Ernährungsinitiative abgelehnt: Bundesrat hält an 50-Prozent-Ziel fest
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 22:05 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Trotz der deutlichen Ablehnung der sogenannten Ernährungsinitiative an den Urnen hält der Bundesrat an seinem Kurs fest, die Produktion und den Konsum pflanzlicher Nahrungsmittel gezielt zu fördern. Das übergeordnete Ziel der schweizerischen Agrarpolitik bleibt ein Selbstversorgungsgrad von 50 % bis 2050. Nach Angaben des Agrarberichts 2025 bewegt sich der aktuelle Wert bereits knapp unter dieser Marke.
Berechnungen und Modelle des Bundes verdeutlichen jedoch, dass das Erreichen dieses langfristigen Zielwerts eine spürbare Verlagerung weg von tierischen und hin zu pflanzlichen Lebensmitteln voraussetzt.
Deutliche Ablehnung an den Urnen
Die Stimmberechtigten verwarfen die Ernährungsinitiative mit einem Nein-Stimmen-Anteil von 72,5 %. Die Vorlage scheiterte zudem am Ständemehr, da sämtliche Kantone das Begehren ablehnten.
Auf kantonaler Ebene reichten die Nein-Anteile von 62,6 % in Genf bis zu 81 % im Kanton Schwyz, während schweizweit lediglich drei Gemeinden eine Ja-Mehrheit verzeichneten. Zuvor hatten bereits das Parlament geschlossen gegen die Initiative votiert: Im Nationalrat fiel der Entscheid mit 194 zu 0 Stimmen aus, im Ständerat mit 44 zu 0 Stimmen.
Die Vorlage verlangte unter anderem, den Netto-Selbstversorgungsgrad innerhalb von zehn Jahren von damals 45 % auf 70 % anzuheben, flankiert von Vorgaben für sauberes Trinkwasser und einer stärker pflanzlich ausgerichteten Ernährung. Befürwortende führten an, dass derzeit 60 % der Ackerflächen für Tierfutter genutzt würden.
Ein Anbau von Kulturen wie Hülsenfrüchten, Getreide und Gemüse könne auf denselben Flächen mehr als zehnmal so viele Kalorien für die menschliche Ernährung liefern. Nach Angaben der Eidgenössischen Finanzkontrolle standen dem Initiativkomitee für die Kampagne rund 700.000 Franken zur Verfügung, während das Nein-Lager ein Budget von 1,6 Mio. Franken aufbot.
Die Weichenstellungen der Agrarpolitik 2030+
Nach dem Urnengang betonte Landwirtschaftsminister Guy Parmelin, dass die Debatte um eine stärkere inländische Versorgung und eine nachhaltigere Produktion keineswegs beendet sei; es müsse sich etwas verändern.
Die Ernährungsinitiative ist an der Urne gescheitert, doch der Bundesrat hält am Ziel von 50 % Selbstversorgung bis 2050 fest — und die Agrarpolitik 2030+ läuft bis zum 8. Dezember 2026 in der Vernehmlassung. Wer jetzt die Etappenschritte bis 2033 kennt, kann seinen Betrieb rechtzeitig ausrichten. Kostenlosen Agrar-Report zur Agrarpolitik 2030+ anfordern
Der Bundesrat beabsichtige weiterhin, mehr Lebensmittel im Inland zu erzeugen sowie Wasser, Böden und die Biodiversität wirksamer zu schützen. Die grundlegenden Anliegen der Initiative sollen daher in die laufende Vorbereitung der Agrarpolitik ab 2030 einfließen. Zudem kündigte die Landesregierung einen PFAS-Aktionsplan für Ende 2027 an.
Die Vorlage zur Agrarpolitik 2030+ befindet sich noch bis zum 8. Dezember 2026 in der Vernehmlassung. Ab 2027 soll das Parlament über das Gesetzespaket beraten. Das Konzept des Bundesrats formuliert als Zwischenschritt ein Etappenziel von mindestens 47 % Selbstversorgung im Jahr 2033, verglichen mit 42 % im Jahr 2024.
Kontroverse Positionen zur künftigen Ausrichtung
Die Gegnerschaft der Initiative – getragen von Parteien, dem Bauernverband sowie der Nahrungsmittelindustrie und dem Gewerbe – hatte im Vorfeld vor tiefgreifenden Eingriffen in Konsum und landwirtschaftliche Produktion gewarnt. Sie argumentierte mit drohenden Preissteigerungen, einer Zunahme des Einkaufstourismus und pochte auf die freie Wahl der Konsumentinnen und Konsumenten. Die Parteien GLP und Die Mitte bezeichneten die starren Zielvorgaben der Initiative als unrealistisch.
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Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands, stufte ein Selbstversorgungsziel von 70 % als utopisch ein. Ein Wert von 50–55 % sei gegenüber dem aktuellen Stand von 42–46 % zufriedenstellend; das bundesrätliche Ziel von 50 % bis 2050 halte er für realistisch.
Initiantin Franziska Herren wiederum kritisierte nach der Abstimmung die Haltung von Bundesrat und Parlament und forderte gemeinsam mit Mitstreitern verstärkten politischen Druck für Reformen in der Agrar- und Wasserpolitik, einschließlich einer umfassenden Wasserstrategie und Vorkehrungen gegen den Klimawandel. Begleitend verlangte Nationalrat Bruno Storni ein nationales Wassermanagement für künftige Dürreperioden.
