Hanfwurzeln: Neue Studie belegt entzündungshemmende Wirkstoffe
Veröffentlicht am: 01.08.2026 um 06:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Cannabis-Forschung konzentriert sich bislang fast ausschließlich auf Blüten und Blätter. Jetzt rücken die Wurzeln der Pflanze in den Fokus – mit überraschendem Potenzial für die Medizin.
Bioaktive Verbindungen jenseits der Cannabinoide
Ein im Juli 2026 im Journal of Cannabis Research veröffentlichter Review brasilianischer Forscher der Universität Santa Cruz do Sul (UNISC) und der Bundesuniversität Rio Grande (FURG) unterstreicht das pharmakologische Potenzial von Hanfwurzeln. Die Wurzeln enthalten eine Vielzahl bioaktiver Verbindungen, die sich deutlich vom Profil der oberirdischen Pflanzenteile unterscheiden.
Zu den identifizierten Substanzen gehören unter anderem Phytosterole wie Campesterol und Stigmasterol, verschiedene Alkaloide, Terpene sowie phenolische Verbindungen wie p-Cumaroiltyramin. Präklinische Studien belegen eine signifikante antioxidative, entzündungshemmende und antimikrobielle Aktivität dieser Inhaltsstoffe. In Tierversuchen konnte zudem eine schmerzlindernde Wirkung nachgewiesen werden. Klinische Studien, die die Übertragbarkeit auf den Menschen bestätigen, fehlen jedoch bislang.
Differenzierte Ergebnisse bei kombinierten Wirkstoffformeln
Ergänzend zu den Untersuchungen der reinen Wurzelkomponenten liefern Studien zu komplexen Cannabis-Präparaten weitere Einblicke in die Entzündungshemmung. Eine am 29. Juli 2026 im International Journal of Molecular Sciences publizierte Untersuchung der Universität KwaZulu-Natal analysierte eine afrikanische Rezeptur namens „Product Shezi“. Diese besteht zu 50 Prozent aus Cannabis sativa in Kombination mit einer Reihe von Heilpflanzen.
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Die Laborergebnisse zeigten eine starke antioxidative Wirkung, wobei das Präparat rund 70 Prozent der freien Radikale binden konnte. In Bezug auf die Entzündungsmodulation hemmte die Rezeptur das Prostaglandin E2 (PGE2) bereits in einer Konzentration von 10 µg/ml – vergleichbar mit einer deutlich höheren Dosis des konventionellen Entzündungshemmers Diclofenac (50 µg/ml). Allerdings wiesen die Forscher darauf hin, dass die antibakterielle Wirkung ausblieb und das Mittel in den Tests sogar das Wachstum von Biofilmen förderte. Das könnte die Anwendung bei offenen Wunden einschränken.
Neue Mechanismen der Immunzell-Steuerung
Parallel zur Erforschung spezifischer Pflanzenteile wurden Ende Juli 2026 grundlegende Erkenntnisse zur Funktionsweise von Cannabinoid-Rezeptoren bei Entzündungsprozessen bekannt. Forscher der University of Bath und der UMass Chan Medical School identifizierten einen Rezeptorkomplex aus TRPV2 und CB2R auf neutrophilen Granulozyten.
Dieser Komplex fungiert laut der in Science Advances veröffentlichten Studie als Navigationssystem für Immunzellen. Er ermöglicht es den Zellen, chemische Signale wie Hepoxilin A3 zu erkennen und gezielt zu Infektionsherden zu wandern. Diese Entdeckung könnte langfristig neue Angriffspunkte für die Entwicklung gezielter entzündungshemmender Medikamente bieten, die über die klassische Rezeptorbindung hinausgehen.
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Forschungsausblick und methodische Limitationen
Obwohl die aktuelle Forschungslage ein breites Spektrum an therapeutischen Möglichkeiten für Hanfwurzel-Extrakte aufzeigt, mahnen Experten zur Vorsicht bei der Interpretation der Daten. Die bisherigen Erkenntnisse stützen sich weitgehend auf In-vitro-Modelle und Tierversuche. So zeigte etwa eine israelische Studie aus dem Jahr 2026, dass bestimmte Cannabis-Fraktionen mit CBDA und CBGA Enzyme hemmen können, die mit neurodegenerativen Entzündungen bei Alzheimer assoziiert sind – auch hier handelt es sich jedoch um reine Labordaten ohne klinische Relevanz.
Fallberichte verdeutlichen zudem, dass die Integration von Cannabis-Produkten in die klinische Praxis bei chronischen Schmerzpatienten zwar zu Funktionsverbesserungen führen kann. Eine im Mai 2026 im Journal of Occupational & Environmental Medicine veröffentlichte Evaluation aus Colorado zeigt jedoch, dass die Evidenzbasis noch durch groß angelegte, kontrollierte Studien verbreitert werden muss. Die Entdeckung seltener Flavonoid-Alkaloide in Cannabis-Blättern durch Forscher der Universität Stellenbosch im Jahr 2026 verdeutlicht zudem: Die chemische Komplexität der Pflanze ist noch nicht vollständig erfasst – eine Herausforderung für künftige Isolations- und Standardisierungsverfahren.
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