studien mit fast 10.000 Teilnehmern, die im September 2026 thematisiert wurde, untersuchte die Effektivität von 12 verschiedenen Behandlungsmethoden bei Kniearthrose.
Demnach erwiesen sich Kniebraces, Hydrotherapie und reguläre Bewegung as die effektivsten nicht-medikamentösen Behandlungen. Während Kniebraces Schmerz und Steifheit lindern sowie die Funktion verbessern können, wirkt Hydrotherapie primär schmerzlindernd.
Ergänzende Verfahren wie die Akupunktur sind laut Berichten der Rheuma-Liga seit 2007 Kassenleistung bei Kniearthrose, wobei neuere Studien eine Überlegenheit von Moxibustion oder Elektroakupunktur nahelegen.
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Die Radiosynoviorthese (RSO) wird in Deutschland als Off-Label-Therapie geführt und ist laut Leitlinien nur in begründeten Ausnahmefällen, etwa bei ausgeprägten Schleimhautentzündungen, eine Option. Die Low-Dose-Radiotherapie wird aufgrund fehlender klarer Vorteile gegenüber Placebo-Behandlungen lediglich als letzte Reserve betrachtet.
Anatomische Veränderungen und präventive Bewegungsempfehlungen
Physiotherapeuten unterstreichen die Bedeutung von moderater Bewegung wie Wandern, da der Gelenkknorpel nur durch regelmäßige Bewegung mit Nährstoffen aus der Gelenkflüssigkeit versorgt wird.
Empfohlen wird dabei die Nutzung von Trekkingstöcken zur Entlastung sowie das Tragen von dämpfenden Schuhen mit einer geringeren bis mittleren Sprengung von ca. 4-8 mm. Eine zu hohe Sprengung über 10 mm könne zwar die Achillessehne entlasten, fördere jedoch keinen natürlichen Laufstil.
Ein interessanter Hintergrundaspekt zur Kniegesundheit ergibt sich aus einer Metaanalyse des Imperial College London, die 21.676 Kniegelenke über einen Zeitraum von 150 Jahren untersuchte. Die Häufigkeit der Fabella, eines kleinen Sesambeins hinter dem Knie, stieg demnach zwischen 1918 und 2018 weltweit von etwa 11,2 % auf rund 39 % an.
Da Menschen mit Kniearthrose etwa doppelt so häufig eine Fabella besitzen, vermuten Forscher hier einen noch ungeklärten Zusammenhang, der klinisch relevant sein könnte, da dieses Knöchelchen Operationen wie den Einsatz künstlicher Kniegelenke erschweren kann.
