Digitale, Erschöpfung

Digitale Erschöpfung: 51 Prozent fühlen sich in WhatsApp-Gruppen unter Druck

Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 21:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Fachleute beschreiben Folgen ständiger Benachrichtigungen und empfehlen feste Offline-Zeiten sowie eine reizärmere Abendroutine.
Ein ruhiges, minimalistisch eingerichtetes Schlafzimmer im sanften Morgenlicht, das eine Atmosphäre der Erholung vermittelt. Illustration mit AI erstellt.

Ständige digitale Erreichbarkeit und nächtliche Kurznachrichten belasten zunehmend die psychische Gesundheit und die Schlafqualität vieler Menschen. Fachbeiträge beschreiben dieses Phänomen als sogenannte unsichtbare Erschöpfung.

Betroffene verbringen durchschnittlich fast sieben Stunden pro Woche in sozialen Netzwerken. Das ständige Eintreffen von Mitteilungen kann zu innerer Anspannung führen; so berichtet die 29-jährige Clara von Angstzuständen durch mehrere Messenger-Dienste.

Das Phänomen, Nachrichten zwar zu lesen, aber aus Überforderung nicht mehr darauf zu antworten, gilt unter Fachleuten als typisches Anzeichen einer solchen Erschöpfung.

Reizüberflutung und Reaktionsdruck im Alltag

Die permanente Vernetzung stört nachweislich kognitive Prozesse. Nach Angaben von Gloria Mark von der University of California, Irvine benötigt das Gehirn nach einer Unterbrechung mehr als 23 Minuten, um wieder das optimale Konzentrationsniveau zu erreichen.

Eine Umfrage des Instituts Ifop für Lemon.fr unter 1.000 Franzosen verdeutlicht das Ausmaß des sozialen Erwartungsdrucks: 51 Prozent der Nutzer von WhatsApp-Gruppen fühlten sich verpflichtet, zu antworten oder Beiträge positiv zu markieren, während 46 Prozent einen Druck verspürten, zeitnah zu reagieren.

Die klinische Psychologin Vanessa Lalo berichtete in der Zeitung Le Monde, dass insbesondere 18- bis 35-Jährige versuchen, die Kontrolle über ihre Vernetzung wiederzugewinnen.

Dass bereits kurze Pausen Entlastung bringen, belegt eine Studie aus dem Jahr 2023, bei der 247 Teilnehmende ihre Benachrichtigungen für einen Tag deaktivierten. Die Reduzierung der Unterbrechungen ging mit einem Rückgang psychischer Spannungszustände und besseren Leistungen einher.

Weitere Untersuchungen zeigen zudem, dass der Zwang zu schnellen Rückmeldungen das Grübeln und negative Gedanken verstärkt. Die Psychologin Sarah Nabeth weist darauf hin, dass fortlaufende Benachrichtigungen in eine kognitive, emotionale und aufmerksamkeitsbezogene Überlastung münden können.

Hochfunktionale Erschöpfung und Schlafmuster

Fachleute für psychische Gesundheit warnen vor einer hochfunktionalen Erschöpfung. Diese entsteht selten durch ein einzelnes dramatisches Ereignis, sondern durch die Summe alltäglicher Mikrostressoren wie Informationsflut, Benachrichtigungen und ständigen Entscheidungszwang. Nach außen hin bleiben Betroffene voll handlungsfähig, während ihre inneren Reserven aufgebraucht sind. Oft verdeckt eine toxische Positivität die eigene Müdigkeit.

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Gleichzeitig verwischt die ständige Erreichbarkeit die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, weshalb Experten die Verankerung eines Rechts auf digitale Nichterreichbarkeit fordern.

Psychologen interpretieren Schlafmuster daher als sensibles emotionales Thermometer. Symptome reichen vom sofortigen Einschlafen aus reiner Erschöpfung über nächtliches Grübeln bis hin zum absichtlichen Wachbleiben bis spät in die Nacht.

Auch das Aufwachen um 4 Uhr morgens steht häufig mit depressiven Verstimmungen und Angstzuständen in Verbindung. Während chronische Schlaflosigkeit auf eine permanente Übererregung hinweist, dient exzessives Schlafen mitunter der Betäubung emotionaler Belastungen.

Der Nervologe Aleksei Mamatov erläutert, dass berufliche E-Mails und Messenger-Nachrichten vor dem Einschlafen das Nervensystem in ständiger Anspannung halten. Kurze Texte können unwillkürlich Gedankenketten sowie eine Stressreaktion über das sympathische Nervensystem auslösen.

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Der resultierende Schlafmangel schwächt die Konzentration, steigert die Reizbarkeit und kann den Hormon- sowie den Stoffwechselhaushalt, den Appetit und das Herz-Kreislauf-System beeinträchtigen.

Empfehlungen zur Entlastung

Zur Bewältigung der hochfunktionalen Erschöpfung raten Fachleute zu festen reizarmen Phasen von täglich 30 Minuten, etwa bei Spaziergängen ohne Kopfhörer, sowie zum Setzen klarer Prioritäten und bewussten mentalen Leerläufen im Terminkalender. Zudem wird die Führung eines einwöchigen Schlaf- und Gefühlsprotokolls empfohlen, um Verhaltensmuster zu erkennen; bei anhaltenden Problemen sollte professionelle Unterstützung gesucht werden.

Aleksei Mamatov empfiehlt zudem eine verbindliche Endzeit für berufliche Mitteilungen, das konsequente Abschalten von Benachrichtigungen sowie das schriftliche Festhalten offener Aufgaben vor der Nachtruhe. Die letzten ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen sollten reizarm gestaltet werden, ergänzt durch regelmäßige Schlafzeiten.

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