Fermentierte Lebensmittel: Drei Studien finden keinen klaren Muskelvorteil
Veröffentlicht am: 12.10.2026 um 14:32 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Annahme, dass fermentierte Lebensmittel wie Kefir, Joghurt oder Tempeh über die Darmflora die Muskulatur stärken können, stößt in der Ernährungswissenschaft auf wachsendes Interesse.
Eine am 25. September 2026 in der Fachzeitschrift Communications Biology veröffentlichte Übersichtsarbeit von Dominik Farsi, Paul Cotter und Orla O'Sullivan geht der Frage nach, ob fermentierte Proteinprodukte tatsächlich über die sogenannte Darm-Muskel-Achse Einfluss auf Muskelmasse und -funktion nehmen.
Das Autorenteam vom irischen Teagasc Food Research Centre, APC Microbiome Ireland, dem King's College London und der Queen's University Belfast analysierte den aktuellen Forschungsstand zu dieser potenziellen Wechselwirkung.
Signalwege zwischen Verdauungstrakt und Skelettmuskulatur
Das Konzept der Darm-Muskel-Achse beschreibt einen wechselseitigen Signalweg zwischen dem Mikrobiom und der Muskulatur. Bakterielle Stoffwechselprodukte, insbesondere kurzkettige Fettsäuren, beeinflussen Entzündungsprozesse, den Blutzuckerspiegel sowie den zellulären Energiestoffwechsel.
Diese Faktoren könnten theoretisch auch den Muskelprotein-Stoffwechsel steuern. Umgekehrt setzt der Skelettmuskel bei körperlicher Aktivität eigene Signalmoleküle frei, die auf den Darm rückwirken.
Fermentationsprozesse verändern die Proteinstruktur von Nahrungsmitteln grundlegend: Proteine werden in Peptide und freie Aminosäuren aufgespalten. Dies erleichtert die Verdaulichkeit und verbessert die Verfügbarkeit der Aminosäuren. Zudem entstehen während der Fermentation bioaktive Verbindungen, die antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften aufweisen.
Diskrepanz zwischen Stoffwechseleffekten und Muskelzuwachs
Trotz plausibler biochemischer Mechanismen ist die direkte klinische Evidenz für Muskelvorteile äußerst dünn. Die Autoren der Übersichtsarbeit identifizierten lediglich drei kleine randomisierte Studien mit konkreten Muskelendpunkten. Keine dieser Arbeiten konnte belegen, dass fermentiertes Protein einen signifikanten Mehrwert gegenüber der gleichen Menge an unfermentiertem Protein bietet.
Fermentation spaltet Proteine in Peptide und Aminosäuren und macht sie leichter verdaulich — doch drei kleine randomisierte Studien mit Muskelendpunkten fanden keinen klaren Mehrwert gegenüber der gleichen Menge unfermentiertem Protein. Wer in Muskelaufbau investiert, sollte wissen, welche Schritte tatsächlich belegt sind. Kostenlosen Leitfaden zur Studienlage anfordern
Frühere Untersuchungen konzentrierten sich primär auf kardiometabolische Parameter:
- Eine Studie von Chen aus dem Jahr 2019 an 92 adipösen Frauen mit Fettleber zeigte nach 24 Wochen bei täglichem Konsum von 220 g Joghurt Verbesserungen: Der HOMA-IR sank um 0,53 Einheiten (p=0,04, d~0,4), das Leberfett um 3,44 Prozentpunkte (p=0,02, d~0,5) und das Serum-LPS um 0,31 EU/mL (p<0,001, d?0,7).
- Ostadrahimi wies 2015 bei 60 Probanden eine Verbesserung des HbA1c-Werts nach (p=0,02).
- Im September 2025 zeigte der Stamm Lactobacillus kefiri YRC2606 bei gealterten Mäusen eine Reduktion chronischer Entzündungen.
Direkte Messungen an der Muskulatur lieferten hingegen ernüchternde Resultate. Kim stellte 2023 bei 48 Teilnehmenden zwar eine Verbesserung des dynamischen Gleichgewichts fest (p=0,032, d~0,6), fand jedoch keinerlei Effekte auf Muskelkraft, fettfreie Masse oder Rückenkraft. Jung dokumentierte 2025 bei 53 Personen keinen messbaren Vorteil für die Griffkraft (p=0,50).
Auch die PROMOTe-Studie von 2024 mit 72 Probanden, die nicht fermentierte Präbiotika untersuchte, verzeichnete beim Chair-Rise-Test keinen Effekt (p=0,49), obwohl sich das Mikrobiom veränderte. Eine kleine Untersuchung von Iwasa aus dem Jahr 2013 an 18 Personen berichtete über geringfügig weniger Muskelkater (12,6 gegenüber 14,2 Punkten).
Forschungsbedarf und methodische Hürden
Bislang fehlen gezielte Humanstudien zur Muskelproteinsynthese. Ein präventiver oder therapeutischer Nutzen gegen altersbedingten Muskelschwund (Sarkopenie) ist wissenschaftlich nicht gesichert. Ausreichende Proteinzufuhr und gezieltes Krafttraining bleiben daher der maßgebliche Standard.
Zudem bestehen methodische und produktionstechnische Unterschiede. Wie eine Ernährungsforscherin der University of Exeter darlegte, zeichnet sich traditioneller Kefir durch eine größere Bakterien- und Hefevielfalt aus und liefert Essigsäure sowie B- und K-Vitamine.
Widersprüchliche Schlagzeilen zu Kefir, Joghurt und Tempeh erschweren die Einordnung — dabei bleibt ausreichende Proteinzufuhr plus gezieltes Krafttraining der maßgebliche Standard gegen altersbedingten Muskelabbau. Der Leitfaden fasst die drei relevanten Studien und ihre Grenzen in klaren Schritten zusammen. Evidenz-Check jetzt herunterladen
Die industrielle Fertigung nutze hingegen ausgewählte Kulturen und entferne lebende Hefen oft aus Gründen der Haltbarkeit. Ob diese Unterschiede im menschlichen Körper klinisch relevant sind, ist nach Einschätzung eines Wissenschaftlers der University of Leeds mangels Humanstudien offen.
Für belastbare Aussagen fordern die Autoren künftige Studien mit gleichzeitiger Erfassung von Darm- und Muskelparametern, Isotopen-Tracern und Muskelbiopsien. Eine Schätzung geht von drei bis sieben Jahren aus, bis belastbare Ergebnisse vorliegen dürften. Zu berücksichtigen ist bei der aktuellen Übersichtsarbeit auch, dass ein Senior-Autor Fördergelder von mehreren Molkereiunternehmen erhalten hat.
