Darmmikrobiom, Gramm

Darmmikrobiom: 100 Gramm Süßes hängen mit 24 Prozent weniger Vielfalt zusammen

Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 00:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Bei Blutkrebspatienten war mehr Zucker während einer Breitbandantibiotika-Gabe mit geringerer Mikrobiomvielfalt verbunden; Kausalität ist nicht belegt.

Antibiotika und Zucker: Studien zeigen Veränderungen im Darmmikrobiom
Nahaufnahme einer Petrischale mit mikrobiellen Kulturen auf einem sterilen Labortisch. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen thematisieren zunehmend das Zusammenspiel aus medikamentösen Therapien und Ernährungsmustern. Wie Berichte zeigen, können Wechselwirkungen zwischen Wirkstoffen wie Antibiotika und spezifischen Ernährungsbestandteilen die Integrität des Darmmikrobioms verändern und chronische Stoffwechselprozesse empfindlich stören.

Antibiotika und Zuckeraufnahme im Fokus

Einen detaillierten Einblick in diese Mechanismen liefert eine 2026 im Fachjournal Nature veröffentlichte Untersuchung (Dai et al., 2026; DOI 10.1038/s41586-026-11077-3).

Das Forschungsteam analysierte Daten von 173 Blutkrebspatienten nach einer allogenen hämatopoetischen Stammzelltransplantation (allo-HCT). Dabei wurden 9.419 Mahlzeiten sowie 1.009 Stuhlproben von 158 dieser Patienten ausgewertet. Rund 80 Prozent der 173 Stammzelltransplantationspatienten erhielten zeitweise Breitbandantibiotika.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass ein höherer Zuckerkonsum während der Gabe von Breitbandantibiotika mit einer geringeren Diversität des Darmmikrobioms und einem vermehrten Auftreten von Enterococcus faecium einherging.

Laut Modellschätzung sank die bakterielle Vielfalt (Alpha-Diversität) je 100 Gramm zusätzlicher Nahrung aus der Kategorie Süßigkeiten und zuckerreiche Lebensmittel – bezogen auf das Trockengewicht und nicht auf reinen Zucker – um etwa 24 Prozent.

Zudem war bei Patienten mit überdurchschnittlicher Zuckeraufnahme jeder zusätzliche Tag unter Breitbandantibiotika mit einer um 12 Prozent höheren Mortalitätsgefahr assoziiert; bei Personen mit niedrigerer Zuckeraufnahme erwies sich dieser Zusammenhang als nicht signifikant.

Ergänzende Versuche im Mausmodell bestätigten dieses Muster: Die Gabe von Saccharose nach einer Antibiotikabehandlung steigerte die Enterokokken-Last an Tag 3 um das 16,3-Fache und an Tag 6 um das 33,4-Fache im Vergleich zu Tieren ohne Zuckerzufuhr.

Allerdings betonen die Autoren, dass die Humanbefunde rein beobachtender Natur sind und keine Kausalität belegen. Ebenso gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass ein genereller Zuckerverzicht Infektionen verhindert, weshalb die Erkenntnisse nicht ohne Weiteres auf alle Antibiotikapatienten übertragbar sind.

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Gezielte Wirkstoffe und mikrobielle Gemeinschaften

Parallel dazu untersuchen Forschungsgruppen neue Ansätze zur Schonung der Darmflora. Forschende der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), des Universitätsklinikums des Saarlandes (UKS) und des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS) erprobten den Naturstoff Argyrin B gegen den Problemkeim Clostridioides difficile.

In Laborversuchen und im Mausmodell reduzierte die Substanz die Erregerlast, während nützliche Darmbakterien weitgehend verschont blieben. Bei oraler Verabreichung gelangte Argyrin B bei Mäusen kaum in den Blutkreislauf und verblieb überwiegend im Dickdarm.

Da der Wirkstoff bislang ein Entwicklungskandidat ist, müssen Folgestudien die optimale Dosierung und Wirksamkeit bei wiederkehrenden Infektionen klären.

Dass die Effekte von Nahrungsmitteln stark vom bestehenden Mikrobiom abhängen, zeigt zudem eine Studie des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI). Demnach hängt die Wirkung von Ballaststoffen von der jeweiligen Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaft ab; Ernährung allein erklärt die Unterschiede zwischen industrialisierten und nicht-industrialisierten Populationen nicht.

In einer definierten Laborgemeinschaft aus 21 Darmbakterien testete das HZI 94 Nahrungsbestandteile, von denen mehr als die Hälfte das Bakterium S. copri förderte.

Der Ballaststoff Arabinan begünstigte S. copri jedoch erst im Zusammenspiel mit E. coli oder teils Klebsiella und Salmonella. Passend dazu zeigten Mikrobiomdaten von rund 1.000 gesunden Erwachsenen ein häufigeres und vielfältigeres Vorkommen von S. copri und Enterobacteriaceae in nicht-industrialisierten Populationen.

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Begleittherapien und Wechselwirkungen

Auch bei chronischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose (MS) geraten mikrobielle Einflüsse in den Fokus. Die Propionsäure-Forschung untersucht kurzkettige Fettsäuren als Einflussfaktor auf Immunsystem und Mikrobiom, wenngleich Propionsäure keine etablierte Therapie darstellt.

Eine monozentrische Phase-2b-Studie aus dem Jahr 2026 mit 101 Erwachsenen mit klinisch stabiler MS verglich eine Zusatztherapie von zweimal täglich 500 Milligramm über 90 Tage mit einem Placebo.

In der Verumgruppe sank der Biomarker sNfL signifikant, während sich bei motorischer Fatigue ein Verbesserungstrend zeigte. Da die Studie klein war und über 90 Tage lief, sind größere Untersuchungen erforderlich; Betroffene sollten Präparate nicht eigenständig einnehmen oder bestehende Therapien ändern.

Zudem erfordern Nahrungsergänzungsmittel Aufmerksamkeit bei gleichzeitiger Medikation. Hoch dosiertes Vitamin E kann mit Blutverdünnern das Blutungsrisiko steigern, während Vitamin-A-Präparate neben Isotretinoin eine Überversorgung begünstigen können.

Da Magnesium die Aufnahme von Bisphosphonaten beeinträchtigen kann, wird ein zeitlicher Abstand von mindestens zwei Stunden empfohlen. Fachleute raten generell dazu, Supplemente stets ärztlich oder in der Apotheke abzustimmen.

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