Fluchen beim Krafttraining: Schimpfwörter verlängern Halteübungen
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 16:24 Uhr | Redaktion boerse-global.deKraftausdrücke gelten im Alltag meist als unangebracht, doch in der Psychologie rücken ihre funktionalen Effekte zunehmend in den Fokus. Eine im Fachjournal American Psychologist veröffentlichte Forschungsarbeit der Keele University und der University of Alabama zeigt, dass das Aussprechen von Schimpfwörtern die physische Ausdauer direkt steigern kann.
Bei anstrengenden Halteübungen wie dem Stuhl-Liegestütz über einen Zeitraum von maximal 60 Sekunden verharrten Probanden länger in der geforderten Position, wenn sie kontinuierlich ein Schimpfwort statt eines neutralen Begriffs wiederholten.
Psychologische Enthemmung als Erklärungsansatz
Die Untersuchung gliederte sich in zwei aufeinander aufbauende Versuchsreihen. Experiment 1 umfasste 88 Teilnehmende im Alter von 18 bis 65 Jahren, während Experiment 2 mit 94 Personen durchgeführt wurde. Dabei stellten die Forschenden fest, dass höhere Leistungswerte vor allem im Zusammenspiel mit positiven Emotionen, Humor, Ablenkung und dem Reiz des Neuartigen auftraten.
Den zugrunde liegenden Mechanismus führen die Wissenschaftler primär auf eine psychologische Enthemmung zurück. Bislang reichen die experimentellen Belege für einen spezifischen physiologischen Hemmungsmechanismus jedoch noch nicht aus, weshalb das Forschungsteam weiteren Klärungsbedarf sieht.
Der Psychologe Richard Stephens beschreibt das Fluchen dennoch als eine kalorienneutrale, drogenfreie und kostengünstige Option, um kurzfristig zusätzliche Kraftreserven freizusetzen.
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Einfluss von Vokabular im therapeutischen Kontext
Die Wirkung verbaler Entgleisungen beschränkt sich nicht nur auf das Krafttraining, sondern wird auch in der Rehabilitation beobachtet. In einer Erhebung berichteten 31 Patienten, was einem Anteil von 54,39 % entsprach, dass ihre behandelnden Therapeuten geflucht hätten.
Von diesen Personen gaben 61,29 % an, dass dies mehr als einmal pro Sitzung vorkam. Die Reaktionen fielen überwiegend positiv aus: 80,65 % der Betroffenen empfanden den Kraftausdruck nicht als unprofessionell, und 96,77 % fühlten sich dadurch nicht beleidigt.
Zudem gaben 61,13 % der 31 Patienten an, dass ihre Motivation durch diese Kommunikation stieg. 58,06 % berichteten von einem höheren Selbstvertrauen, 51,61 % von einer besseren Therapietreue und 64,52 % von einer insgesamt besseren Erfahrung während der Rehabilitation.
Als einziger statistisch signifikanter Effekt der Untersuchung zeigte sich ein Zusammenhang zwischen häufigerem Fluchen und einer höheren Patientenzentriertheit mit einem B-Wert von ?1,00 (95%-KI ?1,95 bis ?0,05, p = 0,04). Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass diese Studie vorläufig und methodisch unterpowert ist.
Kognitive Belastung und Emotionsregulation
Wie sprachliche und mentale Prozesse die motorische Umsetzung beeinflussen, untersucht auch die Forschung zur Informationsverarbeitung. Ein theoretischer Beitrag der Deutschen Sporthochschule Köln und Kollegen aus Neuseeland im Fachblatt Trends in Cognitive Sciences legt dar, dass motorische Leistungen unter Druck nicht allein von der Aufmerksamkeit abhängen, sondern von der Komplexität der verarbeiteten Signale bestimmt werden.
Das Modell der aufgabenangepassten Komplexität beschreibt, dass eine Vereinfachung der Kognition nützt, wenn irrelevante Reize ausgeblendet werden, aber schadet, wenn wichtige Faktoren verloren gehen. Die Projektleiterin Dr. Laura Voigt betont, dass diese Annahmen noch empirisch überprüft werden müssen, um Trainingsansätze gezielt auf situationsgerechte Informationsmuster abzustimmen.
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Gleichzeitig unterscheidet sich der leistungssteigernde Effekt des Fluchens grundlegend vom Abbau negativer Emotionen. Eine umfassende Auswertung von Sophie Kjærvik und Brad Bushman von der Universität Ohio State aus dem Jahr 2024, die 154 Studien mit 184 unabhängigen Stichproben und insgesamt 10.189 Teilnehmenden analysierte, widerlegte das Katharsis-Prinzip: Körperlich aktivierende Maßnahmen wie Schreien, Schlagen oder Laufen minderten Wut und Aggression nicht.
Vielmehr erwiesen sich erregungssenkende Methoden wie Entspannung oder achtsames Atmen als wirksam, um emotionale Erregung zu reduzieren. Als kurzfristiges Mittel im Kraftbereich erfüllt das Fluchen hingegen eine gänzlich andere Funktion.
