Griffkraft, Demenz

Griffkraft und Demenz: Schwächste Gruppe mit 2,8-fach höherem Risiko

Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 13:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien verknüpfen nachlassende Muskelkraft mit späterer Demenz, belegen jedoch nicht, dass Krafttraining deren Ausbruch verhindert.
Ein steriler, minimalistischer Laborraum mit wissenschaftlichen Instrumenten zur Untersuchung von Muskelgewebe. Illustration mit AI erstellt.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bei Alzheimer-Patienten ein Verlust an Muskelkraft oft Jahre vor dem Auftreten kognitiver Symptome einsetzt. Diese Beobachtungen bieten neue Ansätze für die neurologische Früherkennung und rücken den peripheren Bewegungsapparat zunehmend in den Fokus der Demenzforschung.

Mehrere aktuelle Studien beleuchten die Mechanismen hinter diesem Phänomen und analysieren die Verbindungen zwischen neuromuskulärer Leistungsfähigkeit und neurodegenerativen Prozessen.

Frühe Muskel- und Kraftdefizite im Tiermodell

Neue Erkenntnisse zu den biologischen Abläufen liefert eine im Fachjournal GeroScience publizierte Untersuchung der Indiana University School of Medicine aus dem Jahr 2026. Anhand des sogenannten 3xTg-AD-Mausmodells stellten die Forschenden fest, dass sich Skelettmuskelmasse, -morphologie und -funktion frühzeitig und auf geschlechtsspezifische Weise verschlechtern.

Bei männlichen Tieren sank die fettfreie Masse (Lean Mass) bereits im Alter von 3 Monaten um 16,6 %. Das Körpergewicht verringerte sich bei den Männchen um 12,8 % nach 3 Monaten und um 16,0 % nach 6 Monaten.

Gleichzeitig ging das rohe Drehmoment (Rohtorque) kontinuierlich zurück: um 16,9 % nach 3 Monaten, um 17,2 % nach 6 Monaten und um 20,0 % nach 12 Monaten. Zudem wiesen die Männchen zu allen drei Untersuchungszeitpunkten eine erhöhte Zahl NCAM-positiver Muskelfasern auf.

Bei weiblichen Modellen verlief die Entwicklung anders: Sie verzeichneten nach 6 Monaten ein um 24,1 % und nach 12 Monaten ein um 28,3 % höheres Körpergewicht, was primär auf einen Anstieg der Fettmasse um 92,9 % (6 Monate) beziehungsweise 145,0 % (12 Monate) zurückging.

Ihre fettfreie Masse lag nach 6 Monaten um 11,3 % über den Kontrollwerten. Dennoch sank das auf das Körpergewicht normierte Drehmoment um 12,3 % nach 3 Monaten, um 22,6 % nach 6 Monaten und um 21,7 % nach 12 Monaten. Eine Erhöhung NCAM-positiver Fasern trat bei den Weibchen erst im Alter von 12 Monaten auf.

Neuromuskuläre Schnittstellen ohne Hirnbeteiligung betroffen

Einen weiteren Erklärungsansatz liefert eine 2026 im Fachjournal Alzheimer's and Dementia veröffentlichte Studie der University of Central Florida, geleitet von James Hickman und Xiufang Guo. Das Team nutzte ein humanes neuromuskuläres Übergangsmodell auf einem Chip (Junction-Chip), das Motoneuronen aus Stammzellen familiärer Alzheimer-Patienten mit gesunden Muskelzellen kombiniert.

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Die Versuche belegen, dass funktionelle Defizite an diesen Synapsen gänzlich ohne Beteiligung des Zentralnervensystems entstehen können. Bei Zellen mit der PSEN1-A246E-Mutation traten schwere neuromuskuläre Defizite zutage, während bei der Mutation APP-K595N/M596L moderate Beeinträchtigungen gemessen wurden.

Gängige Alzheimer-Medikamente wie Memantin und Galantamin führten in diesen Labortests zu keiner messbaren Verbesserung der neuromuskulären Parameter.

Bereits vorangehende klinische Arbeiten stützen die Relevanz des peripheren Nervensystems. Eine zwölfjährige Längsschnittstudie der UK Biobank hatte gezeigt, dass eine langsamere Ganggeschwindigkeit und eine schwächere Griffkraft mit einer späteren Demenzdiagnose assoiiert sind.

Ergänzend wiesen Forschende der Universität Tokio bei frühen Alzheimer-Patienten eine verringerte Nervenleitgeschwindigkeit nach, noch bevor kognitive Symptome sichtbar wurden.

Statistische Zusammenhänge in epidemiologischen Daten

Die Verknüpfung zwischen nachlassender Kraft und Demenzrisiko spiegelt sich auch in großen Bevölkerungsstudien wider. Eine 2025 von Jin et al. im Journal of Psychiatric Research veröffentlichte Untersuchung analysierte Daten der English Longitudinal Study of Ageing von rund 6.000 Erwachsenen ab 50 Jahren über einen durchschnittlichen Nachbeobachtungszeitraum von 9 Jahren.

Dabei wiesen Personen aus der Gruppe mit der geringsten Griffkraft ein etwa 2,8-fach höheres Risiko für eine spätere Demenzdiagnose auf als jene in der stärksten Gruppe. Ein vergleichbarer Zusammenhang zeigte sich bei Tests zur Zeitdauer für das fünfmalige Aufstehen von einem Stuhl.

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Die Autorinnen und Autoren betonen jedoch, dass es sich hierbei um statistische Korrelationen und nicht um Kausalitäten handelt. Es liegt bislang kein wissenschaftlicher Beleg dafür vor, dass ein gezieltes Training der Griffkraft den Ausbruch einer Demenz verhindern kann. Dennoch bieten motorische Messgrößen wertvolle Indikatoren, um Risikoprofile früher zu erkennen.

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