Hundertjährige, Sterberisiko

Hundertjährige: 42% weniger Sterberisiko durch einfache Lebensgewohnheiten

Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 20:31 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Viele Anti-Aging-Präparate zeigen unklare Effekte oder Risiken, während Bewegung, pflanzliche Ernährung und Alltagshabits Hundertjährige prägen.

Longevity-Markt wächst trotz offener Fragen zu Anti-Aging-Mitteln
Frische, unverarbeitete Lebensmittel wie Nüsse und Samen auf einer hellen Steinfläche, die einen gesunden Lebensstil symbolisieren. Illustration mit AI erstellt.

Der Wunsch nach einem längeren, gesünderen Leben hat einen milliardenschweren Markt hervorgebracht – von Kollagenpulver über NAD+-Infusionen bis zu Wechseljahres-Supplements.

Mehrere aktuelle Berichte werfen jedoch die Frage auf, wie belastbar die wissenschaftliche Grundlage vieler beworbener Anti-Aging-Wirkstoffe tatsächlich ist. Der Befund: Während echte Hundertjährige eher auf einfache Lebensgewohnheiten setzen, bleibt die Wirkung vieler populärer Präparate wissenschaftlich unklar.

Populäre Wirkstoffe im Faktencheck

Bei Taurin zeigte eine 2023 in Science veröffentlichte Studie eine Lebensverlängerung bei Mäusen, doch eine 2025 ebenfalls in Science erschienene Arbeit fand bei menschlichen Kohorten stabile beziehungsweise steigende Taurinwerte – die tatsächliche Wirkung beim Menschen bleibt damit offen.

Ähnlich verhält es sich mit NAD+-Boostern: Eine Übersichtsarbeit von 2026 belegt zwar, dass NR und NMN die NAD+-Werte im Körper erhöhen, konkrete Gesundheitseffekte sind aber nicht nachgewiesen. Zu NAD+-Infusionen, die in manchen Kliniken angeboten werden, liegen bislang gar keine klinischen Studien vor.

Auch Kollagenpulver, ein Verkaufsschlager der Beauty-Branche, steht auf wackligem Fundament. Eine Meta-Analyse von 2025 über 23 randomisierte Studien mit 1474 Teilnehmern fand ohne Pharma-Finanzierung keine eindeutigen Hautvorteile.

Eine Dermatologin aus Zürich bestätigte, dass zu Kollagenpulver keine klinischen Langzeitstudien existieren – als effizientesten Anti-Aging-Wirkstoff nannte sie stattdessen Retinol, das nach zwei bis drei Monaten Anwendung die Kollagenproduktion nachweislich anregt.

Bei Spermidin zeigte eine randomisierte Studie an 100 älteren Erwachsenen über ein Jahr keinen eindeutigen Vorteil für die Gedächtnisleistung. Resveratrol schnitt in einer Übersichtsarbeit über 45 systematische Reviews und Meta-Analysen zwar mit Hinweisen auf positive Effekte auf Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Marker ab, eine Lebensverlängerung beim Menschen gilt aber als nicht belegt.

Risiken durch hochkonzentrierte Präparate

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Eine Lebensmittelchemikerin der Universität Wien warnte, dass hochkonzentrierte bioaktive Stoffe in Nahrungsergänzungsmitteln erhebliche Risiken bergen können: Sie könnten Krebstherapien blockieren oder die Wirkung der Antibabypille aufheben.

Konkret können Anthocyane, wie sie in Erdbeeren, Himbeeren oder Rotkraut vorkommen, in hoher Konzentration eine Chemotherapie gegen Dickdarmkrebs abschwächen. Isoflavone aus Soja wirken hormonähnlich wie Östrogen und gelten bei hormonabhängigem Brustkrebs als riskant.

Aktivkohle in Detox-Getränken kann zudem Medikamentenwirkstoffe binden und unwirksam machen. Diese Erkenntnisse wurden im Umfeld des EUROTOX-Kongresses vom 13. bis 16. September 2026 im Austria Center Vienna thematisiert.

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Auch bei Wechseljahres-Präparaten zeigen sich Lücken: Eine Analyse des University College London untersuchte Inhaltsstoffe, Dosierungen und Preise von über 200 entsprechenden Produkten neun großer Einzelhändler. Etwa die Hälfte enthielt demnach kein Vitamin D, weniger als ein Viertel Kalzium.

Hohe Dosen anderer Inhaltsstoffe können laut dem Bericht Erbrechen, Verwirrtheit und Organschäden verursachen, Traubensilberkerze birgt zudem ein Risiko für Leberschäden. Die British Menopause Society empfiehlt stattdessen schlicht 10 Mikrogramm (400 IE) Vitamin D täglich.

Was echte Hundertjährige anders machen

Eine Altersforscherin der Universität Lausanne, die Centenarians-Studien in Deutschland, den USA und der Schweiz auswertete, kommt zu einem anderen Schluss: Hohe Resilienz sei zentral für ein langes Leben. Die meisten der untersuchten Hundertjährigen hätten „nie Sport“ im klassischen Sinn betrieben, seien aber im Alltag viel in Bewegung gewesen.

Ihre Ernährung war geprägt von wenig Fleisch, viel Pflanzlichem und moderaten Kalorienmengen. Ihr Rat lautete schlicht, alles im Maß zu tun. Trotz mehrerer Erkrankungen berichteten die Hochbetagten oft von einem positiven Wohlbefinden.

Auch familiäre Studien stützen dieses Bild: Eine im Fachjournal JAMA Network Open veröffentlichte Untersuchung an 2.319 Erwachsenen mit mindestens einem über hundertjährigen Elternteil, verglichen mit 2.703 Kontrollpersonen über Zeiträume von 16 bis 29 Jahren, fand ein um 42 Prozent geringeres Sterberisiko sowie 33 Prozent weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen und 32 Prozent weniger Hypertonie in dieser Gruppe. Ein konsistenter Schutz vor Krebs zeigte sich hingegen nicht – ein Hinweis darauf, dass neben Genetik auch Lebensstilfaktoren eine Rolle spielen.

Ein wachsender Markt trotz offener Fragen

Trotz der unklaren Studienlage wächst der Longevity-Markt rasant. Im Bereich Lebensmittel und Getränke wird der Markt laut Marktforschung aktuell auf 45 Milliarden US-Dollar geschätzt, mit einer Prognose von über 87 Milliarden US-Dollar innerhalb eines Jahrzehnts.

Auch der Weltmarkt für proteinhaltige Nahrungsergänzungsmittel expandiert: von rund 24,2 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf voraussichtlich fast 38 Milliarden Euro bis 2031, wie Marktanalysten schätzen.

Einzelne Unternehmen wie The Quality Group, zu der Marken wie More Nutrition und ESN gehören, meldeten für das erste Halbjahr 2026 einen Umsatz von 850 Millionen Euro – ein Plus von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Angesichts der Diskrepanz zwischen Marktwachstum und wissenschaftlicher Evidenz raten Fachleute zu einem nüchternen Blick: Wer im Alter gesund bleiben will, sollte sich weniger auf teure Nahrungsergänzungsmittel verlassen als auf grundlegende Faktoren wie ausreichend Vitamin D, Bewegung im Alltag und eine ausgewogene, überwiegend pflanzliche Ernährung.

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