Bundestag beschließt umfassende Apothekenreform
24.05.2026 - 18:04:09 | boerse-global.deDer Bundestag hat am 22. Mai 2026 ein weitreichendes Apotheken-Paket verabschiedet. Apotheker dürfen künftig Impfen und Blut abnehmen – die Honorare steigen erstmals seit über einem Jahrzehnt.
Die Reform, die von der Regierung unter Kanzler Merz vorangetrieben wurde, erweitert die Befugnisse der Apotheker deutlich. Gleichzeitig passt sie die Vergütungsstruktur für verschreibungspflichtige Medikamente an. Das Gesetz ist Teil einer größeren Digitalisierungsoffensive, zu der auch das am 21. Mai verabschiedete Digital-Identitäts-Gesetz gehört.
Der Gesundheitssektor steht unter doppeltem Druck: Einerseits müssen die Apotheken vor Ort gestützt werden, andererseits gilt es, die digitale Infrastruktur gegen immer raffiniertere Cyberangriffe zu wappnen. Die neuen Regelungen schaffen nun Klarheit – sowohl über die erweiterten Serviceleistungen für Patienten als auch über die technischen Standards für die Verwaltung von Gesundheitsdaten.
Neue Aufgaben für Apotheker
Die im Frühjahr 2026 verabschiedete Reform überträgt Apothekern Aufgaben, die bislang Ärzten vorbehalten waren. Künftig dürfen sie alle Totimpfstoffe verabreichen – etwa gegen Tetanus und FSME. Auch Blutabnahmen sowie Schnelltests auf Grippe und Noroviren sind nun in der Apotheke möglich.
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Besonders bemerkenswert: In Ausnahmefällen dürfen Apotheker bestimmte verschreibungspflichtige Medikamente ohne ärztliche Anordnung ausgeben – allerdings nur für Patienten mit dokumentierten chronischen Erkrankungen.
Finanziell bringt die Reform eine lang überfällige Anpassung. Die Fixgebühr pro verschreibungspflichtiger Packung steigt von 8,35 Euro auf 9,50 Euro. Das soll vor allem kleinere Apotheken stabilisieren. Der GKV-Spitzenverband rechnet jedoch mit Mehrkosten von rund 875 Millionen Euro jährlich für die gesetzliche Krankenversicherung. Um die Kosten zu begrenzen, enthält die Reform eine zweijährige Einschränkung bestimmter Rabattverträge.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) zeigt sich skeptisch. Man sehe die Übertragung medizinischer Diagnose- und Präventionsaufgaben an Nicht-Ärzte mit Sorge.
Mehr Flexibilität für Landapotheken
Die Reform bringt auch operative Erleichterungen, besonders für kleinere Filialen. Pharmazeutisch-technische Assistenten (PTA) dürfen künftig unter bestimmten Bedingungen bis zu 20 Tage im Jahr eine Apotheke leiten. Diese Regelung soll Schließungen in ländlichen Regionen verhindern, wenn Personalengpässe drohen.
Zeitplan für elektronische Spezialrezepte
Während das E-Rezept für gesetzlich Versicherte seit dem 1. Januar 2024 Pflicht ist, hat die Regierung nun einen neuen Zeitplan für komplexere Verordnungen vorgelegt. Elektronische T-Rezepte (für besonders sicherheitsrelevante Medikamente) und E-BtM-Rezepte (für Betäubungsmittel) sollen bis zum 1. März 2028 verpflichtend werden.
Ursprünglich war die Einführung bereits für Mitte 2025 geplant – der Termin wurde also deutlich verschoben. Apotheken müssen die digitalen Formate bis zur neuen Frist unterstützen. Ausnahmen gibt es nur bei technischen Störungen oder in Notfällen. Die technische Basis liefert die gematik-Infrastruktur, die die E-Rezept-App und die Verarbeitung von Rezeptcodes über die Gesundheitskarte ermöglicht.
Die Digitalisierung der Rezepte ist Teil eines größeren Ökosystems elektronischer Gesundheitsdienste. Seit Januar 2025 steht allen gesetzlich Versicherten die elektronische Patientenakte (ePA) im Opt-out-Modell zur Verfügung. Seit dem 1. Oktober 2025 müssen Ärzte zudem alle relevanten Patientendaten dort hochladen. Die Regierung verspricht sich davon mehr Sicherheit und weniger Rezeptbetrug – ein Problem, das der Verband der Ersatzkassen (vdek) vor allem bei Papierrezepten für teure Krebsmedikamente und Schmerzmittel sieht.
Cyberangriffe als wachsende Gefahr
Die Beschleunigung digitaler Gesundheitsdienste fällt mit einer Zunahme von Cyberrisiken zusammen. Mitte April 2026 traf ein schwerer Angriff die Abrechnungsfirma Unimed. Persönliche und medizinische Daten zehntausender Privatpatienten von Universitätskliniken in Köln, Düsseldorf, Heidelberg und mehreren anderen Städten wurden gestohlen.
Die Bedrohungslage verschärft sich. Im ersten Quartal 2026 stiegen die Fälle von Banking-Trojanern um 196 Prozent auf rund 1,24 Millionen Fälle. Und: 86 Prozent aller Phishing-Kampagnen werden inzwischen von Künstlicher Intelligenz gesteuert – sie sind dadurch deutlich schwerer zu erkennen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnt speziell vor „Quishing" – Phishing über QR-Codes –, das weltweit um 150 Prozent zugenommen hat.
Digital-Identitäts-Gesetz als Antwort
Genau hier setzt das am 21. Mai verabschiedete Digital-Identitäts-Gesetz an. Es schafft die Grundlage für sicherere Authentifizierungsmethoden. SMS-basierte Verfahren sollen durch biometrische Passkeys und integrierte digitale Ausweise abgelöst werden.
Eine aktuelle YouGov-Umfrage zeigt, warum das nötig ist: 74 Prozent der Nutzer halten ihre Passwörter für sicher – doch nur 25 Prozent nutzen tatsächlich die Zwei-Faktor-Authentifizierung. Gerade einmal 32 Prozent haben Passkeys eingeführt. Das neue Gesetz soll diese Sicherheitslücke schließen, indem es einheitliche digitale Identitäten für Verwaltungs- und Gesundheitsdienste verpflichtend macht.
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Modernisierung der Verwaltung
Die Apotheken- und Gesundheitsreform ist Teil eines umfassenden Trends zur Verwaltungsdigitalisierung. Ab dem 1. Oktober 2026 wird das digitale Führungszeugnis als PDF im zentralen „BundID"-Konto bereitgestellt. Die Wirtschaft soll dadurch jährlich rund 440.000 Euro sparen.
Ein Pilotprojekt in Dresden geht noch weiter: Ab Sommer 2026 testet die Stadt ein „Fast-Startup"-Verfahren. Die Gewerbeanmeldung soll von mehreren Wochen auf 24 Stunden verkürzt werden – vollständig digital. Auch Baden-Württemberg plant in seinem neuen Koalitionsvertrag ein „Effizienzgesetz", um bürokratische Hürden für Unternehmen abzubauen.
Die Digitalisierung hat allerdings ihren Preis. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) hat einen PR-Vertrag über bis zu 2,22 Millionen Euro pro Jahr an externe Agenturen vergeben, um die Kommunikation rund um die Umstellung zu managen. Auch andere Ministerien geben Millionen für externe Beratung und Online-Kommunikation aus.
Ausblick: Wohin steuert die digitale Gesundheit?
Der Apothekensektor in Deutschland steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Bis März 2028 müssen alle Rezepte elektronisch abgewickelt werden. Ob die Reform gelingt, hängt maßgeblich davon ab, ob die Apotheken vor Ort die neuen klinischen Dienstleistungen integrieren können – und gleichzeitig die steigenden Kosten für Patienten stemmen, deren Zuzahlungen im Januar 2027 erneut steigen.
Die Regierung setzt auf ihre „High-Tech-Agenda" mit Fokus auf Datensouveränität und Sicherheit. Die Integration der Telekom Cloud in staatliche Strukturen zeigt, dass Verwaltungs- und Gesundheitsdaten künftig ausschließlich in deutscher Hoheit verarbeitet werden sollen.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Pilotprojekte in Dresden und das digitale Führungszeugnis halten, was sie versprechen. Für Patienten und Leistungserbringer gilt gleichermaßen: Die Effizienz digitaler Dienste muss mit dem rigorosen Schutz sensibler medizinischer Daten in Einklang gebracht werden. Ein Balanceakt, der über den Erfolg der gesamten Reform entscheiden könnte.
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