Digitaler, Stress

Digitaler Stress: 86 Prozent der Beschäftigten wünschen mehr Unterstützung

Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 04:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Forschung beleuchtet den Einfluss sozialer Netzwerke und digitaler Arbeit: Bei körperlich Beschäftigten steigt die Fehlzeit, viele wünschen mehr Unterstützung.

Digitale Plattformen: Studien zeigen Folgen für Psyche und Arbeitswelt
Ein minimalistischer, schattiger Raum mit einer einzelnen Lichtquelle, der Einsamkeit und Konzentration symbolisiert. Illustration mit AI erstellt.

Die Mechanismen digitaler Plattformen und ihre Auswirkungen auf das menschliche Verhalten rücken zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen.

In einer Folge der Podcast-Reihe der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen, die von der Techniker Krankenkasse in Hessen gefördert wird, analysiert der Psychologe und Hirnforscher Christian Montag, warum Nutzer an sozialen Netzwerken festhalten.

Zentrale Faktoren seien Designelemente wie Likes, algorithmische Personalisierung, unendliches Scrollen sowie Interaktionen mit KI-Chatbots und parasoziale Beziehungen.

Neurobiologie und die Debatte um digitale Abhängigkeit

Die neurobiologischen Parallelen zu stoffgebundenen Abhängigkeiten sind Gegenstand fachlicher Diskussionen. Manfred Spitzer, bis 2025 Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm, verweist darauf, dass die Gehirnaktivität bei einer Social-Media-Sucht fast identisch mit jener bei einer Kokainsucht sei.

Eine formelle Einstufung als Suchterkrankung existiert jedoch nicht durchgehend: Die Weltgesundheitsorganisation stuft bisher Glücksspiel- und Computerspielstörungen als eigenständige Krankheiten ein, führt reine Internet-, Smartphone- oder Social-Media-Sucht bislang jedoch nicht als solche. Unter Jugendlichen gehen Fachleute dennoch von mindestens fünf Prozent Betroffenen aus.

Gängige Bewältigungskonzepte wie das sogenannte Dopaminfasten stoßen in der Forschung auf deutliche Skepsis. Martin Korte, Professor für Zelluläre Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig und Forscher am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, bewertet den Trend als biologisch unbegründet.

Dopamin werde im Organismus für elementare Funktionen wie die Verdauung und die Einleitung von Bewegungen benötigt; zudem signalisiere der Neurotransmitter eine Erwartungshaltung und nicht die eigentliche Belohnung.

Statt unhaltbarer Fastenkuren empfiehlt Korte konkrete Verhaltensregeln, darunter gemeinsame Absprachen und den Verzicht auf Smartphones direkt nach dem Aufstehen, während der Mahlzeiten sowie vor dem Einschlafen. Autorin Daniela Halsboer rät bei ausgeprägten Problemen zu mehrwöchigen bis mehrmonatigen Nutzungspausen.

Algorithmische Mechanismen verstärken Empörung

Plattformbetreiber nutzen algorithmische Dynamiken, die menschliche Verhaltensmuster gezielt ansprechen. Eine im August 2026 im Fachjournal PNAS erschienene Untersuchung von Forschenden unter anderem aus Stanford, vom MIT und aus Yale an 715 US-Nutzern auf der Plattform X zeigte, dass Algorithmen bevorzugt solche Beiträge einblenden, die schlechter zu den persönlichen Werten der Individuen passen.

Dieser Effekt baut auf psychologischen Reaktionsmustern auf: Eine Yale-Studie aus dem Jahr 2021, die rund 12,7 Millionen Tweets von 7.331 Konten auswertete, belegt, dass Personen nach viel Bestätigung für empörte Beiträge in der Folge häufiger empört reagieren.

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Bereits 2017 stellte eine PNAS-Untersuchung von 563.312 Twitter-Nachrichten zu kontroversen gesellschaftlichen Debatten fest, dass jedes zusätzliche moralisch-emotionale Wort die Verbreitung um rund 20 Prozent steigerte.

Eine Erhebung im Fachblatt Nature Human Behaviour aus dem Jahr 2023 verdeutlichte zudem, dass Lesende die Empörung der Schreibenden durchweg höher einschätzen, als diese selbst im Nachhinein angeben.

Technostress und Überlastung in der Arbeitswelt

Die Folgen digitaler Prozesse beschränken sich nicht auf die Freizeit. Eine Untersuchung des ifo Instituts, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Universität Konstanz auf Basis von Daten der Jahre 2011 bis 2019 zeigt, dass eine stärkere Digitalisierung bei überwiegend körperlich arbeitenden Beschäftigten mit einer messbaren Verschlechterung des Gesundheitszustands einhergeht.

Die Betroffenen fehlen digitalisierungsbedingt im Schnitt rund 20 Prozent mehr Tage im Jahr. Oliver Schlenker vom Ludwig Erhard ifo Zentrum für Soziale Marktwirtschaft führt diesen Effekt auf Technostress zurück, während sich bei reinen Büro- und Wissensberufen kein entsprechender negativer Zusammenhang nachweisen ließ.

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In vielen Betrieben klafft dabei eine Lücke zwischen Beanspruchung und Unterstützungsangeboten. Laut der im Sommer 2026 veröffentlichten Studie von Deloitte und der Universität Graz unter 484 Befragten wünschen sich 86 Prozent der Beschäftigten verstärkte Hilfestellungen gegen digitalen Stress und Überlastung.

Allerdings halten bislang lediglich 17 Prozent der Unternehmen passende Angebote bereit. Hinzu kommt eine verschwimmende Grenze zwischen Arbeit und Erholung: 39 Prozent der Arbeitnehmer gaben an, sich auch während Urlaubszeiten oder bei Krankheit zur Erreichbarkeit verpflichtet zu fühlen.

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