Gehirn, Studien

Gehirn im Alter: Drei Studien zeigen Anpassungsfähigkeit bis ins hohe Alter

Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 10:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschung beschreibt Veränderungen an Myelin und Schutzreaktionen; ein Training mit Hirnstimulation verbesserte in einer kleinen Studie kognitive Messwerte.
Abstrakte Darstellung neuronaler Netzwerke und zellulärer Strukturen in einem biologischen Umfeld. Illustration mit AI erstellt.

Untersuchungen zu strukturellen Veränderungen des Gehirns im Alter zeigen, dass das menschliche Zentralnervensystem auch in späten Lebensphasen über Kapazitäten zur Weiterentwicklung und strukturellen Anpassung verfügt.

Obwohl das Gehirn im Laufe des Lebens tiefgreifenden biologischen Umbauprozessen unterliegt, deuten wissenschaftliche Analysen darauf hin, dass Alterungsprozesse keineswegs rein degenerativ verlaufen, sondern von komplexen zellulären Anpassungs- und Kompensationsmechanismen begleitet werden.

Myelinisierung und die Steuerung über den NRF2-Signalweg

Eine im Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Nature Medicine erschienene Untersuchung der University of Edinburgh und des UK Dementia Research Institute analysierte Daten der „Lothian Birth Cohort 1936“. Von 1.091 Teilnehmenden absolvierten 866 nach dem 70. Lebensjahr zusätzliche Tests.

Bei kognitiven Untersuchungen im Alter zwischen 70 und 82 Jahren wiesen 865 Personen einen geistigen Abbau auf. Gewebeanalysen verstorbener Probanden mit besonders schnellem Abbau zeigten auffällige Veränderungen: Bei ihnen fanden sich vermehrt Oligodendrozyten sowie dickeres und desorganisiertes Myelin um große Nervenfasern. Zugleich wiesen diese Personen kleinere Nervenfasern auf.

Eine RNA-Analyse von über 45.000 Zellkernen ergab eine verringerte Aktivität sowie geringere Mengen des NRF2-Proteins in den Oligodendrozyten. In begleitenden Mausversuchen führte eine gezielte Deaktivierung von NRF2 in diesen Zellen zu vergleichbaren Effekten wie einer Myelinverdickung, Axondegeneration, dem Verlust großer Nervenfasern und schlechteren Lernleistungen.

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Nach Angaben der Forschenden belegen die humanen Befunde bislang lediglich einen Zusammenhang und keinen Kausalitätsnachweis. Der NRF2-Signalweg könnte jedoch als Ansatzpunkt für therapeutische Forschungen dienen.

Zwar sind NRF2-aktivierende Medikamente wie Dimethylfumarat bereits für die Behandlung von Multipler Sklerose zugelassen, sie wurden jedoch bisher nicht an älteren Erwachsenen im Kontext von Alterungsprozessen getestet. Dosierung und zeitliche Anwendung bleiben ungeklärt.

Kompensatorische Mechanismen im alternden Gehirn

Parallel zu strukturellen Rückgängen, die ab dem fünften Lebensjahrzehnt volumetrische Reduktionen im präfrontalen Kortex und im Hippocampus sowie Verschiebungen bei Neurotransmittern wie Dopamin, Acetylcholin und Serotonin umfassen, beobachtet die Forschung funktionelle Ausgleichsreaktionen. Modelle wie das S-CAN-Modell beschreiben hierbei die kompensatorische Rekrutierung bilateraler Hirnareale zur Bewältigung kognitiver Aufgaben.

Auf zellulärer Ebene lieferte eine am 15. Oktober 2026 in Nature Neuroscience veröffentlichte Studie von Mass General Brigham, dem Harvard Stem Cell Institute und dem Broad Institute Hinweise auf biochemische Schutzreaktionen. Demnach steigt das Enzym PLA2G2F im Hippocampus mit zunehmendem Alter und Entzündungsprozessen kompensatorisch an.

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Im Tiermodell führte eine verringerte Produktion von PLA2G2F im Gyrus dentatus zu einer Verschlechterung von Gedächtnis und Nervenverbindungen, während eine Steigerung ab dem mittleren Alter das räumliche Gedächtnis besser erhielt.

Der Mechanismus läuft über Mikroglia und Lipidtröpfchen ab. Bei kognitiv resilienten Menschen wurde ebenfalls eine höhere PLA2G2F-Aktivität festgestellt, wobei auch hier kein Kausalnachweis vorliegt und keine therapeutische Anwendung belegt ist.

Ansätze zur Unterstützung der Plastizität

Dass sich neuronale Netzwerke im Alter gezielt stimulieren lassen, verdeutlichte zudem eine im Oktober 2026 im Fachjournal Frontiers in Molecular Neuroscience veröffentlichte Pilotstudie der Università Cattolica del Sacro Cuore in Mailand.

Bei 33 gesunden älteren Erwachsenen wurde ein achtwöchiges kognitives Training mit einer transkraniellen Gleichstromstimulation (tDCS) über dem rechten präfrontalen Kortex kombiniert. In der aktiven Stimulationsgruppe stiegen die Werte bei den Raven's Progressive Matrices von 32,8 auf 36,2 Punkte (Cohen's d=0,67).

Die assoziative Wortflüssigkeit verbesserte sich mit einem Wort von d=0,95, und die N2-Amplitude veränderte sich von ?5,00 auf ?9,12 µV (d=1,19). In den Kontrollgruppen traten vergleichbare Effekte nicht auf. Die Studienautoren wiesen jedoch darauf hin, dass die Stichprobengröße gering war und noch keine Erkenntnisse über die langfristige Beständigkeit dieser Effekte vorliegen.

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