Calcium-Supplementierung: Metaanalyse zeigt minimalen Nutzen, hohes Herzrisiko
27.05.2026 - 18:39:57 | boerse-global.de
Die routinemäßige Einnahme von Calcium- und Vitamin-D-Präparaten zur Vermeidung von Knochenbrüchen steht massiv in der Kritik. Eine großangelegte Metaanalyse im British Medical Journal (BMJ) sowie neue Daten der Universität Hongkong zeigen: Der klinische Nutzen wird oft überschätzt, während gleichzeitig ernsthafte Risiken für das Herz-Kreislauf-System bestehen.
Geringe Wirkung bei hohem Aufwand
Die am heutigen Mittwoch im BMJ veröffentlichte Metaanalyse liefert eine fundierte Datenbasis für die Neubewertung der Osteoporose-Prävention. Die Forscher werteten 69 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 153.902 Probanden aus.
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Das Ergebnis ist ernüchternd: Weder eine Monotherapie mit Calcium oder Vitamin D noch die Kombination beider Stoffe erbrachte klinisch relevante Vorteile bei der Senkung des Fraktur- oder Sturzrisikos. Die absolute Risikoreduktion für Gesamtfrakturen lag bei lediglich einem Prozent. Dies bedeutet: 100 Personen müssen über einen längeren Zeitraum supplementiert werden, um statistisch einen einzigen Knochenbruch zu verhindern.
Bei Hüftfrakturen fiel der Effekt mit einer Reduktion von 0,3 Prozent noch geringer aus. Die Autoren wiesen zudem darauf hin, dass selbst diese minimalen Effekte primär durch eine einzige Hochrisikostudie aus den 1990er-Jahren getrieben wurden. Unter heutigen klinischen Bedingungen erscheint sie kaum reproduzierbar.
Herz-Kreislauf-Risiken steigen
Parallel zu den Zweifeln an der Wirksamkeit mehren sich die Warnungen vor Nebenwirkungen. Eine Studie der Universität Hongkong mit über 35.000 Patienten zeigt einen besorgniserregenden Zusammenhang: Bei Personen, die bereits eine erste Herz-Kreislauf-Erkrankung erlitten hatten, erhöhte die zusätzliche Einnahme von Calcium das Risiko für ein erneutes schweres Ereignis um rund zehn Prozent.
Das höchste Risiko wurde bei einer Dosierung von 1.000 Milligramm pro Tag beobachtet, wobei Männer stärker betroffen waren als Frauen. Interessanterweise scheint die Kombination aus Calcium und Vitamin D diese Gefahr nicht im selben Maße zu erhöhen. Die Deutsche Herzstiftung empfiehlt Patienten mit entsprechenden Vorerkrankungen, die Supplementierung nur nach Rücksprache mit einem Arzt fortzusetzen.
Unterstützt werden diese Bedenken durch aktuelle Warnungen aus der Toxikologie. Dr. Georg Aichinger von der ETH Zürich wies gestern darauf hin, dass eine unkontrollierte Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln – teils befeuert durch Social-Media-Trends – erhebliche Gefahren birgt. Die Kombination zahlreicher Präparate könne zu unvorhersehbaren Wirkstoff-Interaktionen und Leberschäden führen.
Eine im BMJ veröffentlichte Untersuchung aus dem Frühjahr 2026 untermauert diesen Bedarf an Aufklärung: Demnach kauften 31 Prozent der Jugendlichen Nahrungsergänzungsmittel aufgrund von Empfehlungen in sozialen Netzwerken.
Lebensstil schlägt Genetik
Dass Prävention weit über die Einnahme von Tabletten hinausgeht, wurde auch auf dem 60. Deutschen Diabeteskongress in Berlin deutlich. Eine Langzeitstudie mit 332.000 Teilnehmern über 14 Jahre belegte: Ein ungesunder Lebensstil erhöht das Risiko für Typ-2-Diabetes um das Siebenfache, während die genetische Veranlagung nur mit dem Faktor 2,6 ins Gewicht fällt. Insgesamt könnten über 55 Prozent der Neuerkrankungen durch Verhaltensänderungen vermieden werden.
Dieser Zusammenhang lässt sich auf die Knochengesundheit übertragen. Chronische Erkrankungen wie Diabetes oder rheumatoide Arthritis gelten als direkte Risikofaktoren für den ab dem 40. Lebensjahr einsetzenden Knochenabbau.
Ein wesentlicher Aspekt des Lebensstils ist die Ernährung. Die NutriNet-Santé-Studie mit 112.000 Teilnehmern zeigte: Bestimmte Konservierungsstoffe wie E202, E224 und E250 steigern das Risiko für Bluthochdruck um 29 Prozent und für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 16 Prozent. Im Gegensatz dazu deutet eine heute in „Neurology“ veröffentlichte Studie darauf hin, dass eine hochwertige pflanzliche Kost das Risiko für altersbedingte Erkrankungen wie Demenz um elf Prozent senken kann.
Zelluläre Alterung im Fokus
Auch die zelluläre Alterung rückt in den Fokus der Präventionsforschung. Das Leibniz-Institut für Alternsforschung in Jena veröffentlichte gestern Ergebnisse, wonach ein altersbedingter Rückgang von Phosphatidylcholin die Funktion der Mitochondrien stört. Die Energieverteilung in den Zellen werde dadurch beeinträchtigt, was degenerative Prozesse beschleunigt.
In Modellorganismen konnte die Zufuhr von Cholin oder Phosphatidylcholin die Mitochondrienfunktion stabilisieren. Diese Erkenntnisse könnten zukünftig neue Wege eröffnen, um die Vitalität des Gewebes – einschließlich der Knochensubstanz – im Alter zu erhalten.
Wirtschaftliche Kosten mangelhafter Vorsorge
Die gesundheitspolitische Relevanz wirksamer Prävention wird durch die ökonomischen Kosten unterstrichen. In Österreich forderte die Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser gestern verstärkte Maßnahmen zur Sturzprävention und regelmäßige Medikationschecks. Die durch Stürze verursachten Kosten belaufen sich laut Daten des Hilfswerks auf etwa 1,7 Milliarden Euro pro Jahr.
Da fast die Hälfte der Bewohner in Pflegeheimen täglich zehn oder mehr Medikamente einnimmt, besteht hier enormes Optimierungspotenzial. Allein die konsequente Vermeidung von Delir-Zuständen in Krankenhäusern könnte die Pflegefolgekosten um jährlich 90 Millionen Euro senken.
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Als wirksame Alternativen zur reinen Supplementierung gelten Bewegungsprogramme. Gezielte Übungen zur Kräftigung, Beweglichkeit und Ausdauer können auch im höheren Alter dazu beitragen, Knochenmasse aufzubauen oder deren Abbau zu verlangsamen. Ergänzt durch eine calciumreiche natürliche Ernährung und die Kontrolle des Vitamin-D-Spiegels einmal pro Jahr, bildet körperliche Aktivität das Fundament einer modernen Osteoporose-Vorsorge.
Neue Wege in der Behandlung
Für Fälle, in denen präventive Maßnahmen nicht ausreichen, bietet der technologische Fortschritt neue Lösungen. Die Hadassah Medical Organization in Jerusalem meldete gestern den erfolgreichen Einsatz von 3D-gedruckten Implantaten zur Rekonstruktion von Becken, Hüfte und Oberschenkel bei einer Patientin mit einer seltenen Knochenerkrankung. Solche Eingriffe ermöglichen die Wiederherstellung der Mobilität bei massiven Knochendefekten, die früher als kaum behandelbar galten.
Auf pharmazeutischer Ebene wird zudem an neuen Wegen zur Reduktion systemischer Risikofaktoren gearbeitet. Eli Lilly präsentierte am Montag Ergebnisse einer Phase-1b-Studie für das Wirkprinzip des In-vivo-Base-Editing (VERVE-102), das eine dauerhafte Senkung des LDL-Cholesterins ermöglicht. Da Fettleibigkeit und damit verbundene Stoffwechselstörungen auch Nervenschäden verursachen und die Entzündungslast im Körper erhöhen, tragen solche Fortschritte indirekt zur Erhaltung der Knochengesundheit bei. Die Einleitung einer Phase-2-Studie ist für Ende 2026 geplant.
Die Zeit der pauschalen Nährstoff-Supplementierung endet zugunsten einer differenzierten, lebensstilorientierten Medizin. Die aktuellen Daten fordern Patienten und Mediziner gleichermaßen auf, den Fokus von der Tabletteneinnahme weg und hin zu einer aktiven Lebensweise, bewusster Ernährung und fundierter, individueller Diagnostik zu lenken.
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