Herz-Kreislauf, Patienten

Herz-Kreislauf: Zwei von fünf Patienten haben Entzündungen

04.07.2026 - 11:32:23 | boerse-global.de

Neue Studien und Leitlinien rücken Entzündungen in den Mittelpunkt der Herz-Kreislauf-Medizin. Forscher identifizieren einfache Bluttests zur Risikobewertung.

Entzündungen als Schlüsselfaktor: Neue Leitlinien verändern Herzmedizin
Herz-Kreislauf - Nahaufnahme von entzündeten Blutgefäßen oder Zellen, die Entzündungen abstrakt darstellen, mit unscharfem medizinischem Hintergrund. 04.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Die Erkenntnisse könnten Diagnose und Behandlung grundlegend verändern.

Rheuma-Patienten besonders gefährdet

Am 19. Juni veröffentlichte die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften eine neue S3-Leitlinie. Sie befasst sich mit kardiovaskulären Risiken bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Federführend war die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie, koordiniert von Jan Leipe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel.

Die Leitlinie zielt darauf ab, die oft unterschätzten Herz-Kreislauf-Gefahren bei Rheumapatienten strukturiert zu erfassen. Empfohlen wird neben der Kontrolle klassischer Risikofaktoren wie Blutdruck und Blutfetten eine optimale Kontrolle der rheumatischen Entzündung. Auch eine kritische Bewertung antirheumatischer Therapien steht auf der Liste. Beteiligt waren Fachgesellschaften für Kardiologie, Angiologie, Innere Medizin und Diabetologie sowie die Deutsche Rheuma-Liga.

Blutbild verrät Überlebensrisiko

Die Universität Münster hat eine neue Methode zur Risikoeinschätzung nach einem Herzinfarkt entwickelt. Die Studie erschien am 3. Juli in der Fachzeitschrift „Nature Cardiovascular Research“. Ein Team um Oliver Söhnlein untersuchte mehr als 200 Patienten mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzschwäche.

Das Ergebnis: Der Nachweis unreifer neutrophiler Granulozyten (IG) im Differentialblutbild ist ein verlässlicher Indikator für das Überlebensrisiko. Bei Patienten mit einem schweren Herzinfarkt (STEMI) erlaubt der IG-Wert eine Vorhersage über das 30-Tage-Sterberisiko. Der Wert erwies sich als unabhängiger Prädiktor, der etablierte Biomarker in seiner Genauigkeit übertraf. Da das Differentialblutbild in fast jedem Krankenhaus routinemäßig erstellt wird, stünde damit ein leicht verfügbares Instrument zur Verfügung.

Jeder zweite Herzpatient hat Entzündungen

Die internationale POSEIDON-Studie belegt die Bedeutung von Entzündungen. An der Untersuchung nahmen 18.904 Patienten aus 18 Ländern teil. Die Daten wurden zwischen 2023 und 2025 erhoben und kürzlich auf einem Fachkongress in Athen diskutiert.

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Zwei von fünf Patienten mit atherosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die zusätzlich unter chronischen Nierenerkrankungen oder Herzschwäche leiden, wiesen eine systemische Entzündung auf. Gemessen wurde dies an einem Wert des hochsensitiven C-reaktiven Proteins (hsCRP) von mindestens 2 mg/L. Experten wie Filip Knop und Carolyn S.P. Lam betonten, dass die Entzündung ein wesentlicher verbleibender Risikofaktor sei – auch bei Erreichen herkömmlicher Therapieziele.

Zahnarztmangel gefährdet das Herz

Eine US-Studie von Velez et al. aus dem Jahr 2026 untersuchte die Auswirkungen der sozialen Lage auf die Herzgesundheit. Anhand von Daten von über 90.000 Teilnehmern ab 55 Jahren stellten die Forscher fest: Eine unzureichende zahnärztliche Versorgung aus finanziellen Gründen erhöht das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Demenz. Schätzungen zufolge könnten zwei bis vier Prozent dieser Erkrankungen vermieden werden, wenn ökonomische Barrieren beim Zugang zur Zahnmedizin wegfielen.

Die Ärzte Zeitung berichtete am 3. Juli zudem über Forschungsergebnisse, wonach die Einnahme von Kalziumpräparaten bei Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen das Risiko für erneute Ereignisse steigern könne.

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Schadstoffe greifen ins Immunsystem ein

Eine Analyse des CeMM-Forschungszentrums aus dem Jahr 2026 liefert einen breiteren Blick auf die Ursachen von Entzündungen. Jörg Menche und Salvo Danilo Lombardo untersuchten rund 10.000 Umwelteinflüsse wie Schadstoffe und Nahrungsbestandteile. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass chemisch sehr unterschiedliche Substanzen auf dieselben biologischen Signalwege wirken. Sie erhöhen das Krankheitsrisiko, wenn sie zentrale Proteine im Interaktionsnetzwerk des Körpers angreifen.

Eine Langzeitstudie (1990–2024) mit fast einer Million Teilnehmern aus sieben Industrieländern zeigt unterschiedliche Entwicklungen. Bei älteren Menschen mit Adipositas konnte das Herzrisiko durch den verstärkten Einsatz von Statinen und Blutdrucksenkern mittlerweile auf das Niveau Normalgewichtiger gesenkt werden. Jüngere Menschen mit starkem Übergewicht bleiben metabolisch weiterhin im Nachteil.

Hoffnung aus der Grundlagenforschung

Das Max Delbrück Center erforscht die Herzregeneration bei Zebrafischen. Dort wurde beobachtet, dass Makrophagen durch spezifische Entzündungssignale Heilungsprozesse steuern können. Das eröffnet Perspektiven für eine gezielte dämpfung schädlicher Entzündungsreaktionen nach einem Herzinfarkt beim Menschen.

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