Demenzprävention: WHO empfiehlt erstmals Hörgeräte bei Hörverlust
Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 02:43 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat am 15. Juli 2026 die zweite Auflage ihrer Leitlinie zur Risikoreduktion von kognitivem Abbau und Demenz veröffentlicht.
Das Regelwerk löst die Erstauflage aus dem Jahr 2019 ab und richtet sich an Erwachsene ohne Demenz – darunter Personen mit unbeeinträchtigter Kognition sowie Menschen mit diagnostizierter leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI). Eine Anwendung bei reiner Selbstdiagnose ist ausdrücklich nicht vorgesehen.
Weltweit leben nach Angaben der Organisation mehr als 57 Millionen Menschen mit Demenz, jährlich kommen fast 10 Millionen Neuerkrankungen hinzu. Die globalen wirtschaftlichen Kosten belaufen sich auf über 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr.
Modifizierbare Risikofaktoren im Fokus
Für die Neufassung prüfte die WHO insgesamt 22 Risiko- und Interventionsfaktoren. Bis zu 45 Prozent des weltweiten Demenzrisikos gelten als modifizierbar. Diese Schätzung stützt sich auf die Arbeiten der Lancet-Kommission von 2024 unter Leitung von Gill Livingston, die 14 beeinflussbare Risikofaktoren anhand populationsattributabler Fraktionen auf Basis der norwegischen HUNT-Studie berechnete.
Zu den zentralen Eckpfeilern der Prävention zählen weiterhin regelmäßige körperliche Aktivität, die Reduktion des Alkoholkonsums, der Verzicht auf das Rauchen, kognitives Training, soziale Kontakte sowie das Management von Blutdruck, Diabetes und Cholesterin. Bei Erwachsenen im Alter von 40 bis 65 Jahren mit Adipositas besteht zudem eine bedingte Empfehlung zur Gewichtsreduktion.
Beim Management von Bluthochdruck hält die Leitlinie fest, dass eine Behandlung zur Minderung des Risikos kognitiven Abbaus angeboten werden kann. Ein Beginn in der Lebensmitte verspricht dabei einen größeren langfristigen Nutzen als ein späterer Therapiestart.
Ein einzelner optimaler Schwellenwert wurde nicht identifiziert. Zudem zeigt eine über die Standardziele hinausgehende Intensivierung der Blutdruck- oder Glukosekontrolle keinen eindeutigen Zusatznutzen.
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Neue Schwerpunkte bei Hörhilfen und Umweltfaktoren
Erstmals sprach die Organisation eine bedingte Empfehlung für den Einsatz von Hörgeräten bei Erwachsenen mit Hörverlust aus, nachdem die Datenlage 2019 noch als unzureichend eingestuft worden war. Die aktuelle Einstufung basiert auf Evidenz mit geringer Sicherheit und gemischten Ergebnissen.
Hörverlust zeichnet für rund 7 Prozent der Demenzfälle weltweit verantwortlich und gehört damit zu den gewichtigsten Einzelfaktoren. Mehr als 400 Millionen Menschen weltweit könnten von Hörgeräten profitieren, doch lediglich etwa 17 Prozent nutzen eine solche Unterstützung.
Ebenfalls neu aufgenommen wurde die Minderung der Belastung durch Luftverschmutzung – sowohl in Bezug auf Außenluft-Feinstaub (PM2.5) als auch auf Schadstoffe in Innenräumen. Diese bedingte Empfehlung stützt sich überwiegend auf Beobachtungsstudien mit geringer Evidenzsicherheit.
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Zudem führt das Regelwerk maßgeschneiderte Maßnahmen ein, die mindestens drei Risikofaktoren zeitgleich adressieren. Bei moderater bis hoher Evidenz fällt der kognitive Nutzen derartiger multidomäner Ansätze insgesamt klein aus.
So zeigte die U.S.-POINTER-Studie an 2.111 Erwachsenen im Alter von 60 bis 79 Jahren über zwei Jahre zwar eine Verbesserung der globalen Kognition in beiden Gruppen, jedoch keine Reduktion diagnostizierter Demenzfälle. Die Alzheimer's Association arbeitet derzeit an einer spezifischen US-Leitlinie, deren Erscheinen für 2027 erwartet wird.
Ernährung und Absage an Nahrungsergänzungsmittel
Die WHO empfiehlt eine gesunde und ausgewogene Kost, verzichtet jedoch auf namentliche Empfehlungen für spezifische Kostformen wie die MIND- oder die Mittelmeer-Diät.
Zugleich rät die Leitlinie Erwachsenen mit normaler Kognition oder MCI ausdrücklich von der gezielten Einnahme von Vitamin B, Vitamin E, Omega-3-Fettsäuren sowie Multivitamin- und Mineralstoffpräparaten ab, sofern kein diagnostizierter Mangel vorliegt. Dies basiert auf einer moderaten Evidenzsicherheit.
Zwar fand eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 bei Personen mit diagnostizierter MCI eine leichte Verbesserung von Kognition, Gedächtnis und Aufmerksamkeit durch Folsäure, Vitamin B6, B12 und Vitamin D, jedoch bei nur geringer Evidenzsicherheit.
In der Praxis greifen viele Menschen dennoch zu solchen Produkten: Einer AARP-Erhebung zufolge nehmen 78 Prozent der US-Erwachsenen ab 50 Jahren Vitaminpräparate ein, 21 Prozent davon speziell für die Gehirngesundheit. Dabei hofften 71 Prozent auf den Erhalt des Gedächtnisses und 12 Prozent auf eine Verzögerung von Demenz.
