Hausärzte-Mangel, WHO

Hausärzte-Mangel: WHO warnt vor 11,1 Millionen fehlenden Fachkräften

Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 18:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Die WHO erwartet bis 2030 eine weltweite Personallücke. Deutschland setzt auf Primärversorgung, Telemedizin und neue regionale Modelle.

WHO warnt vor 11,1 Millionen fehlenden Gesundheitsfachkräften
Ein minimalistisch eingerichteter, heller Behandlungsraum in einer medizinischen Einrichtung ohne Personen. Illustration mit AI erstellt.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte in einem Bericht vom 18. September 2026, dass bis 2030 weltweit bis zu 11,1 Millionen Ärzte, Hebammen, Apotheker und Pflegekräfte fehlen könnten.

Derzeit sind laut WHO gut 70 Millionen Gesundheitsbeschäftigte weltweit aktiv. Die Dichte des Personals stieg zwar in den vergangenen 20 Jahren von 44,8 auf 67,9 Beschäftigte pro 10.000 Menschen – doch die Verteilung bleibt extrem ungleich und die Belegschaft altert.

Globale Schieflage und Alterung der Ärzteschaft

Ein Viertel der Ärzteschaft weltweit ist laut WHO über 55 Jahre alt, in Hocheinkommensländern sogar jeder Dritte. Die regionalen Unterschiede sind laut einem Bericht vom 18. September 2026 gravierend: In Teilen Afrikas kommt ein Arzt auf 26.000 Menschen, in Hocheinkommensländern liegt das Verhältnis bei 1 zu 150. Eine WHO-Sprecherin mahnte, dass die Rekrutierung von Fachkräften aus ärmeren Ländern die dortigen Gesundheitssysteme nicht weiter untergraben dürfe.

Deutsche Hausärzteschaft fordert verbindliches Primärversorgungssystem

Auch in Deutschland spitzt sich die Lage zu. Beim 47. Hausärztinnen- und Hausärztetag verabschiedete der Hausärztinnen- und Hausärzteverband einstimmig einen Leitantrag für ein verbindliches, flächendeckendes hausärztliches Primärversorgungssystem. Eine Umfrage des Verbands ergab, dass knapp 80 Prozent der Praxen die Attraktivität des Berufs in den vergangenen fünf Jahren als gesunken einschätzen.

Der Verband lehnt dabei Kassen-Apps und einen 24/7-Zugang ab und legte stattdessen ein Forderungspapier mit sechs Themenfeldern vor: Qualität, Zugang, Teamversorgung, digitale Infrastruktur, Verbindlichkeit sowie die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV). Diese hat nach Verbandsangaben bereits über 11 Millionen Teilnehmende in Zehntausenden Praxen und soll erhalten und ausgebaut werden.

Kritisch äußerte sich unterdessen die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): Sie warnte vor einer Aufweichung der Kompetenzgrenzen und betonte, Diagnostik gehöre nicht in Apotheken oder Drogerien. Rund 100.000 Praxen seien die erste Anlaufstelle für Patienten.

Ab Anfang Oktober startet die KBV zudem die Kampagne „Impfen beim Profi“. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit forderte in Berlin mehr Instrumente wie gemeinsame Indikationskonferenzen, Audits und Area Indicators sowie mehr Tempo bei der Digitalisierung, um den Wechsel zwischen Praxis und Klinik zu erleichtern.

Der dbb forderte zum Welttag der Patientensicherheit unter anderem eine wohnortnahe Versorgung bei Klinikschließungen sowie eine geringere Abhängigkeit von Indien und China bei Medikamenten, äußerte aber Skepsis gegenüber einer digitalen Ersteinschätzung im geplanten Primärversorgungssystem – etwa mit Blick auf ältere Patienten und den Datenschutz.

Telemedizin als Stabilisator ohne systematische Verankerung

Auf dem Zi-Congress vom 15. September 2026 hieß es, Telemedizin könne die Versorgung stabilisieren, sei aber noch nicht systematisch in der Regelversorgung verankert. Vertragsärztliche Praxen tragen demnach über 80 Prozent der Gesundheitsversorgung, vier von fünf Patientenkontakten finden ambulant statt.

Eine ZiPP-Befragung unter knapp 4.000 Praxen zwischen Ende April und Ende Juli 2026 ergab, dass 82 Prozent keinen Notfallplan für einen Stromausfall und 80 Prozent keinen Plan für einen Ausfall der Telekommunikation haben.

Immerhin könnten 65 Prozent der ärztlichen und 75 Prozent der psychotherapeutischen Praxen kurzfristigen Behandlungsbedarf schnell einschätzen. Von den unterstützungsbereiten Ärzten wären 76 Prozent bereit, an einem anderen, täglich erreichbaren Ort tätig zu werden, 21 Prozent auch in größerer Entfernung.

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Ein Viertel der Ärzteschaft ist weltweit über 55 Jahre alt, in Hocheinkommensländern sogar jeder Dritte — und die WHO rechnet bis 2030 mit bis zu 11,1 Millionen fehlenden Gesundheitsfachkräften. Wer als Klinik oder MVZ die eigene Versorgungslücke schließen will, braucht belastbare Hebel statt Absichtserklärungen. Unser kostenloser Report zeigt, wie Telemedizin in der Regelversorgung verankert wird und welche Ausfallpläne Praxen jetzt aufsetzen sollten. Jetzt kostenlosen Strategie-Report anfordern

Regionale Modelle: Telemedizinnetze und sektorenübergreifende Einrichtungen

Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein unterzeichneten eine Absichtserklärung für das länderübergreifende Telemedizinnetz TENNO, das zunächst Krankenhäuser vernetzen soll, perspektivisch aber auch die ambulante Versorgung und den Rettungsdienst einbeziehen könnte.

Erste Anwendungen sind in der Kinder- und Jugendmedizin sowie in der Not- und Unfallversorgung geplant, finanziert aus dem Krankenhaustransformationsfonds mit einem Volumen von 50 Milliarden Euro. Ein Antrag beim Bundesamt für Soziale Sicherung ist im Herbst geplant.

Im Saarland plant das Gesundheitsministerium gemeinsam mit der Knappschaft Kliniken Saar GmbH eine sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung in Wadern, die stationäre Innere Medizin und Geriatrie mit ambulantem Operieren, Telemedizin, Übergangs- und Kurzzeitpflege sowie einem POCT-Labor kombinieren soll.

Grundstück, Bauleitplanung und die Finanzierung mit den Krankenkassen sind laut einem Letter of Intent noch offen, ein Eröffnungstermin steht nicht fest. Hintergrund ist der Druck auf das Nordsaarland, wo stationäre Angebote reduziert wurden und ambulante Lücken durch unbesetzte Hausarztsitze entstehen.

In Wittstock/Dosse im Landkreis Ostprignitz-Ruppin schließt das Krankenhaus Ende 2026. Bis 2030 soll dort eine Poliklinik in einer alten Tuchfabrik entstehen, ein Übergangs-MVZ soll in die ehemalige Flüchtlingsunterkunft in der Ackerstraße ziehen.

Landrat Reinhardt (SPD) plant dies bis Jahresende oder Frühjahr 2027. Die Initiative „Wittstock zeigt Gesicht“ forderte in einem offenen Brief an die Kassenärztliche Vereinigung und das Gesundheitsministerium die Freigabe von drei Arztsitzen.

Brandenburg: Neue Universität und Kritik an der Landarztquote

Ab Oktober startet die Medizinische Universität Lausitz (MUL) in Cottbus mit 36 Studierenden. Der Landtag beschließt zudem eine Landarztquote, die voraussichtlich 10 Prozent der Erstsemesterplätze für angehende Landärzte mit einer Verpflichtung zum Verbleib in Brandenburg reserviert.

Rund ein Drittel der etwa 1.700 Hausärzte im Land ist 60 Jahre oder älter, über 300 Versorgungsaufträge sind laut Kassenärztlicher Vereinigung Brandenburg (KVBB) unbesetzt. Die KVBB richtet deshalb in Cottbus eine eigene, befristet bis Ende 2028 laufende Hausarztpraxis ein.

Die BSW-Fraktion Brandenburg kritisierte die Landarztquote als zu spät wirksam – erste fertig ausgebildete Fachärzte stünden demnach erst fast 2040 zur Verfügung. Sie verwies darauf, dass Brandenburg mit 1.436 Einwohnern pro Hausarzt bundesweit den letzten Platz belegt, 21 von 46 Planungsbereichen unterversorgt oder von Unterversorgung bedroht seien und rund 570 Hausärzte im Land bereits 60 Jahre oder älter sind.

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Zusätzlich erschwert wird die Erreichbarkeit von Kliniken durch die ab dem 2. Oktober 2026 geplante Sanierung der Bahnstrecke Berlin–Lehrte durch die Deutsche Bahn: Bis Dezember 2027 werden Fernzüge zwischen Berlin und Hannover über Braunschweig und Magdeburg umgeleitet.

Da 88 Prozent der Chef-, Ober- und Fachärzte der Kardiologie aus Berlin oder Wolfsburg pendeln, steigt die Fahrtzeit aus Spandau von 30 Minuten auf bis zu zwei Stunden; auch im Nahverkehr verlängert sich die Fahrzeit um rund 60 Minuten, ergänzt durch die Expressbusse X1 und X4.

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