EU-Souveränität: Neues Gesetz verdrängt Microsoft und Google aus Behörden
11.06.2026 - 20:09:53 | boerse-global.de
Die Europäische Union leitet einen historischen Systemwechsel ein: Statt Microsoft Windows sollen künftig eigene Linux-Installationen in den Behörden laufen. Ein neues Gesetzespaket treibt die Abkehr von US-Techriesen voran.
Der große Umstieg beginnt
Europäische Regierungsinstitutionen haben mit den Vorbereitungen für eine schrittweise Migration von Microsoft Windows auf eine maßgeschneiderte Linux-Distribution begonnen. Die Umstellung basiert auf einer modifizierten Fedora-Linux-Version, deren Benutzeroberfläche bewusst an Windows angelehnt ist – der Umstieg soll möglichst reibungslos verlaufen.
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Der Rollout startet in ausgewählten Ministerien. Ziel ist es, die Informationssicherheit zu erhöhen, die Datenkontrolle zu verbessern und strategisch wichtige Infrastruktur besser zu schützen. Die Initiative ist Teil eines weitaus größeren Vorhabens: der europäischen Technologiesouveränität.
Neues Gesetz für Cloud und KI
Erst Anfang Juni trat das „Technological Sovereignty Package" in Kraft. Herzstück ist der Cloud and AI Development Act (CADA) – ein vierstufiges Rahmenwerk zur Bewertung der Souveränität von Cloud-Diensten.
Öffentliche Einrichtungen müssen künftig für sensible Bereiche wie Verteidigung, Justiz oder Grenzschutz umfassende Risikobewertungen durchführen. Die höchsten Sicherheitsstufen würden Anbieter ausschließen, die von Nicht-EU-Staaten kontrolliert werden. Besonders im Fokus: der US Cloud Act von 2018, der US-Behörden Zugriff auf Daten amerikanischer Unternehmen gewährt – unabhängig vom Speicherort.
Die Marktdominanz der US-Konzerne ist enorm: Amazon, Microsoft und Google kontrollieren gemeinsam über 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes. Der Anteil europäischer Anbieter schrumpfte dagegen von 29 Prozent (2017) auf nur noch 15 Prozent (2022). Die EU will gegensteuern – und die heimische Rechenzentrums-Kapazität in den nächsten fünf bis sieben Jahren verdreifachen.
Chips Act 2.0: Milliarden für Halbleiter
Das Souveränitätspaket enthält zudem den „Chips Act 2.0" – eine Neuauflage des europäischen Halbleiter-Gesetzes. Der ursprüngliche Chips Act von 2023 mobilisierte zwar über 52 Milliarden Euro, verfehlte aber das Ziel, bis 2030 einen globalen Marktanteil von 20 Prozent zu erreichen. Aktuell liegt die EU bei etwa zehn Prozent.
Die neue Gesetzgebung setzt auf Tempo: Baugenehmigungen für Chipfabriken sollen innerhalb von zwölf Monaten erteilt werden. Geplant sind zudem „Beschleunigungszonen" und bis zu fünf spezialisierte KI-„Gigafabriken", die jeweils 100.000 KI-Chips beherbergen könnten.
Open Source als Strategie
Die EU-Kommission verfolgt einen „Open-Source-First"-Ansatz bei der öffentlichen Beschaffung. Das bedeutet: Zuschüsse für Open-Source-Projekte und eine Reform der Vergaberegeln, die europäische Alternativen bevorzugt.
Auf nationaler Ebene zeigt sich bereits Bewegung: Frankreich hat angekündigt, Microsoft Teams, Zoom und Windows wo möglich zu ersetzen. Der deutsche Sovereign Tech Fund stellte kürzlich 1,285 Millionen Euro für KDE bereit, um die Sicherheit der Plasma-Desktop-Umgebung und von KDE Linux zu verbessern.
Doch der Weg zu echter Unabhängigkeit ist steinig. Eine Analyse von Euro-Office – einer europäischen Büro-Suite, die sich im März 2026 formal vom russisch-stämmigen OnlyOffice abgespalten hatte – zeigt: 98,6 Prozent des Dokumentenmoduls und 99,2 Prozent der Live-Dienste stammen noch immer von Entwicklern in russischen Zeitzonen. Seit der Abspaltung wurden nur 184 eigenständige Änderungen vorgenommen, verglichen mit rund 370 Importen aus dem Vorgängerprojekt.
Vertrauensverlust in die USA
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Der Drang nach technologischer Unabhängigkeit spiegelt einen tieferen geopolitischen Wandel wider. Eine Umfrage aus Mai 2026 in 15 Ländern ergab: Nur noch 11 Prozent der Europäer sehen die USA als verlässlichen Verbündeten – 2024 waren es noch 22 Prozent.
47 Prozent der Befragten befürworten gemeinsame EU-Schulden zur Finanzierung von Verteidigungsinitiativen. Ein Schlüsselereignis: die Aussetzung der Microsoft-E-Mail-Dienste für den Internationalen Strafgerichtshof im Mai 2025 aufgrund von US-Sanktionen. Dieser Vorfall erschütterte das Vertrauen in US-kontrollierte Technologie nachhaltig.
Der Europäische Parlament wird in der kommenden Woche über ein mögliches EU-US-Handelsabkommen abstimmen. Es enthält eine „Sunset-Klausel": Das Abkommen würde Ende 2029 auslaufen, wenn bestimmte Bedingungen zur Verlässlichkeit der USA nicht erfüllt sind.
