Griffkraft: Unter 57 Pfund bei Männern gilt als niedriger Messwert
Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 05:24 Uhr | Redaktion boerse-global.deEin internationales Team aus Kinesiologen und Ernährungsexperten dringt darauf, die Bewertung der Skelettmuskulatur grundlegend zu verändern. Mediziner sollten künftig die Qualität der Skelettmuskulatur sowie das Verhältnis von Muskelmasse zu Körperfett als zentrale Gesundheitsindikatoren erfassen.
Beide Werte seien maßgeblich für die Regulierung des Stoffwechsels, die Funktionsfähigkeit des Immunsystems und die allgemeine Vitalität verantwortlich.
Muskelqualität als entscheidender Vitalwert
Bislang wird die Muskulatur im klinischen Alltag selten systematisch analysiert. Dr. Nicolaas Deutz von der Texas A&M University, einer der Mitautoren des Vorstoßes, vergleicht den Stellenwert der Muskelgesundheit mit Routineverfahren wie der Blutdruckmessung. Er betont, dass der Zusammenhang zwischen der reinen Muskelgröße und der tatsächlichen Muskelgesundheit mit zunehmendem Alter abnimmt.
Dass Muskelmasse allein als Maßstab unzureichend ist, unterstreicht auch Dr. Fatima Cody Stanford von Mass General Brigham. Sie verweist darauf, dass Frauen typischerweise über eine geringere Muskelmasse als Männer verfügen, jedoch eine vergleichbare Muskelgesundheit aufweisen.
Für ein vollständiges Bild müssten Kraft, Gleichgewicht, körperliche Funktion, das individuelle Aktivitätsniveau und das direkt im Muskel eingelagerte Fett gemeinsam betrachtet werden.
Funktionelle Tests für den medizinischen Alltag
Zur Beurteilung stehen verschiedene praxisnahe Methoden zur Verfügung. Eine Analyse von über 20.000 älteren Erwachsenen definiert eine niedrige Griffkraft als einen Wert von unter 57 Pfund bei Männern und unter 35 Pfund bei Frauen, wobei dieser Schwellenwert vom Alter und dem Body-Mass-Index abhängt.
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Stephen J. Carter von der Indiana University empfiehlt ergänzend Tests wie den 6-Minuten-Gehtest, den Timed-Up-and-Go-Test, den 30-Sekunden-Stuhlstand sowie den 5x-Sit-to-Stand-Test. Zur Stärkung rät Carter zu einem gezielten Widerstandstraining an zwei bis drei Tagen pro Woche.
Die Bedeutung des Muskels reicht weit über die reine Bewegung hinaus. Die Ärztin Isabel Viña vom IVB Wellness LAB ordnet den Muskel als endokrines Organ und zentrales Reservoir für antiinflammatorische sowie antioxidative Stoffe ein. Über Signalstoffe schütze er die Knochen vor Osteoporose und produziere BDNF, was für neuronale Verbindungen und die Gedächtnisleistung essenziell sei.
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Herausforderungen im Kontext von GLP-1-Therapien
Besondere Brisanz gewinnt die Muskelüberwachung durch die zunehmende Verbreitung moderner GLP-1-Medikamente. Präparate wie Ozempic und Zepbound sind nicht nur mit einem Verlust von Fettgewebe, sondern auch mit einem Rückgang magerer Masse einschließlich der Skelettmuskulatur verbunden. Die US-Ernährungsrichtlinien raten hier zu einer Proteinzufuhr von 1,2 bis 1,6 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht.
Viña weist darauf hin, dass bei Medikamenten wie Ozempic, Wegovy oder Mounjaro theoretisch drei Viertel des Gewichtsverlusts auf Fett und ein Viertel auf Muskulatur entfallen sollten. Aktuelle Studien und bildgebende Verfahren zeigen jedoch einen medianen Muskelverlust von rund 29 Prozent, was über den physiologisch erwartbaren Rahmen hinausgeht. Viña rät daher vor Therapiebeginn zu einer Densitometrie oder Bioimpedanzmessung.
Zudem stagniere die Gewichtsabnahme meist nach rund 68 Wochen, während eine Erhöhung der Dosis vor allem Nebenwirkungen verstärke. Ohne öffentliche Finanzierung erreichen die monatlichen Therapiekosten bis zu 500 Euro. Nach dem Absetzen sei laut Studienlage mit einer Zunahme von einem Kilogramm pro Monat zu rechnen, sodass das verlorene Gewicht nach 15 Monaten wieder erreicht werde.
Viña empfiehlt begleitend Krafttraining, den Verzehr von Proteinen zu Beginn jeder Mahlzeit sowie eine Supplementierung von Multivitaminen, um Mangelerscheinungen bei Zink, Eisen, Vitamin D, Vitamin C und Cholin vorzubeugen.
