Darmbakterien: Über 150 Medikamente werden von Mikroben abgebaut
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 02:53 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie individuelle Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaft im menschlichen Darm entscheidet maßgeblich darüber, wie Arzneimittel wirken und warum probiotische Behandlungen von Mensch zu Mensch sehr unterschiedliche Resultate erzielen. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen beleuchten die komplexen Wechselwirkungen zwischen Mikroben, Arzneistoffen und dem menschlichen Immunsystem.
Direkter Abbau von Wirkstoffen durch Darmbakterien
Dass Mikroorganismen im Verdauungstrakt Medikamente direkt chemisch verändern können, belegt eine in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Untersuchung der Yale University und der ETH Zürich.
Die Forscher testeten 76 menschliche Darmbakterienstämme an 271 klinischen Medikamenten. Fast zwei Drittel – über 150 der getesteten Präparate – wurden durch mindestens einen Bakterienstamm metabolisiert. Einzelne Stämme bauten dabei zwischen 11 und 95 verschiedene Wirkstoffe ab.
Insgesamt identifizierte das Team 868 Kandidaten-Metaboliten. Nach Einschätzung der beteiligten Wissenschaftlerin Maria Zimmermann-Kogadeeva könnten genomische Daten und die Zusammensetzung der Bakterienarten künftig genutzt werden, um die individuelle Metabolisierungsfähigkeit von Patienten vorherzusagen.
So benötigt beispielsweise das Medikament Sulfasalazin eine bakterielle Azoreduktase zur Freisetzung von 5-Aminosalicylsäure. Bei Rosuvastatin zeigte sich nach einer vierwöchigen Gabe von 10 mg, dass die Wirkung mit der Diversität der Darmbakterien korreliert.
Ausgangsflora bestimmt den Nutzen von Probiotika
Auch der therapeutische Erfolg von Probiotika hängt von der bereits vorhandenen mikrobiellen Umgebung ab. Eine in Cell Reports erschienene Studie der Universität Bern und des Inselspitals untersuchte eine Mischung aus vier Bakterienstämmen bei experimentell induzierten Darmentzündungen im Mausmodell.
Ein Schutzeffekt trat vor allem dann auf, wenn das Mittel vor Entzündungsbeginn verabreicht wurde. Bei einer Verabreichung nach Einsetzen der Symptome fiel der Nutzen geringer aus, und bei wiederholten Entzündungsschüben nahm er weiter ab.
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Tiere, die auf die Behandlung ansprachen, verzeichneten weniger Gewichtsverlust, geringere Krankheitszeichen sowie weniger Gewebeschäden. Zudem wiesen sie eine stabilere und vielfältigere Flora mit höheren Mengen an Butyrat und Propionat auf.
Studienleiter Prof. Dr. Bahtiyar Yilmaz erklärte, künftig gehe es nicht nur darum, welches Probiotikum verabreicht werde, sondern auf welches mikrobielle Umfeld es treffe. Eine Übertragung der Befunde auf den Menschen bleibt Gegenstand weiterer Prüfungen.
Konsequenzen für Immuntherapien und Krebserkrankungen
Das Zusammenspiel zwischen Medikamenten und Darmflora hat auch in der Onkologie klinische Relevanz. Wie der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in einem Bericht vom 27. Oktober 2026 darlegte, kann die Begleitmedikation das Ansprechen auf Immun-Checkpoint-Hemmer verändern.
Glukokortikoide wirken immunsuppressiv; Beobachtungsstudien und Metaanalysen zeigen, dass eine Ausgangsgabe von mindestens 10 mg Prednisolon-Äquivalent pro Tag mit niedrigeren Ansprechraten sowie einem kürzeren progressionsfreien und Gesamtüberleben einhergeht. Zudem mindern Antibiotika und Protonenpumpenhemmer (PPI) über eine Dysbiose im Darm den Therapieerfolg.
Aus Verordnungsdaten für 2018 geht hervor, dass 14,7 Prozent der Frauen und 12,2 Prozent der Männer mindestens eine PPI-Verordnung erhielten; bei über 85-Jährigen lag der Anteil bei rund 40 Prozent. Eine Interaktion mit Paracetamol wird diskutiert, eine Kausalität ist jedoch nicht belegt.
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Eine in Frontiers in Cellular and Infection Microbiology veröffentlichte Sekundäranalyse, über die am 29. Oktober 2026 berichtet wurde, identifizierte zudem mikrobielle Butyrat-Signaturen bei Lungenkrebspatienten unter Anti-PD-1-Therapie. Bei Patienten mit früher Resistenz innerhalb von 90 Tagen fielen klassische probiotische Taxa sowie der sogenannte PBAS-Score niedriger aus.
Ein höherer Score was mit einem geringeren Progressions- und Sterberisiko assoziiert, wobei die Autoren den Marker als explorativ einstufen. Ergänzend belegten Übersichten aus dem Oktober 2026, dass das Mikrobiom die Immunantwort auf mRNA-Impfstoffe moduliert und über Arzneimittel-Sequestrierung die Wirksamkeit von Chemotherapien beeinflusst.
Für rheumatische Erkrankungen identifizierten Forscher anhand öffentlicher Transkriptom-Datensätze zudem einen kombinierten Score aus sieben Genen, der das Ansprechen auf Substanzen wie Rituximab vorhersagen half.
Langzeitveränderungen durch Arzneimittel und Begleitstoffe
Medikamente verändern ihrerseits die Darmflora über lange Zeiträume. Eine Studie des Institute of Genomics der University of Tartu mit über 2.500 Teilnehmenden zeigte, dass Langzeittherapien die Bakteriengemeinschaft noch Jahre nach dem Absetzen prägen.
Demnach zeigten angstlösende Benzodiazepine ähnlich tiefgreifende Störungen wie Breitbandantibiotika, wobei sich die Effekte selbst innerhalb einer Wirkstoffklasse wie zwischen Diazepam und Alprazolam unterschieden.
Auch Antidepressiva und Protonenpumpenhemmer hinterließen messbare mikrobielle Signaturen. Prof. Elin Org betonte den Stellenwert solcher realen Gesundheitsdaten für eine umfassende Bewertung.
Neben Medikamenten können auch Lebensmittelzusatzstoffe Wechselwirkungen auslösen. Eine Laborstudie der MRC Toxicology Unit an der University of Cambridge zeigte laut einem Bericht vom 28. Oktober 2026, dass rund drei Viertel von 39 getesteten Süßstoffen das Wachstum von mindestens einem von 25 Darmbakterienstämmen veränderten. Dabei traten über 100 Wechselwirkungen mit Begleitstoffen auf; so unterdrückte Isosteviol in Kombination mit dem Antidepressivum Duloxetin bestimmte Bakterienarten synergistisch.
Hauptautorin Dr. Sonja Blasche wies darauf hin, dass die Resultate die Annahme einer metabolischen Neutralität von Süßstoffen infrage stellen, betonte jedoch das Fehlen humaner Daten.
