Demenzrisiko: WHO verknüpft bis zu 45 Prozent der Fälle mit Risikofaktoren
Veröffentlicht am: 25.09.2026 um 17:14 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das deutsche Gesundheitswesen steht vor einem strukturellen Effizienzproblem: Trotz der höchsten Ausgaben in Europa erzielt die Bundesrepublik bei den zentralen Gesundheitsindikatoren keine Spitzenplätze.
In einer Veröffentlichung im FAZ-Quarterly vom 24. September 2026 legte die Medizinethikerin Alena Buyx, Professorin an der Technischen Universität München und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, den Finger in diese Schwachstelle.
Deutschland verfüge über das teuerste Gesundheitssystem Europas, liege bei der Sterblichkeit und den allgemeinen Erkrankungsraten jedoch lediglich im europäischen Mittelfeld. Als zwingenden Ausweg sieht Buyx eine systematische Priorisierung der Prävention.
Abrechnungssysteme und politische Zurückhaltung
Um eine vorsorgende Medizin im Alltag zu etablieren, fordert Buyx grundlegende Anpassungen im Abrechnungssystem. Medizinischem Personal müsse darin gezielt mehr Zeit eingeräumt werden, um Patienten zu einer gesunden Lebensführung zu beraten. Bislang setzt die Vergütung vorrangig an der Behandlung manifester Erkrankungen an, während vorsorgende Gespräche strukturell benachteiligt sind.
Gleichzeitig kritisierte die Medizinethikerin eine spürbare Zurückhaltung der Bundespolitik bei wirksamen verhältnispräventiven Instrumenten. Deutschland zeige sich nach wie vor zögerlich bei der Einführung einer Zuckersteuer, bei Werbeverboten für ungesunde Süßigkeiten sowie bei verbindlichen Standards für ein gesünderes Schulessen.
Dass verhaltensbedingte Risikofaktoren eine erhebliche Belastung für die Bevölkerung darstellen, verdeutlichen auch externe Erhebungen: Laut dem Public Health Index 2025 gehen rund vier von zehn Todesfällen in Deutschland auf verhaltensbedingte Risiken zurück, was knapp 190.000 vermeidbaren Sterbefällen pro Jahr entspricht.
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Weltweit zeigt sich ein ähnliches Bild: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sind bis zu 45 Prozent aller Demenzfälle mit potenziell modifizierbaren Risikofaktoren verknüpft, darunter Tabak- und Alkoholkonsum, Bewegungsmangel sowie unbehandelte Stoffwechselleiden wie Bluthochdruck und Diabetes mellitus.
Demografischer Druck und Grenzen technologischer Entlastung
Die Notwendigkeit einer Neuorientierung wird durch den zunehmenden Personalnotstand verschärft. Buyx wies darauf hin, dass in den nächsten Jahren rund ein Drittel der medizinischen Fachkräfte in den Ruhestand gehen werde. Vor diesem Hintergrund müsse der Einsatz künstlicher Intelligenz forciert werden, um das verbleibende Personal vor allem von administrativen Lasten zu befreien.
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Technologische Lösungen dürfen nach Auffassung der Ethikerin jedoch nicht unkritisch implementiert werden. Entsprechend einer früheren Stellungnahme des Deutschen Ethikrats müsse künstliche Intelligenz die menschlichen Handlungsmöglichkeiten erweitern und dürfe sie nicht verringern.
Buyx betonte in diesem Zusammenhang auch ein konkretes medizinisches Risiko: Erste Erfahrungen zeigten, dass Ärzte, die auf künstliche Intelligenz zurückgreifen, in ihren diagnostischen und therapeutischen Leistungen teilweise schlechter würden.
Eine funktionierende Gesundheitsversorgung setzt daher weiterhin ausreichend qualifizierte Fachkräfte voraus, die durch kluge Prävention entlastet werden müssen.
