Gehirntraining, Studie

Gehirntraining: Studie mit 11.430 Teilnehmern findet keinen breiten Nutzen

Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 06:14 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien finden kaum breite Effekte isolierter Denkübungen; Bewegung, neue Aktivitäten und Bildung tragen zur kognitiven Reserve bei.
Leere Holzregale in einer minimalistischen Bibliothek mit natürlichem Lichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

In Fachkreisen wird die Wirksamkeit von klassischem Gehirntraining zur Vorbeugung von Demenzerkrankungen zunehmend kritisch hinterfragt. Zwar erfreuen sich digitale Gedächs-tnisübungen und spezielle Denksportprogramme seit Jahren großer Beliebtheit, doch Experten weisen darauf hin, dass diese Methoden zur Demenzprävention weniger effektiv sein könnten als lange angenommen.

Stattdessen rücken alternative Maßnahmen und ganzheitliche Ansätze für die langfristige Gehirngesundheit in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Diskussion.

Fehlender Transfereffekt bei kommerziellen Übungen

Das Konzept des gezielten kognitiven Trainings wurde unter anderem im Jahr 2005 durch das Nintendo-Spiel Brain Age populär, welches das sogenannte Gehirnalter als Spielmetrik etablierte. Seither werben zahlreiche kommerzielle Anbieter damit, durch regelmäßige digitale Aufgaben die allgemeine Intelligenz zu steigern oder das Demenzrisiko zu senken.

Die US-Handelsaufsicht FTC rügte in diesem Zusammenhang den Anbieter Lumosity, der Schutz vor Demenz und Alzheimer ohne hinreichende wissenschaftliche Basis beworben hatte. Lumosity beanspruchte 70 Millionen Nutzer für sich, während der Guardian die reale Zahl auf rund 1 Million schätzte.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen regelmäßig die Grenzen solcher Methoden auf. Eine groß angelegte Studie von Owen und Kollegen, die 2010 in der Fachzeitschrift Nature erschien, untersuchte 11.430 Teilnehmer über sechs Wochen Online-Training.

Das Ergebnis zeigte keinerlei Transfereffekte auf untrainierte Aufgaben, das Gedächtnis oder die allgemeine Intelligenz. Eine umfassende Übersichtsarbeit von Simons und Kollegen im Journal Psychological Science in the Public Interest bestätigte 2016 diesen Befund.

In der Forschung wird zwischen nahem und weitem Transfer unterschieden: Während ein naher Transfer, also die Verbesserung bei sehr ähnlichen Aufgabenstellungen, häufig beobachtet wird, bringt dieser keinen breiten Nutzen für den Alltag.

Ein weiter Transfer auf unähnliche Bereiche wie Lesen oder Mathematik ist wissenschaftlich nicht belegt. Ohne den Nachweis eines solchen weiten Transfers bleibt die allgemeine kognitive Wirksamkeit von isoliertem Gehirntraining umstritten, da sich meist lediglich aufgabenspezifische Lerneffekte einstellen.

Dennoch gibt es Hinweise auf spezifische Effekte strukturierter Übungen: So berichteten Uchida und Kawashima 2008 bei 124 Personen im Alter von 70 bis 86 Jahren nach sechs Monaten Vorlesen und Rechnen von kleinen Effekten auf Frontal- und Verarbeitungsfunktionen. Eine Untersuchung von Takeuchi und Kollegen aus dem Jahr 2010 stellte zudem eine erhöhte Konnektivität nach dem Training des Arbeitsgedächtnisses fest.

Biologische Wendepunkte des Gehirns

Für die Einordnung von Präventionsansätzen spielen die biologischen Grundlagen der Gehirnalterung eine zentrale Rolle. Eine Untersuchung unter Leitung von Cambridge-Professor Duncan Astle, die auf rund 4.000 MRT-Datensätzen basiert, identifizierte konkrete Wendepunkte des Gehirnalterns bei 66 und 83 Jahren.

Während die Gehirnfunktion ihren Höchststand mit etwa 32 Jahren erreicht, setzt ab einem Alter von 66 Jahren eine beschleunigte Alterung ein, die durch den Abbau von Myelinscheiden gekennzeichnet ist. In Berichten zu diesen Prozessen wird isoliertes Gehirntraining zur Demenzprävention mitunter sogar als eher kontraproduktiv bewertet, weshalb Fachleute andere Schritte anraten.

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Bedeutung von Lebensstil und kognitiver Reserve

Als tragfähigere Alternativen zu standardisierten Gehirntrainingsprogrammen gelten vielseitige geistige und körperliche Gewohnheiten. Die Neurologin Ekaterina Demjanowskaja vom Labor Gemotest verweist darauf, dass regelmäßige neue Aktivitäten den kognitiven Abbau verlangsamen können, wobei das Ausmaß des Nutzens von Bildungsstand, körperlicher Betätigung und sozialen Kontakten abhänge.

Auch russische klinische Leitlinien empfehlen intellektuelle Aktivität zur Prävention kognitiver Störungen im Alter, ohne jedoch eine feste Frequenz festzuschreiben.

Als wesentliche Kriterien gelten Konstanz, Neuheit, persönliche Motivation und eine schrittweise Steigerung. Alle sechs Monate neue Fähigkeiten zu erlernen sei eine sinnvolle Gewohnheit, halte die biologische Gehirnalterung nach derzeitigem Forschungsstand jedoch nicht vollständig auf.

Dass ein aktiver Lebensstil das Gehirn stärkt, aber keinen absoluten Schutz bietet, hebt auch Dr. Enrique Noé vom Instituto de Neurociencias Vithas (Irenea) hervor.

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Demnach können Lesen und Bewegung die Gehirngesundheit zwar fördern, sie machen das Organ jedoch nicht immun gegen strukturelle Schäden. Dies deckt sich mit einer 2026 im International Journal of Stroke veröffentlichten Metaanalyse: Eine höhere kognitive Reserve, erworben durch Bildung und Berufsverlauf, ist demnach mit besseren Verläufen nach einem Schlaganfall assoziiert, wenn auch bei hoher individueller Variabilität.

Einen greifbaren Nutzen von Bewegung verdeutlichte zudem eine Untersuchung in der Fachzeitschrift PNAS. Dort führte aerobes Gehen bei älteren Erwachsenen ohne Demenz zu einer Vergrößerung des anterioren Hippocampus-Volumens um rund 2 Prozent, wenngleich auch dies keinen Beleg dafür liefert, dass Gehen bestehende Hirnschäden reparieren kann.

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