Hitze und Psyche: Ein Plus von 1 °C ist mit 2,2 % mehr Mortalität verbunden
Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 23:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie psychischen Folgen des Klimawandels rücken zunehmend in den Fokus der medizinischen und therapeutischen Praxis. An der Psychiatrischen Klinik Wangen des Zentrums für Psychiatrie Südwürttemberg bieten der Psychiater Hans Knoblauch und die Psychotherapeutin Monika Stöhr eine spezielle Klimasprechstunde an. Das Angebot richtet sich an Menschen, die sich durch die globale Erwärmung und Umweltveränderungen seelisch belastet fühlen.
Ratsuchende berichten dort von quälenden Schuldgefühlen und Scham über ein vermeintlich unzureichendes eigenes klimafreundliches Verhalten, von anhaltendem Grübeln sowie von schweren Konflikten innerhalb von Familien. Auch Fälle von Aktivisten, die infolge ihres intensiven Engagements ein Burnout erlitten haben, gehören zum Spektrum der vorgestellten Belastungen.
Niedrigschwellige Beratung bei Scham und Solastalgie
Bei der Initiative in Wangen handelt es sich nicht um ein reguläres psychotherapeutisches Angebot, sondern um eine gezielte Beratung zur Stärkung der Selbstwirksamkeit. Das Format steht allen Betroffenen ohne Diagnosestempel und ohne Vorlage einer Krankenkassenkarte offen. Ein zentrales Phänomen in den Beratungsgesprächen bildet die sogenannte Solastalgie.
Dieser Begriff beschreibt das schmerzliche Vermissen der vertrauten Heimat, während sich diese vor den eigenen Augen drastisch verändert – etwa durch sichtbaren Baumverlust, ausbleibenden Schnee im Winter oder Futtermittelengpässe in der Landwirtschaft infolge anhaltender Trockenheit.
Als Gegenstrategien empfehlen die Fachleute der Sprechstunde unter anderem bewusste Auszeiten von der ständigen Beschäftigung mit Klimathemen, den gezielten Konsum positiver Nachrichten sowie den Aufenthalt in der Natur ohne schlechtes Gewissen. Ebenso wichtig seien der offene Austausch mit anderen und gemeinsames Handeln.
Psychiater Knoblauch weist darauf hin, dass der Begriff des individuellen ökologischen Fußabdrucks historisch eine Erfindung der Ölindustrie gewesen sei; die Verantwortung für wirksame Veränderungen müsse daher primär auf die politische Ebene zurückverlagert werden.
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Hitze als physiologischer und psychiatrischer Risikofaktor
Neben chronischen Sorgen stellt auch die akute Erwärmung das Gesundheitswesen vor handfeste Herausforderungen. Monika Stöhr betont, dass sich die Psychiatrie auf einen steigenden Behandlungsbedarf durch zunehmende Hitzeperioden einstellen müsse.
Die Folgen extremer Temperaturen sind vielfältig: Sie reichen von gut belegter Zunahme von Aggressivität und schlechterem Schlaf in Tropennächten bis hin zu einer spürbar höheren Frequenz psychiatrischer Notfallvorstellungen an heißen Tagen.
Zudem greifen bestimmte Psychopharmaka wie Lithium direkt in den menschlichen Wärmehaushalt ein, weshalb an extremen Hitzetagen mitunter die Dosierung medizinisch angepasst werden muss.
Ein Briefing des Netzwerks NHS Networks fasste auf Basis von Forschungsarbeiten der Manchester Metropolitan University und der University of York im Rahmen des WARM-Projekts ebenfalls zusammen, wie stark Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen durch Hitze gefährdet sind.
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Auch eine globale Übersichtsarbeit von Liu aus dem Jahr 2021 unterstreicht diese Korrelation: Demnach ist ein Temperaturanstieg um 1 °C mit einem Zuwachs der Mortalität im Bereich psychischer Erkrankungen um 2,2 % assoziiert.
Wissenschaftliche Befunde zu Vulnerabilität und Vorerkrankungen
Die Verwundbarkeit von Personen mit vorbestehenden Erkrankungen wird durch aktuelle Daten gestützt. Eine Erhebung der Universität Zürich unter 886 Erwachsenen aus Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz zeigte deutliche Unterschiede: Bei 244 Teilnehmenden mit klinisch signifikanten Depressionssymptomen und 183 Personen mit Angstsymptomen fielen sowohl die Solastalgie als auch prätraumatischer Stress signifikant höher aus als bei Personen ohne diese Symptome.
Bei akutem Klimastress wiesen Betroffene mit depressionen jedoch einen geringeren Anstieg des negativen Affekts auf. Das tatsächliche pro-ökologische Handeln unterschied sich zwischen den Gruppen hingegen nicht. Der Weltklimarat IPCC hält in seiner sechsten Evaluierung fest, dass die Klimakrise die weltweite Ungleichheit bei psychischer Gesundheit voraussichtlich vergrößern wird, wobei Menschen mit Vorerkrankungen direkteren Gefahren ausgesetzt sind.
