Demenz-Pflege, Gender

Demenz-Pflege: Gender Care Gap von 43,4% belastet Millionen Frauen

Veröffentlicht am: 11.09.2026 um 11:51 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Studien zeigen hohe Belastungen in der häuslichen Demenzpflege. Beratung hilft, während eine Neuordnung der Leistungen ab 2027 vorgesehen ist.

Demenzpflege zu Hause: Angehörige stark belastet, Reform geplant
Ein ruhiges, sonnendurchflutetes Wohnzimmer mit einem bequemen Sessel und einer Vase mit frischen Blumen. Illustration mit AI erstellt.

Die häusliche Pflege von Menschen mit Demenz stellt Angehörige vor komplexe psychische und organisatorische Herausforderungen. Aktuelle Berichte und statistische Erhebungen verdeutlichen, dass neben finanziellen Entlastungen vor allem der empathische Umgang mit den Betroffenen und der Ausbau von Beratungsstrukturen zentrale Faktoren für eine stabile Versorgungssituation sind. Dabei zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach häuslicher Betreuung und der tatsächlichen Belastungsgrenze der Pflegenden.

Psychische Belastung und die Bedeutung von Empathie

Ein wesentlicher Aspekt in der Begleitung von Demenzkranken ist die Abkehr von sachlicher Korrektur hin zu einer einfühlsamen Kommunikation. Reinhard Wunsch, Serviceregionsleiter der AOK, betonte in diesem Zusammenhang die Relevanz von Gefühlen, die bei Betroffenen bis zuletzt erhalten blieben. Studien deuten darauf hin, dass nicht-medikamentöse Maßnahmen oft eine höhere Wirksamkeit erzielen können als medikamentöse Therapien.

Die emotionale Belastung für das Umfeld ist jedoch immens. Laut dem Bericht „Angehörigenpflege“, der im Auftrag des österreichischen Sozialministeriums erstellt wurde, pflegen in Österreich rund 950.000 Menschen ihre Angehörigen, wobei der Großteil der Arbeit von Frauen geleistet wird.

Etwa 70 Prozent der Befragten gaben an, sich überlastet zu fühlen; fast die Hälfte sei praktisch rund um die Uhr im Einsatz. Vor diesem Hintergrund forderte der ÖGB anlässlich des Tages der pflegenden Angehörigen im September 2026 einen massiven Ausbau von Entlastungsdiensten, Ersatzpflegeangeboten und Beratungsleistungen.

Statistische Entwicklung und geschlechtsspezifische Unterschiede

In Deutschland zeigt der Bericht WD 6-3000-003/26 des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages vom August 2026 eine ähnliche Tendenz. Aktuell werden rund 80 Prozent der 5,7 Millionen Pflegebedürftigen zu Hause versorgt, zwei Drittel davon überwiegend durch Angehörige. Bis zum Jahr 2055 wird ein Anstieg der Pflegebedürftigen auf 6,78 Millionen prognostiziert, was einem Zuwachs von 37 Prozent entspricht.

Besonders auffällig ist der sogenannte Gender Care Gap, der laut den Parlamentsunterlagen bei 43,4 Prozent liegt. Frauen leisten demnach täglich im Schnitt 76 Minuten mehr Pflegearbeit als Männer. Diese Belastung hat direkte Auswirkungen auf die Erwerbsbiografien: Rund 625.000 Pflegende reduzierten ihren Arbeitsumfang, während 405.000 Personen ihre Berufstätigkeit gänzlich aufgaben.

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Regionale Unterstützungsmodelle und Beratungsangebote

Regionale Initiativen versuchen, durch gezielte Informationsangebote gegenzusteuern. In Lübeck lebten nach Daten des WIdO im Jahr 2024 rund 4.200 Menschen mit Demenz.

Städte wie Lehrte planen für den Zeitraum des Welt-Alzheimertages im September 2026 spezifische „Wochen der Demenz“, die unter anderem Pflegecafés und Filmvorführungen umfassen. Auch das Demenznetz Ratingen etablierte eine Veranstaltungsreihe ab Ende September 2026, um Basiswissen zu vermitteln und die Selbstsorge der Pflegenden zu stärken.

Ein Monitoring der Caritas-Servicestelle für pflegende Angehörige in Oberösterreich, das seit April 2026 durchgeführt wird, belegt den hohen Nutzwert professioneller Beratung: 98 Prozent der Befragten empfanden die Unterstützung als hilfreich, 100 Prozent würden sie weiterempfehlen.

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Finanzielle Rahmenbedingungen und geplante Reformen

Die rechtlichen Rahmenbedingungen stehen vor einem Umbruch. Ein Referentenentwurf zum Pflege-Neuordnungsgesetz (PNOG) vom Juni 2026 sieht vor, dass die Verhinderungspflege ab Januar 2027 als eigenständige Leistung entfällt.

Stattdessen sollen die Mittel in vier verschiedene Budgets überführt werden. Geplant sind unter anderem ein Sachleistungsbudget (zwischen 889 Euro und 2.529 Euro monatlich, je nach Pflegegrad 2 bis 5) sowie ein Entlastungsbudget zwischen 386 Euro und 1.079 Euro.

Kritik kommt unter anderem vom VdK und der BAGSO. Diese warnen vor einem erhöhten Armutsrisiko, da der Entlastungsbetrag für den Pflegegrad 1 ab 2027 entfallen soll und die Punkteschwelle für diesen Pflegegrad von 12,5 auf 15 Punkte steigen könnte.

Aktuell im Jahr 2026 gelten noch die bisherigen Sätze, wie ein gemeinsamer Jahresbetrag für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege von bis zu 3.539 Euro. Auch Zuschüsse für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen von bis zu 4.180 Euro je Maßnahme können beantragt werden. Allerdings ist der KfW-Zuschuss 455-B für barrierefreien Umbau laut Mitteilung vom 30. Juli 2026 bereits ausgeschöpft, sodass derzeit primär auf Kreditvarianten zurückgegriffen werden muss.

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