Darmentzündung, Pilze

Darmentzündung: Pilze und Bakteriengemeinschaften als Schlüsselfaktor

Veröffentlicht am: 15.09.2026 um 09:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Forschung verbindet Morbus Crohn und Colitis ulcerosa mit Mikrobiom, Oxalat und Ernährung; Probiotika ersetzen keine ballaststoffreiche Kost.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Neue Erkenntnisse zu Mikrobiom und Ernährung
Mikroskopische Aufnahme von biologischem Gewebe in einem Laborumfeld, die medizinische Forschungsarbeit symbolisiert. Illustration mit AI erstellt.

Wissenschaftliche Untersuchungen liefern neue Einblicke in die Entstehung und Behandlung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen. Neben bakteriellen Gemeinschaften rücken Pilzbesiedlungen sowie Störungen im Stoffwechsel zunehmend in den Mittelpunkt der gastroenterologischen Forschung.

Die Ergebnisse verdeutlichen, wie komplex das Zusammenspiel aus Mikroorganismen, Genetik und Ernährung bei Krankheitsbildern wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa ist.

Pilze und Bakteriengemeinschaften bei Morbus Crohn

Ein internationales Forschungsteam um Professor Mahmoud A. Ghannoum von der Case Western Reserve University identifizierte Pilze als Schlüsselfaktor bei Morbus Crohn.

In einer Untersuchung von 20 Erkrankten aus neun Familien in Nordfrankreich und Belgien traten im Vergleich zu 28 gesunden Verwandten vermehrt die Bakterienarten Escherichia coli und Serratia marcescens sowie der Pilz Candida tropicalis auf. Den Befunden zufolge bilden E. coli und S. marcescens einen Biofilm, der entzündliche Reaktionen hervorruft.

Dass nicht einzelne Erreger isoliert wirken, bestätigt auch eine im Fachjournal Gut publizierte Arbeit unter der Leitung von Professor Dirk Haller von der Technischen Universität München. Bei genetisch veranlagten Mäusen zeigte sich eine Morbus-Crohn-ähnliche Entzündung erst nach der Verpflanzung von Mikroflora erkrankter Tiere.

Demnach sind komplexe Bakterienkombinationen für die Entzündung verantwortlich, während der Verlust von Paneth-Zellen eine Folge und nicht die Ursache des Prozesses darstellt. Vor diesem Hintergrund wird die fäkale Mikrobiota-Transplantation als Behandlungsansatz weiter erforscht.

Eine im Journal Cell Reports Medicine von Dr. Yinghong Wang vom MD Anderson Cancer Center und Dr. Christopher Fan vom Houston Methodist vorgestellte Untersuchung thematisiert den Einsatz dieser Übertragungsmethode zudem als Erstlinientherapie bei Immuncheckpoint-Inhibitor-vermittelter Diarrhö und Kolitis.

Einfluss von Oxalat und Ernährungsgewohnheiten

Stoffwechselprozesse im Darm beeinflussen das Entzündungsgeschehen ebenfalls maßgeblich. Eine Studie der UNC School of Medicine, die am 13. August 2026 im Fachblatt Cellular and Molecular Gastroenterology and Hepatology erschien, untersuchte die Rolle bestimmter Transporterproteine.

Die Autoren Dr. Anna Salvador und Dr. Shehzad Z. Sheikh wiesen nach, dass die Oxalat-Transporter SLC26A2 und SLC26A3 bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn vermindert vorkommen. Betroffene mit Morbus Crohn wiesen trotz vergleichbarer pflanzlicher Ernährung höhere Oxalatwerte im Stuhl auf.

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Bei Mäusen ging eine oxalatreiche Ernährung mit einer um 60 Prozent geringeren Überlebensrate bei künstlich herbeigeführter Kolitis einher. Zudem war eine niedrige Expression von SLC26A6 bei 75 Prozent der Patienten mit strikturierendem Morbus Crohn festzustellen.

Die Ernährung übt einen direkten Einfluss auf die Zusammensetzung der Darmflora aus. Eine Arbeitsgruppe um Dr. Laura A. Bolte von der Universität Groningen analysierte in einer im Magazin Gut veröffentlichten Studie die Daten von 1.425 Personen, darunter 331 mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, 223 mit Reizdarmsyndrom und 871 gesunde Probanden.

Hochverarbeitete Nahrungsmittel und tierische Produkte begünstigten entzündungsfördernde Bakterien wie Firmicutes und Ruminococcus. Dagegen förderte der Konsum von Pflanzen, Nüssen, fettem Fisch, Obst und Vollkornprodukten antientzündliche Arten wie Faecalibacterium, die kurzkettige Fettsäuren produzieren. Während sich Rotwein in dieser Untersuchung positiv darstellte, wirkten Alkohol und Zucker negativ.

Präventionsansätze und Grenzen von Nahrungsergänzungsmitteln

Ergänzend zu diätetischen Faktoren rücken pflanzliche Wirkstoffe in den Fokus. Dr. Aleksandra Karolina Kruk von der Medizinischen Universität Warschau erhielt eine SONATINA-5-Förderung des Nationalen Wissenschaftszentrums für ein Forschungsvorhaben zu einem ethanolischen Extrakt aus der Piwotnik-Wurzel (Tormentillae tinctura) beim Leaky-Gut-Syndrom.

Gemeinsam mit dem Microbiota Lab der Universität und dem Institut für Tierernährung der Freien Universität Berlin soll geprüft werden, inwiefern die Inhaltsstoffe die mikrobielle Vielfalt fördern, Krankheitserreger hemmen und die Barrierefunktion des Darms stärken.

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Gleichzeitig warnen Fachleute vor Fehlannahmen bei frei verkäuflichen Produkten. Laut einer US-amerikanischen Erhebung im Rahmen des National Health and Nutrition Examination Survey mit über 62.000 Teilnehmenden hat sich die Einnahme von Probiotika bei Erwachsenen zwischen 2009 und 2023 fast vervierfacht und bei unter 20-Jährigen mehr als verachtfacht.

Die Studienautorin Kira L. Newman hob hervor, dass diese Präparate lediglich ausgewählte Bakterienstämme enthalten und eine ballaststoffreiche Ernährung nicht ersetzen können, deren Zufuhr im selben Zeitraum unter den Empfehlungen verharrte.

Ernährungsberater weisen darauf hin, dass für sogenannte Darm-Reset-Kuren wissenschaftliche Belege für nachhaltige Verbesserungen fehlen und kein allgemein gültiges optimales Mikrobiom existiert. Stattdessen wird empfohlen, wöchentlich rund 30 verschiedene pflanzliche Lebensmittel sowie fermentierte Produkte zu verzehren und auf ausreichenden Schlaf sowie Bewegung zu achten.

Wie eine im Juni und Juli 2026 durchgeführte Umfrage unter 3.000 Erwachsenen für den Gut Health Economy Report von PrecisionBiotics und Novonesis zeigte, bringen in Deutschland lediglich 3 von 10 Befragten die Darmgesundheit mit gesundem Altern in Verbindung, verglichen mit fast 3 von 4 in Südkorea.

Im globalen Vergleich belegte Deutschland Platz vier; während 65 Prozent den Begriff Mikrobiom kennen, nutzen 18 Prozent täglich entsprechende Nahrungsergänzungsmittel.

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